Mehr als fünf Jahre hat es gedauert, bis Niels H. im Juni 2005 gestoppt wurde. Eine Kollegin ertappte ihn quasi auf frischer Tat, als er ein nicht verordnetes Mittel gegen Herzrhythmusstörungen in einer toxischen Dosis spritzte. Die Kollegin reagierte sofort, das Opfer überlebte den Anschlag. Damit hätte sein tödliches Treiben eigentlich zu Ende gewesen sein müssen – sollte man meinen.

Doch das Merkwürdige geschah: Obwohl die Krankenschwester umgehend ihre Vorgesetzten informierte, ließen diese Niels H. weiterarbeiten – selbst dann noch, als im Blut des Patienten das tödliche Mittel, Ajmalin, nachgewiesen wurde. Zwei Tage später brachte Niels H. ein weiteres Opfer um und ging in den Urlaub. Die Klinikverantwortlichen brauchten eine weitere Woche, bis sie die Polizei informierten.

Wenn sich Niels H. nun also wegen insgesamt 100 Morden vor dem Landgericht Oldenburg verantworten muss, dann geht es um weit mehr als nur die Frage, wie ein Einzeltäter so etwas tun konnte. Gleich zum Prozessauftakt in der vergangenen Wochen hat der Ex-Krankenpfleger – der bereits wegen sechs Patiententötungen zu lebenslanger Haft verurteilt ist – die weiteren Morde gestanden. Das macht die Urteilsfindung leichter.

Doch die unglaubliche Geschichte des Niels H. wirft nicht nur die Frage nach seinem Tun und seinen Motiven auf, sondern auch die grundsätzliche Frage nach der Verantwortung seines Umfelds. Wie kann jemand so lange töten, ohne dass ihn jemand aufhält? Warum haben seine Kollegen und Vorgesetzten nichts bemerkt oder bemerken wollen? Warum hat das Krankenhaus in Oldenburg, wo H. erstmals in Verdacht geriet, ihn zwar entlassen – seinen nächsten Arbeitgeber aber nicht über die Verdachtsmomente informiert? Und vor allem: Wie kann man solche Tötungsserien in Zukunft verhindern?

Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Fall Niels H. ist in seinem Ausmaß ebenso monströs wie einmalig. Weltweit sind bislang 47 Tötungsserien mit Opfern im Erwachsenenalter bekannt, sieben davon in deutschen Krankenhäusern. Dabei sticht Niels H. heraus: Er ist der Täter mit der höchsten nachgewiesenen Opferzahl. Diese Serie überforderte wohl das Vorstellungsvermögen aller Zuständigen.

Doch so selten Tötungsserien in Kliniken sein mögen, so sehr erschüttern sie das Vertrauen in das Gesundheitssystem. Wenn gerade dort, wo man wehrlos ist und auf Hilfe hofft, ein Mörder wartet, empfinden wir das – zu Recht – als besonders perfide. Aus niederen Beweggründen und "heimtückisch" habe H. gehandelt, sagte die Oberstaatsanwältin zu Prozessbeginn. Tatsächlich ging H. bei seinen Tötungen immer nach der gleichen Methode vor: Er spritzte seinen Patienten ein Medikament, meist Ajmalin, um lebensbedrohliche Krisen zu verursachen. Er selbst war dann stets zur Stelle, reanimierte die Kranken und bekam dafür Anerkennung von Kollegen und Vorgesetzten. "Rettungs-Rambo" wurde er hinter vorgehaltener Hand genannt.