Auch Hans-Joachim "Aki" Watzke, ewiger Manager von Borussia Dortmund, CDU-Mitglied und Merkel-Kritiker, will seine Partei neu aufstellen. In den letzten Jahren sei sie "zu viel Kanzlerwahlverein und zu wenig stolze und ambitionierte Volkspartei" gewesen. Und er ist Fan von Jens Spahn, weil dessen Politik der CDU verlorene Wähler zurückbringen könne: Schließlich dürfe die Partei nicht ein Wählerpotenzial von 10 bis 20 Prozent rechts liegen lassen, "indem sie permanent die eigene Position nach links verschiebt". Ansagen aus der Rechtskurve des Ruhrpotts; sie findet man neben vielen anderen O-Tönen in der ersten Biografie des CDU-Politikers Jens Spahn, geschrieben vom Chefredakteur der Rheinischen Post, Michael Bröcker.

Es ist eine interessante Nahaufnahme einer ehrgeizigen Karriere, ohne sonderlich originelle Thesen oder stilistische Ambitionen, dafür aber eine gut informierte, genaue Milieustudie einer Volkspartei – in dem Moment, in dem ihr Turbulenzen bevorstehen. Den Wettlauf um den Parteivorsitz konnte Bröcker allerdings nicht mehr aufnehmen – wenigstens liegt der 38-jährige Spahn jetzt mit seiner Biografie vor seinen davoneilenden Konkurrenten Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz. Der Schnellste will Spahn ja ohnehin immer sein.

Nahaufnahme heißt: aus allernächster, wohlwollender Nähe. Keine Hofberichterstattung, aber Kritik gibt es an diesem umstrittenen deutschen Politiker allenfalls in homöopathischen Dosen. Der Stratege Spahn hat für seinen Biografen daher auch das amüsante Familienalbum aufgeblättert, von Baby- und Karnevalsprinzenfotos bis hin zu frühen Schnappschüssen mit Merkel. Das Hochzeitsbild mit Daniel Funke, dem Chef des Berliner Bunte-Büros, von 2017 fehlt nicht. Und wir erfahren, wie das erste Date der beiden im April 2013 verlief: "Spät am Abend haben wir gemeinsam Roger Whittaker gehört", erzählt Funke. Eine Woche zuvor hatte ihm der CDU-Jungstar die erste SMS geschickt: "Wollen wir uns nicht mal auf ein Bier treffen? Ich könnte aber auch mit einer ehrlichen Antwort leben."

Bei den Nikolaus-Partys des Paars in Berlin-Schöneberg treffen sich die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali, Bild-Chefredakteur Julian Reichelt und Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch. Angela Merkels historische Leistung, die Linksverschiebung der Union in die mehrheitsfähige Mitte der Gesellschaft, ist ja auch daran zu ermessen, dass ein konservativer, schwuler Unionspolitiker Kanzler werden könnte – womöglich gegen einen schwulen SPD-Kandidaten Kevin Kühnert. Dass Spahn Kanzler werden will, daran lässt er keinen Zweifel. Schon seine Mitschüler schrieben als Berufswunsch in der Abi-Zeitung unter sein Foto: "Bundeskanzler, was sonst?" Die sexuelle Orientierung war für ihn nie ein besonderes Thema. Der 21-jährige Spahn outet sich gegenüber seinen ahnungsvollen Eltern prophylaktisch, als er 2002 in seiner münsterländischen Heimat für den Bundestag kandidieren will.

Blutjung also steigt Spahn in die Politik ein, nachdem er mit 15 in die Junge Union, mit 17 in die CDU eintrat. Früh ist klar, dass der Jungdynamiker nach oben will. Den Aufstieg erzählt Bröcker minutiös nach, ebenso wie später die vielen Konflikte in Berlin. Der ideologisch-weltanschauliche Stoff, aus dem der Konservative Spahn gemacht ist, verschwindet dahinter. Bröcker rekonstruiert die lokalen Allianzen und innerparteilichen Gegnerschaften, den enormen Arbeitseifer und die Energie, mit der der begabte Rhetoriker schon als Zwanzigjähriger Medien- und Machttechniken erlernt, um Ämter und Mandate kämpft.

Vieles daran erinnert in seiner zielstrebigen Besessenheit an den jungen Helmut Kohl. "Jens war auch nicht der Brioni-Typ", sagt jemand von damals, was ihm zweifellos geholfen hat. Dass Zuspitzungen und brennender Ehrgeiz einen nicht unbedingt sympathisch machen, nimmt er in Kauf und setzt auf seine organisatorische Ausdauer: Wer so früh startet, hat länger Zeit – auch nach dem Parteitag jetzt im Dezember. Der CDU-Grande Volker Bouffier staunt jedenfalls über den heute zwischen Metropole und Münsterland schillernden Gesundheitsminister: "Er ist in sich selbst ein Kunstwerk."

Michael Bröcker: Jens Spahn. Die Biografie; Herder Verlag, Freiburg 2018; 304 S., 24,– €