Osnabrück, abgekürzt Osna, wie das schon klingt. Also eigentlich gar nicht, wenn man ehrlich ist, und ehrlich ist man hier. Ehrlich und langweilig, aber zufrieden, um, bevor es losgeht, also wir losgehen, schnell die Klischees durchzunehmen. 2002 hat es eine Studie gegeben, der zufolge die Menschen in Osnabrück die zufriedensten Deutschen waren. Ist zwar Ewigkeiten her, aber jene Osnabrücker, die sich erinnern, zitieren stolz das Ergebnis von damals, mindestens so gern wie den strapazierten Beititel Friedensstadt, den sie sich allerdings mit Münster teilen. Und beim Thema Münster ist es mit der Zufriedenheit vorbei, dazu gleich noch.

Erst mal gehen wir los und – jetzt warten Sie doch mal! Wieso wollen Sie denn, aus dem Bahnhof tretend, rechtsherum, den Puffhäusern entgegen? Das hier ist eine seriöse Zeitung, reißen Sie sich zusammen. Kommen Sie lieber mit geradeaus, über die Möserstraße und weiter, bis wir die Hase erreichen, den Fluss dieser Stadt. Zugegeben, vielerorts ist sie bloß ein Rinnsal. Aber im Tiefgeschoss des Kaufhauses L&T Sport, das über die Hase geklotzt wurde, schwingt sie sich zur "Hasewelle" auf: Ihr Wasser speist ein Becken, durch das künstliche Brecher rollen. Gegen Geld können Sie aufs Brett steigen. Surfstadt Osna, jetzt staunen Sie, nicht?

Zugucken und klatschen und weiter, über die Krahnstraße zum Rathaus, wo einst der Westfälische Friede vereinbart wurde. Hier kamen Schweden, Kaisergesandte und Reichsstände zusammen, um den Dreißigjährigen Krieg zu beenden. Streichen Sie über den güldenen Türknauf mit der Taube, der an den Sieg der Vernunft erinnert. Konsequenterweise ist Osnabrück auch der Geburtsort von Remarque, dem steten Friedensmahner. Dass er bald fortzog, wird Sie nicht überraschen, wenn Sie durch die Straßen gehen: Hier ist sein Werk getan.

Leider haben wir gar keine Zeit für Erich Maria, weil ein anderer Sohn der Stadt noch wichtiger ist: Felix Nussbaum. Ein Maler als Seelenkünstler, berühmt geworden am Ende der Weimarer Republik, gestorben in Auschwitz kurz vor der Befreiung des Lagers. Gemalt hat er vieles auf der Flucht, im Versteck. Seine Bilder lassen niemanden unberührt. Die Stadt hat ihm ein Museum gewidmet, extravagant entworfen von Daniel Libeskind.

Vom bildgewaltigen Schrecken müssen wir uns erholen, auf dem Wochenmarkt am Ledenhof, über Kamp und Kleine Münze leicht erreichbar. Bei einem Kaffee die kopfsteinpflasterne Gemütlichkeit der Stadt auf sich wirken lassen und danach in die Wüste.

Die Wüste, südwestlich des Schlossgartens gelegen, ist das einwohnerstärkste Viertel der Stadt. Ein Wohngebiet, dem wir ansehen, dass die Friedensstadt im Zweiten Weltkrieg zu zwei Dritteln zerbombt wurde. Hier spüren Sie, wie alle Zuschreibungen, Osna sei langweilig, zwar ihre Berechtigung haben. Sie spüren aber auch, dass es keine üble Langeweile ist, die in Sie einsickert. Sie werden ganz ruhig im Angesicht der gesichtslosen Fassaden. Spazieren weiter, an den Regenwasserrückhaltebecken vorbei, die den Wüstlingen, so nennen sich die Bewohner wirklich, als Naherholungsgebiete dienen. Wüste heißt das Viertel, weil hier einst ein eiszeitliches Niedermoor trockengelegt wurde, das "wöst" war, plattdeutsch für unbewohnbar.

Wer aus der Wüste kommt, muss durstig sein, darum steuern wir dem Finale entgegen. Joe Enochs Sportsbar liegt am Heger Tor, nahe dem Nussbaum-Haus, aber der Umweg, den wir gemacht haben, war dramaturgisch wichtig. Enochs ist Rekordspieler des VfL Osnabrück, ein Malocher mit Ball, der lieber grätschte als passte, Legende deshalb.

Wir sehen, vor Enochs’ Bar unter Bäumen, die Studenten auf ihren Rädern vorbeirauschen, eine Eile vortäuschend, die sie nicht haben, weil sie ja Studenten sind. Und wir sehen es ihnen gern nach, weil Osnabrücker Studenten echt nett sind und nicht so eine besserwisserische Studentenhaftigkeit vor sich herfahren wie die Immatrikulierten aus Münster auf ihren Designer-Fixies für 1000 Euro. Auch das ist hier, Sie haben es längst gemerkt, wichtig: die ständige Abgrenzung von Münster, das nicht weit ist, aber beliebter als Osnabrück.

Vielleicht hängt das ja alles miteinander zusammen, denken wir, während wir das dritte Osnabrücker Fasspils trinken. Vielleicht ist man zufrieden in der Friedensstadt, weil alles friedlich ist, und vielleicht ist Langeweile die ultimative Form des Friedens. Münster ist Großstadt, schöner und gibt sich weltläufig. Osnabrück hat das nicht nötig, weil Osnabrück Joe Enochs hat. Enochs ist die Reverenz dieser Stadt an die große, weite Welt. Ein Kalifornier, der nach seiner Karriere geblieben ist, weil er Osnabrück schöner findet als Kalifornien. Hat er in einem Interview gesagt. Friede sei mit ihm, und Friede sei jetzt auch mit uns.