Die Zweite Republik ist tot. Was kommt nun? Das ist offen. Jörg Haider kaperte in den 1990er-Jahren den Begriff der Dritten Republik. Sie ist nun unterwegs, aber sie ist auch eine politische Eileiterschwangerschaft – sie wird nicht voll und ganz ins Leben finden. Sie ist ein Intermezzo auf dem Weg zu etwas Neuem, zur Vierten Republik. Diese wird für Österreich, wie in westlichen Demokratien üblich, den politischen Pendelschlag bringen. Die Vierte Republik wird – anders als die Zweite – kein dominantes Primärmuster mehr haben, das über sieben Jahrzehnte währt. Sie wird einfach eine liberale Demokratie mit fünf bis sechs Parlamentsparteien sein, die sich über die Jahrzehnte zu unterschiedlichen Regierungskonstellationen zusammenfinden.

Das wesenskonstituierende Element der Zweiten Republik war das rot-schwarze Machtkartell. Das politische Arrangement führte zur Aufteilung des Landes in zwei Machtsphären. Diese Formel basierte auf den traumatisierenden Erfahrungen der kurzen Sequenz Bürgerkrieg im Jahr 1934 und der brutalen Demontage der Sozialdemokraten und Christlich-Sozialen durch die Nationalsozialisten. Mit dem Zusammenbruch des Nazi-Terrors kam eine große Chance. Und sie wurde genutzt: Obwohl man sich weder mochte noch schätzte, sicherten sich Rot und Schwarz ab 1945 wechselseitig zu, die Macht fortan zu teilen.

Da das Misstrauen von Beginn an groß blieb, war es ein pragmatischer Zug, sich so eng aneinanderzuketten, dass der eine ohne den anderen nicht konnte. Gründete der eine einen Fußballclub, dann bekam der andere auch einen. Dominierte der eine die Feuerwehr, griff sich der andere die Dorfmusik. Bildete sich einer einen Wanderverein ein, musste der andere auch einen haben. Dasselbe galt für Rettungsdienste, Pflegevereine und Autofahrerclubs. Bis in die letzte Ritze der österreichischen Gesellschaft sollte der rot-schwarze Faden gesponnen werden.

Für die Entwicklung des Landes erwies sich dieser österreichische Weg über Jahrzehnte als erfolgs- und wohlstandsfördernd. Allerdings war ein Wechsel der Machtkonstellationen im Sinne demokratischer Erneuerung nicht vorgesehen. Mit dem Aufstieg der Freiheitlichen ab den 1990er-Jahren wurde diese Machtmechanik an einigen Stellen angekratzt. Es bildeten sich erste Inseln der rot-schwarzen Ohnmacht; geradezu ikonisch überhöht in Kärnten. Aber im Wesentlichen setzte die Zweite Republik den schwarz-roten Gleichschritt fort.

Ein zentraler Dreh- und Angelpunkt der politischen Gestaltungsdynamiken war die Sozialpartnerschaft. Sie agierte als informelle Nebenregierung. Mit großen Verdiensten. Jedoch verkam sie schlussendlich zu einer macht- und parteipolitischen Schablone mit großer Vergangenheit und fragwürdiger Zukunft. Denn sie ist ein abgeleitetes Sekundärmuster des dichotomen Machtkartells. Ohne jenes ist sie im bisherigen Zuschnitt nicht lebensfähig; und ein neuer Zuschnitt wollte bislang nicht gefunden werden.

So trug das rot-schwarze Machtarrangement den Keim der strukturellen Korruption und Verkrustung in sich – beides prominente Feinde der Vitalität und Innovation. Mit 2017 schließlich überlebte sich dieses System endgültig. Der Todeskampf dauerte über mehr als zwei Jahrzehnte. Natürlich werden Versatzstücke des Systems in manchen Ecken und Enden noch weiterleben. Nichts ist so zäh wie Organisationskultur. Das gilt auch für jene ganzer Länder. Doch im Großen und Ganzen ist die Zweite Republik mit ihrem wesenskonstituierenden Element des bipolaren Machtkartells am Ende. Das Alte liegt unwiederbringlich im Sterben, das Neue ist noch nicht ganz da.

Auf europäischer Ebene und weltweit spiegeln sich ähnliche Dynamiken. Die Welt ist Vuka geworden – volatil, unsicher, komplex und ambivalent. Befeuert wurden diese Entwicklungen durch die fortschreitende Globalisierung, die Finanz- und Wirtschaftskrise, anhaltende Migrations- und Flüchtlingsströme sowie die beschleunigende Wirkung der Digitalisierung. Letztere hat auch zur Zersetzung bislang hoch dekorierter Nachrichten- und Informationsfilter sowie zur übersteigerten Dramatisierung des politischen Diskurses geführt, wobei hier Fake-News, Troll-Fabriken, Shitstorms und Hate-Speech nur exemplarisch genannt sind.