Die Idee kam uns lange vor Probenbeginn. Mein Bühnenbildner Jonathan Mertz und ich saßen zusammen, entwickelten und verwarfen Konzepte und schauten zwischendurch Clips mit Benjamin von Stuckrad-Barre, Autor und Hauptfigur des Textes, auf YouTube an: seine Talkshows, seine Auftritte bei Harald Schmidt und bei Zimmer frei – um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie er redet und wirkt, und um unsere Fantasie immer wieder auf die schnöde Realität dieser Clips krachen zu lassen. Panikherz ist ja ein Stoff, der in weiten Teilen biografisch ist – und der mich vor eine Herausforderung stellte, mit der ich vorher noch nie zu tun hatte: Die Hauptfigur gibt es wirklich, und sie ist prominent, ebenso wie viele andere Figuren im Roman. Wie soll man damit umgehen, dass die Zuschauer die Figuren, die auf der Bühne von Schauspielern gespielt werden, als echte Menschen im Kopf haben? Ich wollte mich davor auf keinen Fall drücken, sondern, im Gegenteil, bewusst damit spielen – genau der Realitätscrash, den Jonathan und ich vor den YouTube-Videos erlebt haben, sollte zum zentralen Moment unserer Adaption werden.

Wenn man den Zimmer frei-Clip auf dem Bildschirm ansieht, wirkt er erst mal sehr prosaisch und ein bisschen trashig. Durch die Projektion auf den Nebel bekommt er etwas Geheimnisvolles, Entrücktes – es sind noch immer dokumentarische Bilder, man sieht sie aber nur schemenhaft, und das gibt ihnen eine besondere Form von Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit, fast wie eine Halluzination.

Wir hatten nur leider keine Ahnung, wie das gehen soll: Filmbilder auf Nebel zu projizieren. Wir haben dann Su Steinmassl dazugeholt, eine Videokünstlerin, mit der ich an den Münchner Kammerspielen zusammenarbeite – sie sagte, ja, das müsste gehen. Allerdings wusste auch sie nicht, wie.

In den technischen Abteilungen des Theaters herrschte große Skepsis, ob das funktionieren würde. Beziehungsweise: Alle waren sich sicher, es würde nicht funktionieren. Sobald Nebel nicht nur als diffuser Dunst, sondern wirklich als szenisches Instrument gefragt ist, bekommt jedes Repertoiretheater erst mal Panik. Denn niemand kann voraussagen, wie die Nebelschwaden sich verhalten – an einem Abend ziehen sie nach oben ab, am nächsten Abend schweben sie gemächlich in den Zuschauerraum. Das hängt davon ab, wie warm oder kalt es ist, ob im Saal hundert Zuschauer sitzen oder tausend, es liegt am Luftdruck und an vielen anderen Faktoren.

Die technische Abteilung hat dann nächtliche Nebeltests auf der Bühne veranstaltet – um auszuprobieren, ob sich Kamerabilder auf eine Nebelwand projizieren lassen. Ohne Erfolg.

Bei der Bauprobe haben wir deshalb erst mal etwas anderes ausprobiert – und die ganze Bühne vollgestellt mit Kulissen, die Motive aus dem Text illustrieren sollten: ein riesiges Gucci-Billboard, einen elterlichen Kleiderschrank, in dem man sich verstecken konnte, verschiedene Lichtobjekte, Leuchtreklame, Möbel. Die Bühne war voll – und wirkte komplett überflüssig. Sowohl Jonathan als auch mir war sofort klar, dass das so nicht geht.

Der Text, mit dem wir zu tun hatten, ist sehr detailverliebt, er beschreibt jeden Raum, jede Bewegung, jeden Gedanken. Das alles auf der Bühne abzubilden kam uns falsch vor. Wir brauchten keinen Raum, in dem die einzelnen Szenen naturalistisch stattfinden konnten, sondern verschiedene Stimmungen, in denen der Text sich ereignen konnte. Und so entstehen die einzelnen Bilder in Panikherz nur aus Nebel und Licht – und aus der Musik, die Christoph Hart live auf der Bühne mischt. Das finde ich ästhetisch wie inhaltlich richtig: Alles, was zu sehen ist, ist nur kurz da und dann sofort wieder weg. So funktioniert Pop, jeder hat seine five minutes of fame, dann verschwindet er wieder – das ist das Phänomen, an dem auch Stuckrad-Barre leidet.

Also haben wir alles rausgeworfen und von vorn angefangen – mit einem Bühnenbild aus nichts als Schall und Rauch, was zu ziemlichem Stress mit dem Theater geführt hat, weil dort für uns schon Werkstattzeiten reserviert waren. Die Techniker sagten: "Gut, ihr müsst nur wissen – wenn eure Nebelidee nicht funktioniert, habt ihr eine leere Bühne."