Der Rissgutachter Heiko Richter hat Meter für Meter untersucht und ist fündig geworden. In Bodennähe hat er ein Loch im Zaun entdeckt, außerdem "Bewuchs", der den Strom hätte ableiten können. Jens Matzen, der Wolfskoordinator, sieht recht zufrieden aus, als er im Besprechungsraum die Ergebnisse referiert. "Der Wolf ist ein Opportunist und frisst, was er bekommen kann", erklärt er. "Entweder du machst einen vernünftigen Zaun, oder er kommt immer wieder."

Auf Fotos ist zu sehen, was als nicht ordnungsgemäß gilt. Das Loch ist etwa so groß wie eine Katzenklappe, ziemlich klein für den Größten der Hundeartigen. Und der "Bewuchs", das sind Grasbüschel, die an manchen Stellen etwa zehn Zentimeter hoch in den Zaun ragen – nicht gerade ungewöhnlich auf einer Wiese. Das strikte Urteil wirkt weltfremd. Solche Zäune sind viele Hundert Meter lang. Manchmal wächst das Gras fünf Zentimeter am Tag. Um trotzdem sicher zu sein, dass er funktioniert, kontrollieren die meisten Schäfer den Zaun täglich mit dem Spannungsmesser. So wie Beeger. "Ich muss solche Fehler trotzdem protokollieren", sagt Richter. "Weil sie einen Zaun unsicher machen können. Theoretisch. Was wirklich war, das steht auf einem anderen Blatt."

Es geht eigentlich nicht um Grashalme und Katzenlöcher. Es geht um die Frage, wann ein Wolf ein Problemwolf ist und zum Abschuss freigegeben wird. Dazu gibt es in Schleswig-Holstein eine Arbeitshilfe. Die Zaunfrage ist darin zentral. Als auffällig gilt ein Tier dann, wenn es mehrfach eine wolfssichere Umzäunung überwunden hat. Die meisten Schafhalter im Land halten diese Grenze längst für überschritten.

Sie zählen schon drei nach ihren Standards gute und trotzdem überwundene Zäune und erwarten eine Reaktion, bevor der Weidejäger die Strategie an seine Kinder weitergeben kann. Selbst wenn das verhindert würde, wäre ein Wolfsrudel für die Schäfer ein Problem. Noch werden sie für jeden Verlust entschädigt. Sollte sich aber ein Rudel etablieren, würde Schleswig-Holstein offiziell Wolfsgebiet. Dann gäbe es nur noch Geld bei Weiden, an denen jedes Detail stimmt.

"Wir sind in unserer Existenz bedroht", sagt der Bioland-Schäfer Tobias Belch aus Heede. "Nicht nur als Schäfer. Wenn wir hier keine Schafe mehr halten können, dann brechen irgendwann die Deiche." Nach drei Angriffen auf drei verschiedene Herden hat er zusammen mit anderen Schäfern die Bürgerinitiative Wolfsfreie Dörfer gegründet. Er sagt, dass er Wölfe eigentlich möge. "Aber nicht so, ohne Plan und funktionierende Unterstützung."

Martin Schmidt, Sprecher beim Landesamt, macht kein Hehl daraus, dass er für die Aufregung kein Verständnis hat. "Wenn wir für die Wiederkehr der Wölfe ein paar Dutzend Schafe im Jahr verlieren, ist das doch nicht schlimm", sagt er. "Es sterben ohnehin jedes Jahr Tausende Schafe auf den Weiden." Und natürlich beim Schlachter. Schafe werden nicht mehr wegen ihrer Wolle gehalten, die Schäfer verdienen vor allem am Fleisch der Lämmer. Aus ihrer Sicht finanzieren sie so den Deichschutz. Experten hätten berechnet, dass 60.000 Tiere genug wären, um das Land vor dem Meer zu schützen, sagt dagegen Landesamtssprecher Schmidt. "Bleiben 180.000, die eigentlich überzählig sind."

"Wer sich nicht um die Angst sorgt, die Wölfe auslösen, der verliert langfristig bei ihrem Schutz", findet der Wolfskoordinator Matzen. Es ist Teil seiner Antwort auf die Frage, ob es nicht eine viel zu auffällige Häufung der Angriffe gebe und es Zeit sei, etwas zu unternehmen. "Der Kreis Pinneberg ist schon ein Epizentrum, das stimmt. Und wir beobachten das."

Matzen sagt auch noch, für ihn seien eigentlich nicht die Wölfe das Problem, sondern Menschen, die sich lieber aufregten, statt das Problem mit den Zäunen zu lösen.

Später am Abend meldet sich wieder der heimliche Archivar. Diesmal geht es um Brammer, 60 Kilometer weiter Richtung Norden. Dort sind in der Nacht zuvor 14 Mutterschafe und ein Lamm gestorben. Nahezu unverletzt, bis auf den Kehlbiss. Ein satter Wolf im Rausch des Überangebots?

Kurz vor Redaktionsschluss kommt dann noch ein Anruf: ein totes Pferd bei Alveslohe. Keine offensichtlichen Bissverletzungen, aber das Tier hat offenbar in heller Panik erst einen Zaun durchbrochen und rannte dann gegen eine Wand. War ein Wolf schuld? Die Spurensuche läuft noch.