Ja!

Ob man mit Rechtsextremen streitet oder ob man ihre Produkte vertreibt, ist ein Unterschied. Die Absage ist plausibel. Von Iris Radisch

Die linke und feministische Autorin Margarete Stokowski möchte keine Lesung abhalten in einem Umfeld, in dem rechtsextreme Bücher angeboten werden. Sie ist zwar der Ansicht, dass mit dem Grundgesetz verträgliche fremdenfeindliche Bücher in Deutschland verkauft werden sollten. Sie möchte aber Verleger und Verkäufer rechtsextremer Ware nicht durch ihre Auftritte kommerziell und ideell unterstützen. Deswegen hat sie eine Lesung in einer Münchner Buchhandlung, die Bücher rechtsextremer Verlage führt, abgesagt. Das ist nicht nur ihr gutes Recht. Das ist auch verständlich.

Natürlich verlangt unser Liberalismus von uns zu Recht eine bis an die Schmerzgrenze gehende Toleranz gegenüber anderen Meinungen und Handlungen. Der Linke sollte genauso bereitwillig mit Rechten reden, wie der Vegetarier sich mit dem Abonnenten von Beef zu Tisch setzen sollte. Wo kämen wir hin, wenn jeder sich in seinen stillen, heilen Weltbildwinkel zurückzöge! Dennoch funktioniert das liberale Freiheitsgebot, unbedingt alle nur möglichen Optionen und Meinungen zuzulassen, nur im blau-gelben Ideenhimmel so richtig gut. Auf Erden wird es ungemütlicher, wenn freie Entscheidungen unangenehme Folgen in der großen gesellschaftlichen Endabrechnung haben. Wer sein Hähnchen bei Aldi kauft, unterstützt damit eine erlaubte, aber grausame Form des Wirtschaftens. Wer so frei ist, sich für ein 10-Liter-Auto zu entscheiden, befördert den Klimawandel. Und wer beim Anbieter rechtsextremer Meinungsware auftritt, trägt nach Meinung der politisch engagierten Autorin zur unerwünschten Ausweitung der ideologischen Kampfzone bei.

Nun mag die Absage einer Lesung in einer renommierten, preisgekrönten Buchhandlung – die Buchhandlung Lehmkuhl wurde 2016 von Kulturstaatsministerin Monika Grütters mit dem Gütesiegel des Deutschen Buchhandlungspreises ausgezeichnet – ein besonders penibler Akt des Widerstandes gegen die Verbreitung rechtsextremer Ware in einem der nobelsten Zentren deutscher Buchhandlungskultur sein. Aber plausibel ist sie dennoch. Es ist nämlich ein Unterschied, ob man mit Rechtsextremen streitet (was immer gut ist), oder ob man ihren Produkten an prominenter Stelle eine relevante Verkaufsfläche einräumt und ihren Handel und Wandel damit befördert. Denn Platzfragen sind immer auch Machtfragen. Und das Buchgeschäft entscheidet sich nun mal auf dem Platz. Siebzig Prozent der Leser kaufen nur, was sie in der Buchhandlung sehen. Gute Buchhändler sind deswegen Vertrauenspersonen. Was sie auslegen, darf der Kunde mit Recht für relevant halten: Eine staatlich preisgekrönte Buchhandlung wird ja wohl keinen ausgemachten Schund feilbieten. Dass die Münchner Qualitätsbuchhandlung die Schriften des Antaios Verlages für relevant genug hält, um ihre Angebotsfläche zu besetzen, wird ihr niemand streitig machen – obwohl das ewige liberale Verständnis für den Illiberalismus einem auch auf die Nerven gehen darf. Was die Buchhandlung nun mindestens ertragen muss, ist eine junge Autorin, die sagt: Ich will nicht dabei gewesen sein.