DIE ZEIT: Am 9. November 1989 fiel die Mauer – jetzt, 29 Jahre später, gibt es Hetze gegen Migranten in Chemnitz, steht die AfD bei Umfragen auf einem Allzeithoch, gibt es vielerorts riesige Unzufriedenheit. Verstehen Sie den Osten noch?

Sebastian Dorgerloh: Den Osten verstehen – so eine Frage kann nur ein Wessi stellen. Sie müssen beide aus dem Westen kommen, oder?

ZEIT: Stimmt. Aber wir fragen Sie, weil Sie alle aus dem Osten kommen und alle drei nach der Wende große Karrieren gemacht haben – als Generalintendant des Humboldt Forums, als Minister, als Pflegedirektor eines großen Krankenhauses. Sie gehören als Ostdeutsche also zum gesamtdeutschen Establishment. Das ist selten.

Hartmut Dorgerloh: Da sind wir schon bei einem entscheidenden Punkt. Nach der Wende gab es einen totalen Elitenaustausch. Fast alle Spitzenpositionen wurden mit Westdeutschen neu besetzt. Die Unzufriedenheit, die wir heute im Osten spüren, ist auch eine Verarbeitung solcher Erfahrungen: Welche Biografien gelten etwas? Wer erfährt welche Wertschätzung?

Stephan Dorgerloh: Ich war nicht nur als Kultusminister in Sachsen-Anhalt viel im Land unterwegs. Wenn ich heute mit AfD-Wählern spreche, dann höre ich Geschichten von Demütigungen und Zurücksetzungen aus den frühen 1990er-Jahren. Die Leute gingen am 2. Oktober 1990 ins Bett und wachten am 3. Oktober 1990 in einem neuen, unbekannten System auf, das nun nicht gleich durch Wertschätzung und Anerkennung ihrer Lebensleistung auffiel. Das wirkt bis heute nach, ja kommt manchmal erst jetzt richtig hoch.

ZEIT: Warum?

Stephan: Mit dem Dresdner Politologen Hans Vorländer diskutierte ich jüngst, dass die Ostdeutschen die Flüchtlingsdynamik als "zweite Invasion" empfinden. Als "erste Invasion" gilt die Zeit von 1990 und 1991, als die zweite und dritte Reihe West plötzlich die erste Reihe Ost wurde. Da sitzen sie bis heute – und manche wurden heimisch.

ZEIT: In Chemnitz und Dresden gehen oft Leute auf die Straße, die aus gesicherten Verhältnissen stammen.

Hartmut: In der Tat – viele stammen aus etablierten Milieus. Und es gibt fast keine Ostdeutschen, die es im Westen in Spitzenpositionen geschafft haben. Johanna Wanka, die frühere Wissenschaftsministerin in Brandenburg, wurde danach die erste Landesministerin aus dem Osten in Westdeutschland, in Niedersachsen. Soweit ich weiß, blieb sie die einzige Ausnahme bis heute. Außer Franziska Giffey gibt es keine Ostdeutsche im Bundeskabinett – allein aus NRW dagegen drei. Von den rund 200 Dax-Vorständen sind nur zwei Prozent in der ehemaligen DDR geboren.

ZEIT: Sehen Sie eine bewusste Ausgrenzungsstrategie dahinter?

Hartmut: Nein, aber viele Chancen sind vertan worden. Warum gab es keine neue Verfassung, keine neue Nationalhymne? Der Umzug der Regierung nach Berlin war die einzige große Symbolhandlung der Einheit. Und bis heute traut man vielen Ostdeutschen zu wenig zu: weil sie keine etablierten Netzwerke haben, weil ihre Lebensläufe anders sind – ohne die Aufenthalte im Ausland etwa, die für viele Wessis selbstverständlich sind. Weil sie oft anders auftreten.

ZEIT: Sie drei haben es als Ostdeutsche aber ziemlich weit geschafft. Warum?

Stephan: Hätte mir jemand vor 89 prophezeit, dass ich als Präsident der Kultusministerkonferenz einmal in dem Saal in Helsinki sitze, in dem 1975 die KSZE-Akte verhandelt wurde – ich hätte ihn für völlig verrückt erklärt. Warum es doch möglich war, frage ich mich manchmal auch. Wahrscheinlich ist es ein Mix aus Mut und viel Glück.

ZEIT: Und solches Glück und solchen Mut hatten zu wenige im Osten?

Sebastian: Wir drei haben früh gelernt, selbstständig für uns und andere Verantwortung zu übernehmen. Das lag in der Familien-DNA: Selbstvertrauen. Wir drei haben Jugendgruppen geleitet, auf Rüstzeiten diskutiert, Theater gespielt. Das hat uns danach geholfen.