DIE ZEIT: Herr Sandgruber, würden Sie hinter "Österreich, ein Erfolgsmodell" ein Fragezeichen setzen?

Roman Sandgruber: Nein, denn es ist ein Erfolgsmodell. Auch wenn es die ersten 50 Jahre nicht danach ausgesehen hat.

ZEIT: Eben. Anfangs wurde darüber spekuliert, ob das Land überlebensfähig sei.

Sandgruber: Die Diskussion um die Existenzfähigkeit Österreichs war ein wenig selbst gemacht. Schon 1918 konnte man bereits wissen, dass kleine Staaten existenzfähig sind. Aber man war geschockt davon, dass das riesige Reich plötzlich weg war. Und Österreich hat den Ersten Weltkrieg viel stärker verloren als Deutschland, hier gab es nicht einmal eine Dolchstoßlegende. Aber man hatte nicht das schlechteste Erbe aus der Monarchie bekommen, es war das Gebiet, mit dem höchsten Volksvermögen der Habsburgermonarchie.

ZEIT: Was war dann das Problem?

Sandgruber: Man wollte sofort eine soziale und ökonomische Revolution. Der Achtstundentag wurde eingeführt, die Arbeitslosenversicherung und weitere soziale Maßnahmen. Die sind zwar zu begrüßen, aber sie haben zu viel Geld gekostet. Das hat dazu verleitet, in die Hyperinflation zu gehen.

ZEIT: Die gab es in Deutschland auch.

Sandgruber: Aber nicht so dramatisch und später. In einer Hyperinflation muss man in Realgüter flüchten, die gab es aber in Österreich zu der Zeit noch nicht. 1924 in Deutschland waren sie verfügbar. Insofern war es ein österreichischer Fehler, dass man 1919 diese soziale Revolution auslöste und die Staatsverschuldung gesteigert hat. Das hat zu dem Gefühl geführt, dass Österreich nicht überlebensfähig sei. Und man wollte der Welt damit auch zeigen, dass man den Anschluss an Deutschland brauchte.

ZEIT: Man hat die Republik also selbst verspielt?

Sandgruber: Zum Teil selbst verspielt, zum Teil waren die Umstände nicht günstig. Es wäre ein gutes Potenzial da gewesen, es wurde nur nicht genutzt.

ZEIT: Die Erste Republik scheiterte doch an ihren inneren Widersprüchen.

Sandgruber: Daran ist sie schlussendlich zerbrochen. Wobei ich dazusagen möchte, dass in Österreich die Demokratie länger gehalten hat als in allen Nachbarländern, mit Ausnahme der Tschechoslowakei.

ZEIT: Hat man nach 1945 aus diesen Erfahrungen gelernt?

Sandgruber: Ich denke schon. Österreich wurde dreifach befreit. Einmal durch die Alliierten. Dann durch die Wahlen im November 1945, die anders ausgingen, als es Stalin erwartet hatte. Sein Kalkül war, dass die Kommunisten 20 bis 25 Prozent erreichen würden und eine Volksfront-Regierung denkbar sei. Doch die KPÖ hat nur 4,9 Prozent erreicht – und die ÖVP eine absolute Mehrheit. Das nenne ich die Selbstbefreiung der Österreicher, die ein liberales, westliches Modell wählten. Die dritte Befreiung ist die Hinwendung zum Westen und das Entstehen des Eisernen Vorhangs an der Ostgrenze. Österreich wurde damit zum bevorzugten Ziel des Marshallplans. Kein anderes Land hat davon so profitiert – Norwegen hat zwar pro Kopf ähnlich hohe Zahlungen bekommen, musste das Geld aber zurückzahlen. Österreich bekam hingegen rund 13 Milliarden Schilling geschenkt.

ZEIT: Was war die wichtigste Lehre, die aus der Ersten Republik gezogen wurde?

Sandgruber: Aus einer Konfliktdemokratie wurde eine Konsensdemokratie. Es gab einen Grundkonsens über Österreich und darüber, wie das parlamentarische System aussehen soll …

ZEIT: … und daraus entstand die Sozialpartnerschaft.

Sandgruber: Die war ganz wesentlich.

ZEIT: Das Erfolgsgeheimnis?

Sandgruber: Das ist zu simpel. Der Konsens im Parlament war auch wichtig.

ZEIT: Die Sozialpartner saßen doch im Parlament …

Sandgruber: … und in der Regierung.

ZEIT: Die Republik wurde unter Rot und Schwarz aufgeteilt und die Gesellschaft befriedet. Kein anderes Land, mit Ausnahme Japans, konnte seine Wirtschaftsleistung derart steigern. War der Preis dafür ein demokratiepolitisches Defizit?

Sandgruber: Es gab viele Leerläufe, aber es entstand auch ein demokratiepolitisches Defizit.