Neulich stand ich in Berlin und wollte meine Mutter anrufen, aber ich hatte kein Netz. Kein Balken, nichts. Ich fuhr eine Station mit der S-Bahn und stieg aus, bei der nächsten Station hatte ich zwar wieder Netz, aber vergessen, was ich meiner Mutter eigentlich sagen wollte. Ich saß auf einer Bank, hielt mein Telefon in der Hand und fragte mich, an welchem Ort in Deutschland man wohl sicher sein kann, nicht in ein Funkloch zu geraten. Direkt unter einem Funkmast vielleicht. Da könnte es gehen.

Ich erinnerte mich an Alexander Dobrindt, CSU. Dieser Mann, von dem man beinah vergessen hat, dass er neulich noch Minister war für Verkehr und digitale Infrastruktur. Vergessen, weil alles so hastig geworden ist, fahrig, eine Diskurswelle die andere überrollt. Die Gegenwart kann sich inzwischen so sicher sein, dass sie dermaßen schnell Vergangenheit wird, dass sich bald niemand mehr an sie erinnert. Nur grobe Züge, kaum Details.

Alexander Dobrindt, ich erinnerte mich grob und googelte also mit mäßig schnellem LTE, versprach im Mai 2015, innerhalb von drei Jahren alle Funklöcher verschwinden zu lassen. Mehr noch. Er sagte: "Klar ist: 2018 sind dann auch alle lästigen Funklöcher in Deutschland geschlossen."

Nichts ist klar. Die Funklöcher schikanieren Menschen immer noch täglich. Wenn sie mal kurz Bescheid sagen wollen, dass es später wird. Wenn sie nach einem Streit noch mal anrufen wollen, um zu sagen: Es tut mir leid. Wenn sie den ADAC rufen wollen, allein mit kaputtem Auto in einem Wald. Welche Deals schon geplatzt, welche Beziehungen schon gescheitert sind, weil täglich irgendwo in Brandenburg oder Mittelfranken Handygespräche abbrechen? Hallo, hallo, bist du noch dran?

Alexander Dobrindt ist nicht mehr Minister, er ist inzwischen Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag. Er machte auf sich aufmerksam, indem er Asylanwälte diskreditierte ("Anti-Abschiebe-Industrie") und mehr Vergangenheit forderte ("konservative Revolution"). Kaum jemand konfrontiert ihn noch mit seinem vollmundigen Funkloch-Versprechen von einst. Sein Nachfolger, Andreas Scheuer, CSU, besuchte neulich einen Ort in Brandenburg, in dem man nur Handyempfang hat, wenn der Wind von Westen kommt – und es nicht regnet.

Ich saß also in Berlin, gerade dem Funkloch entkommen, und ärgerte mich. Und fragte mich, wie man als Wähler eigentlich die Qualität eines Politikers misst. Ich ertappe mich zu oft beim Bauchurteil. Bemerke dann, dass ich einen Politiker aus einem bloßen Affekt heraus gut oder schlecht finde. Und dass es dabei oft um Sympathie geht. Ist das zulässig? Keine Ahnung. Es stört mich jedenfalls, dass ich Robert Habeck, den Chef der Grünen, vor allem deshalb mag, weil ich mir gut vorstellen kann, wie man mit ihm an einem windigen Fjord steht, kaum redet und herbes Bier trinkt. Es stört mich auch deshalb, weil ich weiß, dass es vielen genauso geht. Cooler Typ? Reines Bauchurteil.

Der Markt, auf dem sich Politiker anbieten, ist selten gerecht. Wir, die Medien, die Aufmerksamkeit schenken und entziehen, schaffen ein Belohnungssystem, in dem es einem Dobrindt mehr einbringen kann, gegen Asyl zu polemisieren, als in aufwendiger Sacharbeit Funklöcher zu stopfen.

Oder Jens Spahn. Beschwert sich, dass manche Kellner in Berlin nur noch Englisch sprechen. Große Aufregung, Leitartikel, Kommentare. Dann moniert er, dass arabische Jugendliche im Fitnessstudio immer mit Badehose duschen und nicht ohne. Wieder große Aufregung, Leitartikel, Kommentare. Als Spahn sich als Gesundheitsminister in die Niederungen der Pflegereform begeben hat, ist das Interesse an dem Mann messbar zurückgegangen. Erst seit er um den CDU-Vorsitz kandidiert – als Widersacher von Friedrich Merz und Annegret Kramp-Karrenbauer –, hat sich das wieder geändert.