Im Gras liegen vier tote Schafe. Die Kehlen sind blutig. In der Brust und an der Seite klaffen Wunden. Fleisch fehlt, der Angreifer hat es herausgebissen. Noch schlimmer ist das Tier auf der Ladefläche des Pritschenwagens zugerichtet. Bei ihm ist der gesamte Bauch weg. Daneben steht eine Frau in grüner Arbeitskleidung, sie ist den Tränen nahe. "Flaschenlamm", sagt sie immer wieder. Zwei der fünf toten Tiere hat sie mit der Flasche aufgezogen, wie Babys, weil sie sonst nicht überlebt hätten.

Barbara Beeger kümmert sich auf einem Hof in Lutzhorn bei Pinneberg um Schafe, die sonst keiner haben will, und um Rassen, die auf der roten Liste stehen. So zugerichtete Schafe hat sie noch nie gefunden. Eines der letzten Coburger Füchse ist hier gerade gestorben. Und ein Rauwolliges Pommersches Landschaf.

Beeger macht die Schafhaltung nicht beruflich. Sondern als Berufung, abends spät und sehr früh morgens, neben dem Job im Büro. Weil sie früher mal die Schäferei gelernt und dann Nutztierhaltung studiert hat, gelten ihre Weiden als vorbildlich. Rundherum Zäune mit Strom, 105 und 90 Zentimeter hoch. Die gleichen Zäune, die die schleswig-holsteinische Regierung den Schafhaltern "zum Schutz der Tiere vor Beutegreifern" empfiehlt. Das, was das hier angerichtet hat, könnte gemerkt haben, dass man mit Anlauf darüber springen kann.

Es gibt eine offizielle Opferstatistik. Und eine inoffizielle. Die ist erheblich schlimmer

25 Kilometer von der Hamburger Stadtgrenze entfernt, erstreckt sich das Land hier bis zum Horizont. Wiesen, Wassergräben, Wälder rahmen kleine Dörfer. Eine Welt aus saftigen Gräsern, an denen sich Abertausende Deichschafe im Herbst und Winter satt fressen, bevor sie sich im Mai wieder um die Deiche kümmern. Ja, kümmern. Dieses Hin und Her zwischen den Landschaften macht das Leben an der Küste überhaupt erst möglich. Wenn Schafe über die Deiche laufen, verdichten ihre Hufe die Erde sturmflutsicher. Rund um Lutzhorn ist altes Schafland. Und seit Ende September ein Schlachtfeld.

Der Pritschenwagen gehört Heiko Richter, dem Rissgutachter. Er hat zurzeit einen ganzen Stapel der weißen Leichensäcke im Auto. In einen schlägt er jetzt den bauchlosen Kadaver ein. Vorher hat er mit weißen Tupfern auf der Wolle über dem zerdrückten Kehlkopf des Tieres nach Speichel gefischt. Wenn der erste Eindruck nicht sehr täuscht, wird sich in den Proben später die DNA-Signatur eines Wolfes nachweisen lassen. Denn genau so – zerdrückte Kehlen, aufgerissene Leiber – sieht es aus, wenn Canis lupus Beute macht.

Die Tupfer sind dieselben, die Kriminaltechniker benutzen. Richter sieht müde aus. Was mit dem offiziellen Zählstart für das aktuelle Wolfsjahr im Mai eher gemütlich mit einzelnen toten Schafen begann, sind plötzlich 12-Stunden-Tage. "Was hier gerade vorgeht, das ist gar nicht gut", sagt er und deutet mit weitem Bogen in die Weite hinter der Weide. "So etwas wie hier haben wir jetzt oft. Für mich sieht das so aus, als ob das mindestens zwei Wölfe sind. Und auch wenn das nur einer ist: Er hat sich auf Weidetiere spezialisiert."

Mehrere Wölfe? Als Weidetierjäger? Wer auf der Seite des zuständigen Wolfsmanagements nachliest, bekommt einen anderen Eindruck. Dort gibt es eine Karte von "Wolfsnachweisen", Bilder von Fotofallen und Sichtungen. Es sind einzelne Tiere, die sich etwa einmal pro Woche auch an einem Schaf versuchen. "Echte Vagabunden ohne feste Reviere", nennt sie Jens Matzen, Wolfskoordinator für Schleswig-Holstein und Hamburg beim schleswig-holsteinischen Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume. "Die sind überall und nirgends."

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Die Karte passt gut zu dieser Beschreibung und dazu, wie Wölfe oft charakterisiert werden: scheue Heimlichtuer, die sich vor allem von Wild ernähren. Und ja, manchmal entdecken sie eine unzureichend gesicherte Schafweide und können nicht widerstehen. Die "Nutztierrisse" sollen laut dem Wolfsinformationszentrum im Wildpark Eekholt "nur ein Prozent der erbeuteten Nahrung" ausmachen. Es ist die Geschichte vom guten Wolf.

Beim zweiten Lesen fällt auf: Die Daten sind nicht mehr aktuell. Die Geschichte vom bösen Wolf, die sie sich in den Dörfern rund um Lutzhorn inzwischen erzählen, beginnt in der Nacht vom 25. auf den 26. September. An zwei Orten, in Osterhorn und Westerhorn, sterben drei Schafe auf einmal.

Es ist, als sei ein Damm gebrochen. Nun passiert allein im Kreis Pinneberg und im angrenzenden Steinburg im Schnitt alle zwei Tage etwas. Eine klare genetische Beweislage gibt es zwar erst für acht Schafe und zwei Rinder. Aber bei vielen anderen sieht es auch sehr nach Wolf aus.

Nächtliches Geheul und tote Rinder

Von diesen Fällen erfährt man im zuständigen Landesamt nichts. Auf Nachfrage nennt die Pressestelle nur tote Weidetiere mit bestätigten DNA-Spuren von Wölfen. Aber ein Mann aus dem Umfeld des Landesamts führt eine eigene Liste, die auch die unbestätigten Fälle erfasst. Ihm ist die Lage nicht mehr geheuer. "Hier ernährt sich jemand ganz gezielt von den Nutztieren", sagt er. "Und er wird dabei sehr schnell immer besser."

Um wie viele Verdachtsfälle geht es? Kurz vor Redaktionsschluss dieser Ausgabe waren es, zusätzlich zu den bestätigten Fällen, allein im Pinneberger Land rund um Lutzhorn 16 gerissene Schafe und 2 gerissene Rinder.

Die Menschen werden unruhig. Am Rand von Barbara Beegers Weide erzählen die herbeigelaufenen Nachbarn von Schäfern, die aufgeben wollen. Von Kindergärten, die keine Waldausflüge mehr machen. Und von Bauern, die sich überlegen, ob die Türen ihrer Ställe wolfssicher sind.

Der Wolf, der in den Speichelproben seit dem späten September bisher dingfest gemacht werden konnte, heißt GW924m. Ein alter Bekannter: Seine DNA wurde unter anderem bei dem Schaf gefunden, das am 8. Juli in Hamburg-Schnelsen starb. GW924m ist ein 18 Monate altes Männchen und stammt aus einem Rudel im dänischen Ulfborg. Er wurde von seinen Eltern in diesem Frühjahr losgeschickt. Einjährige Jungwölfe müssen sich ein eigenes Betätigungsfeld für ihren Jagdtrieb suchen. Und wenn sie beim Jagen richtig gut und außerdem geschlechtsreif geworden sind, mit etwa zwei Jahren, können sie ihr eigenes Rudel gründen.

Bei GW924m rechnet der Wolfskoordinator Matzen zwar erst im Frühling mit der Pubertät. Aber er erzählt auch, dass es jetzt schon weitere Wölfe in der Gegend gebe. So zeigte eine Fotofalle im Kreis Segeberg ein etwa gleich altes weibliches Tier. Und von dem Bruder des Nachwuchsjägers, GW932m, gibt es auch Tatort-DNA aus dem Pinneberger Land. Allerdings nur bis zum 29. Juni – seitdem hat sich seine genetische Spur verloren.

Wo ist der Bruder? Die Wattestäbchen reisen mit der Post gen Süden. Dort, im hessischen Gelnhausen, befindet sich das Labor für Naturschutzgenetik. Zuständig für Wolfs-DNA ist der Biologe Sebastian Collet. "Wenn mehrere Wölfe zusammen jagen, dann gibt das bei uns manchmal ein Mischprofil, manchmal auch nicht", sagt er. "Das hängt auch davon ab, wo die Rissgutachter die Probe nehmen." Denkbar ist, dass sich ein dominantes Tier der Gruppe auf den Kehlbiss spezialisiert – und dort ist meistens die beste Stelle, um Wolfsspeichel zu finden. Der Bruder könnte also an der Jagd beteiligt sein, ohne DNA-Spuren zu hinterlassen.

In Lutzhorn sitzt Hundefreund Wolf Schmidt-Körby an seinem Esstisch und erzählt von den Nächten im Wolfsland. Schmidt-Körby hat im Juli zwei Schafe verloren. Seitdem ist das Leben auf dem alten Gehöft nicht mehr dasselbe. Die Schafe kommen jetzt immer vor Einbruch der Dunkelheit ganz nah ans Haus, in Sichtweite des Esstischs, auf eine Weide mit Elektrozaun. An spontane Kurzurlaube, vorher die Leidenschaft von Schmidt-Körby und seiner Frau, ist nicht mehr zu denken. Und auch die nächtlichen Gänge mit dem Hund im angrenzenden Wäldchen sind anders. Wolfsfährten auf dem Boden, ein aufmerksamer Hund.

"Es sterben ohnehin jedes Jahr Tausende Schafe", sagt der Sprecher des Landratsamts

Und dann war da diese Nacht, in der Wolfsgeheul den Wald erfüllte. Das war am 3. Oktober. Da war Nachbar Thorsten Brünnicke, auch ein Hundebesitzer, kurz nach Mitternacht im Wald unterwegs. "Erst heulte einer, dann stimmte der andere ein", erzählt er. "Wie ein Gespräch über Kilometer hinweg. Nach zwanzig Minuten musste ich rein, weil meine Tochter Angst bekam." Später in der Nacht lagen die ersten toten Rinder auf der Wiese. Ein Kalb in Barmstedt und ein ausgewachsenes Tier in Bahrenfleth.

Hans-Albrecht Hewicker, Forstdirektor im Ruhestand und Obmann für Wildtiererfassung in der Kreisjägerschaft Pinneberg, sagt dazu: "Wenn mehrere Tier so kommunizieren, kann man das schon ernst nehmen." Hewicker glaubt nicht mehr an einzelne Wölfe, die nur durchziehen. "Das passt zu den vergangenen Jahren", sagt er. "Dieses Jahr ist anders."

Es gibt laut Hewicker nur wenig sicheres Wissen über ein "normales" Wolfsverhalten. Vielleicht würden sie auch mit ihren Geschwistern jagen. Vielleicht würden sie sich gern niederlassen, wo es viele Schafe zu fressen gibt, selbst wenn dort Menschen wohnen. "Da die Tiere in den vergangenen Jahrhunderten nur in abgelegenen Gegenden überleben konnten, wurde nur Verhalten aufgezeichnet, das zu diesen Gegenden passt", sagt Hewicker. "Wie die Tiere ihr Verhalten ändern, wenn sie leicht unzureichend geschützte Schafe finden, ist eine offene Frage."

Zu den sicher geglaubten Annahmen über Wölfe gehört auch diese: Anders als Hunde springen sie nicht. Zurück also zu Barbara Beegers auf den ersten Blick sorgsam errichtetem Zaun. Fünf Tage sind seit dem blutigen Morgen mit den fünf toten Schafen vergangen. Inzwischen liegt die Einschätzung des Rissgutachters im Landesamt vor. Der Zaun sei "nicht ordnungsgemäß".

Wann ist ein Wolf ein Problemwolf?

Der Rissgutachter Heiko Richter hat Meter für Meter untersucht und ist fündig geworden. In Bodennähe hat er ein Loch im Zaun entdeckt, außerdem "Bewuchs", der den Strom hätte ableiten können. Jens Matzen, der Wolfskoordinator, sieht recht zufrieden aus, als er im Besprechungsraum die Ergebnisse referiert. "Der Wolf ist ein Opportunist und frisst, was er bekommen kann", erklärt er. "Entweder du machst einen vernünftigen Zaun, oder er kommt immer wieder."

Auf Fotos ist zu sehen, was als nicht ordnungsgemäß gilt. Das Loch ist etwa so groß wie eine Katzenklappe, ziemlich klein für den Größten der Hundeartigen. Und der "Bewuchs", das sind Grasbüschel, die an manchen Stellen etwa zehn Zentimeter hoch in den Zaun ragen – nicht gerade ungewöhnlich auf einer Wiese. Das strikte Urteil wirkt weltfremd. Solche Zäune sind viele Hundert Meter lang. Manchmal wächst das Gras fünf Zentimeter am Tag. Um trotzdem sicher zu sein, dass er funktioniert, kontrollieren die meisten Schäfer den Zaun täglich mit dem Spannungsmesser. So wie Beeger. "Ich muss solche Fehler trotzdem protokollieren", sagt Richter. "Weil sie einen Zaun unsicher machen können. Theoretisch. Was wirklich war, das steht auf einem anderen Blatt."

Es geht eigentlich nicht um Grashalme und Katzenlöcher. Es geht um die Frage, wann ein Wolf ein Problemwolf ist und zum Abschuss freigegeben wird. Dazu gibt es in Schleswig-Holstein eine Arbeitshilfe. Die Zaunfrage ist darin zentral. Als auffällig gilt ein Tier dann, wenn es mehrfach eine wolfssichere Umzäunung überwunden hat. Die meisten Schafhalter im Land halten diese Grenze längst für überschritten.

Sie zählen schon drei nach ihren Standards gute und trotzdem überwundene Zäune und erwarten eine Reaktion, bevor der Weidejäger die Strategie an seine Kinder weitergeben kann. Selbst wenn das verhindert würde, wäre ein Wolfsrudel für die Schäfer ein Problem. Noch werden sie für jeden Verlust entschädigt. Sollte sich aber ein Rudel etablieren, würde Schleswig-Holstein offiziell Wolfsgebiet. Dann gäbe es nur noch Geld bei Weiden, an denen jedes Detail stimmt.

"Wir sind in unserer Existenz bedroht", sagt der Bioland-Schäfer Tobias Belch aus Heede. "Nicht nur als Schäfer. Wenn wir hier keine Schafe mehr halten können, dann brechen irgendwann die Deiche." Nach drei Angriffen auf drei verschiedene Herden hat er zusammen mit anderen Schäfern die Bürgerinitiative Wolfsfreie Dörfer gegründet. Er sagt, dass er Wölfe eigentlich möge. "Aber nicht so, ohne Plan und funktionierende Unterstützung."

Martin Schmidt, Sprecher beim Landesamt, macht kein Hehl daraus, dass er für die Aufregung kein Verständnis hat. "Wenn wir für die Wiederkehr der Wölfe ein paar Dutzend Schafe im Jahr verlieren, ist das doch nicht schlimm", sagt er. "Es sterben ohnehin jedes Jahr Tausende Schafe auf den Weiden." Und natürlich beim Schlachter. Schafe werden nicht mehr wegen ihrer Wolle gehalten, die Schäfer verdienen vor allem am Fleisch der Lämmer. Aus ihrer Sicht finanzieren sie so den Deichschutz. Experten hätten berechnet, dass 60.000 Tiere genug wären, um das Land vor dem Meer zu schützen, sagt dagegen Landesamtssprecher Schmidt. "Bleiben 180.000, die eigentlich überzählig sind."

"Wer sich nicht um die Angst sorgt, die Wölfe auslösen, der verliert langfristig bei ihrem Schutz", findet der Wolfskoordinator Matzen. Es ist Teil seiner Antwort auf die Frage, ob es nicht eine viel zu auffällige Häufung der Angriffe gebe und es Zeit sei, etwas zu unternehmen. "Der Kreis Pinneberg ist schon ein Epizentrum, das stimmt. Und wir beobachten das."

Matzen sagt auch noch, für ihn seien eigentlich nicht die Wölfe das Problem, sondern Menschen, die sich lieber aufregten, statt das Problem mit den Zäunen zu lösen.

Später am Abend meldet sich wieder der heimliche Archivar. Diesmal geht es um Brammer, 60 Kilometer weiter Richtung Norden. Dort sind in der Nacht zuvor 14 Mutterschafe und ein Lamm gestorben. Nahezu unverletzt, bis auf den Kehlbiss. Ein satter Wolf im Rausch des Überangebots?

Kurz vor Redaktionsschluss kommt dann noch ein Anruf: ein totes Pferd bei Alveslohe. Keine offensichtlichen Bissverletzungen, aber das Tier hat offenbar in heller Panik erst einen Zaun durchbrochen und rannte dann gegen eine Wand. War ein Wolf schuld? Die Spurensuche läuft noch.