Die Sehnsucht nach der Fliegerei setzte sich mitten in der Nacht in Max Wimmers Kopf fest. Sein Vater weckte ihn morgens gegen vier Uhr. Wimmer war damals noch ein ganz kleines Kind. Aber die Mondlandung, die für diesen Tag geplant war, sollte der Österreicher nicht verpassen. "Luft- und Raumfahrt, all das hat mich schon immer begeistert", sagt er. In die Erinnerungsbücher seiner Mitschüler schrieb er als Berufswunsch: "Pilot". Genauso kam es. Seit mehr als 20 Jahren sitzt er im Cockpit.

Erst sein Arbeitgeber Ryanair, sagt Wimmer heute, hat ihm die Freude genommen. "Sie machen uns kaputt." Der Familienvater zählt zu jenen Piloten, die von dem aktuellen Umbau des Unternehmens betroffen sind.

Jahrelang ist Ryanair gewachsen und heute neben Lufthansa die größte Fluggesellschaft in Europa. Im gerade abgelaufenen Geschäftsjahr stiegen 130 Millionen Passagiere in die Maschinen, das Unternehmen verdiente 1,5 Milliarden Euro. Anfang Oktober warnte der Konzern dann plötzlich vor steigenden Treibstoffkosten und niedrigeren Ticketerlösen. Und reagiert nun auf seine Weise.

Seit Montag sind die Ryanair-Standorte in Eindhoven und Bremen bis auf Weiteres geschlossen. An der Basis in Weeze am Niederrhein sind nur noch drei der bisher fünf Flugzeuge stationiert.

Wimmer hat schon viel erlebt beim irischen Billigflieger. Aber die "Art und Weise, wie Ryanair sich in diesen Wochen verhält, ist für mich unerträglich", sagt er. Deshalb redet er. Dutzende seiner Kollegen haben in diesen Wochen Ähnliches erlebt.

Zu viel getankt, das Fahrwerk zu früh ausgefahren – der Chef sieht alles

Solange Menschen wie Wimmer den Mund halten, bekommen die Passagiere von der Kultur innerhalb des Unternehmens kaum etwas mit. Man kann auch weiterhin von Bremen nach Alicante fliegen oder von Weeze nach Stockholm. Was für die Passagiere keinen großen Unterschied macht, ist für die Besatzung ein Drama. Denn ein Flughafen, intern Basis genannt, ist der Ort, an dem sie morgens ihre Arbeit beginnen und sie abends beenden. Der Ort, an dem sie wohnen, an dem ihre Familien leben und an dem ihre Kinder zur Schule gehen. Ändert Ryanair seine Standorte, ändert sich ihr Leben. Wimmer spricht offen über dieses Leben, einzige Voraussetzung: Sein echter Name und seine Station dürfen nicht erwähnt werden. Das erste Vorurteil, mit dem er aufräumt, ist das des Globetrotters. Piloten leben meist furchtbar provinziell. Sie ziehen, wenn sie wie Wimmer eine Familie haben, aufs Land. Der zweifache Vater hat dort zwischen Hecken und Garagen ein Haus gekauft. Das könnte er sich in der Stadt nicht leisten. In wenig mehr als 30 Minuten ist er am Flughafen und startet dann in den Arbeitstag.

Ein- bis zweimal im Monat hat er fünf Tage hintereinander Frühschicht. Dann steht er um 3.30 Uhr auf. Fliegt zweimal in eine andere Stadt und zurück. Rückkehr gegen 17 Uhr. Vier Flüge pro Tag. Der Druck gehört für Wimmer dazu, daran gewöhnt hat er sich nie. Wenn er vor einer Landung nur drei Minuten zu früh die Räder ausfährt und dadurch den Kerosinverbrauch erhöht, wird das von seinen Vorgesetzten hinterfragt. Wenn er regelmäßig mehr tankt als der Durchschnitt seiner Kollegen, wird das vermerkt. Wie pünktlich er ist, wird dauernd mit anderen Piloten verglichen. Im Sommer spürte Wimmer, wie ihn schon Kleinigkeiten aus der Ruhe brachten und er sich nur noch schwer ablenken konnte.

Anfang Oktober fuhr Wimmer mit Freunden in den Urlaub. Seine Familie blieb zu Hause, der Sohn ist schulpflichtig. Reisen mit der Familie sind für Wimmer in den vergangenen Jahren zunehmend unmöglich geworden. "Ryanair hat mir fast nie meinen Urlaubswunsch erfüllt, sondern nur dann zugestanden, wenn es in die Dienstpläne passte." Interne E-Mails, die der ZEIT vorliegen, bestätigen, dass Ryanair mehrfach Urlaubspläne von Wimmer abgelehnt hat.