Geografisch gesehen leben Christen, Juden und Muslime in Deutschland zwar am selben Ort, doch sie leben in unterschiedlichen Bewusstseinszuständen. Sie definieren Normalität anders. Sie definieren Gefahr anders. Sie haben eine andere Geschichte mit jener "Kristallnacht" vor achtzig Jahren, die für viele Juden den Beginn ihrer Familientragödie bedeutete, für viele Nichtjuden dagegen nichts – jedenfalls nichts Persönliches. Und so gehen die Nachkommen der Täter und der Opfer der Schoah unterschiedlich mit der Vergangenheit um, ja sie bewerten die Gegenwart unterschiedlich. Sie ziehen aus der Judenvernichtung und dem Zweiten Weltkrieg gegensätzliche Schlüsse.

Wer den Antisemitismus von heute verstehen will, der muss die Gegensätze im Denken und Fühlen von gestern sehen. Deutschland stellte mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Uhren auf null, eine selbst auferlegte kollektive Amnesie sollte die Spontanheilung der Nation herbeiführen und die Dämonen der Vergangenheit vertreiben. Für das jüdische Volk dagegen lebten die Dämonen als Nachbarn, Bäcker und Handwerker munter fort. Für die Überlebenden schien die Zeit der Trauer nie zu vergehen, schienen die Wunden unheilbar.

Man sagt, dass die Kapitulation Hitlerdeutschlands für Millionen Parteimitglieder und Fanatiker einen ideellen, materiellen, physischen und psychischen Zusammenbruch bedeutete. Ja: Das Land lag in Schutt und Asche. Aber: Der nichtjüdischen Bevölkerung blieb ihre Heimat, wenn auch unter fremder Besatzung, weitgehend erhalten. Sie sprachen weiter deutsch, trafen Verwandte, hofften auf die Rückkehr ihrer Soldaten aus der Gefangenschaft. Tatsächlich kehrten viele zurück.

Und die Juden? Für die Juden aus den Konzentrationslagern waren die Siegermächte keine Feinde, sondern Befreier, aber sie selbst blieben Fremde im eigenen Land. Die auf dem Weg nach Übersee und Israel Gestrandeten waren heimat-, besitz- und sprachlos. Ihre Rückkehr oder gar Besitzansprüche waren unerwünscht. Die deutsche Bevölkerung hatte sich an den Enteignungen bereichert, wehrte aber finanzielle Ansprüche lange ab und behandelte überlebende Juden aus osteuropäischen Ländern als Fremde auf Durchreise.

Während nach 1945 die Verbrechen der Nazis verdrängt und verleugnet wurden, taten die Juden alles, um ihre Ermordeten in der Erinnerung am Leben zu erhalten. Familien von Wehrmachtoffizieren und Mitgliedern der Waffen-SS konnten nicht offen trauern, standen sie doch auf der falschen Seite der Geschichte. Die Juden standen nun auf der richtigen. Aber was war das wert nach einem Massenmord? Sie wussten ja nicht, wo trauern. Bei der Asche der Verbrannten, in Auschwitz, gab es keinen Ort für ihre Trauer. Wo dann? In Israel. Die Schoah war der entscheidende Ausgangspunkt für die Wiedererrichtung eines souveränen jüdischen Staates in der alten Heimat, aus der Kaiser Hadrian sie einst vertrieben hatte. Mittlerweile ist Israel jedoch fast so verhasst wie früher die Juden. Moderner Antisemitismus speist sich auch aus Antizionismus. Warum?

Zunächst einige Zahlen. Der Unabhängige Expertenkreis des Bundestages hat belegt, dass 20 Prozent der Deutschen latente antisemitische Einstellungen hegen, weitere 25 Prozent einen sekundären, also nicht manifesten Antisemitismus. Während der Bundestag sich klar zur Verantwortung Deutschlands gegenüber Israel als jüdischem und demokratischem Staat bekennt, zeigen 40 Prozent der deutschen Bevölkerung einen israelbezogenen Antisemitismus. Was als Staatsräson gilt, findet im Volk kein Gehör. Eine aktuelle Studie der Konfliktforscher Julia Bernstein, Andreas Hövermann, Silke Jensen und Andreas Zick für den Expertenrat Antisemitismus belegt, dass 70 bis 80 Prozent der Juden in Deutschland sich bedroht fühlen, zumal 70 Prozent selber Anfeindungen erlebt haben. Aus der Langzeitstudie Antisemitismus 2.0 um die Linguistin Monika Schwarz-Friesel an der TU Berlin geht außerdem hervor, dass Hasskommentare gegen Juden und Israel zunehmen und dass deren Verbreitung im Internet wiederum zur "Akzeptanz und Normalisierung von Judenfeindschaft" beiträgt. Die Rolle des bösen Juden spielt nun der hässliche Israeli. Zu alten Stereotypen wie dem vom "Ewigen Juden" kommen antiisraelische hinzu.

Auch deshalb bleiben Juden und Nichtjuden in Deutschland einander fremd, leben sie in Parallelwelten. Während das Existenzrecht des deutschen Staates garantiert ist, wird das Existenzrecht Israels und das der jüdischen Gemeinden in Deutschland de facto infrage gestellt durch Antisemiten. Wer das nicht glaubt, sehe sich nur die Alltagsrealität der Kinder an: Jüdische Schulen gleichen Festungen. Metalldetektoren und Identitäts-Check sind Pflicht, bewaffnete Polizisten und Wachmänner patrouillieren. Die Schüler wachsen mit dem Gefühl von Bedrohung auf. Sie wissen, dass sie unter Artenschutz stehen. Bei Gleichaltrigen stößt das meist auf Unverständnis. Schon jüdische Kinder in Deutschland leben also in einer anderen Realität. Was hilft? Zumindest sensibel sein für andere Gemütslagen.

Mit den Salonantisemiten der Gegenwart macht uns der Cartoonist Dirk Meissner bekannt. Seine Zeichnungen entstanden eigens für den Essay von Louis Lewitan. Wer sie sieht, darf sich erwischt fühlen: Sind das wir?! © Dirk Meissner für DIE ZEIT

Vor allem am 9. November. Er ist ein besonderer, ein bewegender Tag. Er vereint drei epochale Ereignisse, die den Lauf der deutschen Geschichte unwiderruflich veränderten: Am 9. November 1918 wurde die Monarchie abgeschafft und die Republik ausgerufen. Zwanzig Jahre später fand am 9. November die Reichspogromnacht statt und riss eine nie heilende Wunde. 1989 folgte der Mauerfall, der die Wiedervereinigung Deutschlands möglich machte. Alle drei Ereignisse prägen das Selbstverständnis der Deutschen, geben Grund zu Freude und Trauer, Zuversicht und Schwarzseherei. Der Gedenktag fordert uns auf, innezuhalten und zu fragen: Wie stark ist unsere Demokratie? Wodurch versank dieses Land in der Nacht seiner Verbrechen? Wie viel Antisemitismus ist normal?

Jeder Antisemit ist ein Feind der Demokratie

© Dirk Meissner für DIE ZEIT

Nach dem Krieg stand für die überlebenden Juden fest: "Nie wieder Schoah!" Juden sollten nie wieder Opfer sein, nie wieder wehrlos. Für die Deutschen hingegen lautete die oberste Devise: "Nie wieder Krieg!" Die Gründung der Bundeswehr stieß auf heftigen Widerstand, die Gründung einer israelischen Armee wurde herbeigesehnt. In Israel ist die Armee heute identitätsstiftend, viele sind stolz, dem Land zu dienen. Während eine atomare Aufrüstung für Deutschland tabu ist, gilt die Atombombe den Israelis als Lebensversicherung.

Man könnte auch sagen: Für Deutschlands Bevölkerung war die Zeit des Kämpfens 1945 für immer vorbei. Für die überlebenden Juden setzte sich der Überlebenskampf in Palästina fort. Der Schmerz des Verlustes mischte sich mit der immerwährenden Angst vor Vernichtung. Diese Angst ist keine Paranoia des jüdischen Volkes, sondern eine logische Reaktion auf die gefährliche Realität. Anhaltende Bedrohung hat das kollektive Gedächtnis der Juden geprägt. Ein gesundes Misstrauen ist überlebensnotwendig.

Und die Antisemiten? Sind sie meschugge? Friedrich Nietzsche definierte individuelle Gesundheit als "dasjenige Maß an Krankheit, das es mir noch erlaubt, meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen". Übertragen auf das deutsche Volk in der Zeit des Nationalsozialismus hieße dies, dass das totalitäre System gesund war, weil es effizient funktionierte. Zwar wurde die Demokratie lahmgelegt, die Opposition ausgeschaltet, verschwanden Gewerkschafter, Kommunisten, Sozial- und Christdemokraten, Juden, Sinti und Roma. Dennoch fühlte sich das Volk dank Hitler im Recht und omnipotent. Alle trugen ihren Anteil an der Entrechtung und Vertreibung der Juden, die einst Freunde, Geschäftspartner, Nachbarn und Familienangehörige gewesen waren. Wie gestört musste eine Kulturnation sein, die ihre Forscher, Künstler, Musiker, Unternehmer systematisch umbrachte, weil sie Juden waren? Wie tief fiel eine Nation, die sogar Kinder, Frauen, Greise und Kranke ausrottete? Die Ursachen weiterhin zu ergründen ist nötig, um einer Wiederholung vorzubeugen. Doch das Unergründliche bleibt.

Das angebliche Judenproblem ist ein ewiges Problem der Nichtjuden. Die Völker Europas propagierten zweitausend Jahre lang, dass Juden Gottesmörder seien, Brunnen vergifteten und Knaben schlachteten, um deren Blut zu trinken. Mit der Ermordung von sechs Millionen Juden haben auch Christentum und Humanismus eine moralische Bankrotterklärung unterzeichnet. Da die Schuld sich nicht begleichen lässt, verkörpern die Juden Europas schlechtes Gewissen. Daher die Aggressivität der neuen Antisemiten. Der Versuch der alten Antisemiten, die Juden zu vernichten, hat ihre Nachfahren auf ewig an die Juden gekettet. Der Davidstern ist ihr Fixstern. Sie verzeihen den Juden nicht, dass sie die Inquisition, die Kreuzzüge, die Pogrome, die Vernichtungsfeldzüge und das industrielle Massenmorden überlebt haben. Die Überlebenden sind der Beweis für die Impotenz der Judenfeinde. Sie leiden am eigenen Versagen bei der "Endlösung der Judenfrage". Das ist der Stachel, der sie antreibt.

Die Judenfeindschaft kam in der Antike zur Welt, wuchs im Mittelalter auf, mutierte in der Neuzeit zum Ungeheuer. Heute wird sie in Deutschland strafrechtlich verfolgt und gesellschaftlich geächtet. Doch trotz aller Verbote gedeiht sie als zähe giftige Blume in Nachbars Garten. Denn Antisemitismus als Geisteshaltung lässt sich nicht verbieten. Er wartet, bis seine Zeit gekommen ist: wenn die Demokratie schwächelt, die Justiz nachgibt, die Polizei wegschaut, die Wirtschaft absäuft, die Arbeitslosigkeit steigt. Die Wunden des Zivilisationsbruchs durch die Nazis und ihre europäischen Kollaborateure sind bis heute nicht geheilt. Das Knirschen an der Bruchstelle zwischen Juden und Nichtjuden ist unüberhörbar. Noch einmal: Was hilft?

Wir müssen uns klarmachen, dass jeder Antisemit im Grunde ein Feind der Demokratie ist. Dennoch glaubt die Demokratie, sich einen gewissen Antisemitismus leisten zu können. Dass Antisemiten nach 1945 nicht härter bekämpft wurden, rächt sich jetzt. An der Härte und Konsequenz des Rechtsstaates gegenüber seinen Feinden lässt sich die Robustheit und Resilienz der Demokratie abmessen. Je nachgiebiger der Staat sich Antisemiten gegenüber verhält, umso gefährdeter ist die Demokratie. Es ist kein nur deutsches Problem, wie Beispiele aus jüngster Zeit zeigen: die Attentate auf jüdische Gemeinden in Buenos Aires und Pittsburgh, auf Synagogen in Istanbul, auf eine Schule in Toulouse und einen koscheren Supermarkt in Paris, auf Friedhöfe in Philadelphia und Malmö.

Die Judenfeindschaft blüht. Als Gegenmittel wird nun Bildung gepriesen, das gehört zum Standardrepertoire von Politikern. Doch gebildete Menschen sind nicht weniger anfällig für Vorurteile als ungebildete. Vorurteile geben Halt. Es waren gebildete Menschen, Bischöfe und Könige, Stadtkämmerer und Zunftmeister, Priester und Landesfürsten, die jahrhundertelang den Hass auf Juden schürten. Adolf Hitler stellte 1931 hoffnungsfroh fest: "Wenn eines mich an den Sieg unserer Bewegung glauben lässt, so ist es der Vormarsch unserer Bewegung in der Studentenschaft." Von fünfzehn Teilnehmern der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 trugen acht den Doktortitel.

© Dirk Meissner für DIE ZEIT

Wir brauchen also nicht nur Bildung, sondern Herzensbildung. Und wir sollten aufhören mit der glorifizierenden Rede vom christlich-jüdischen Abendland. Es gab kein christlich-jüdisches Abendland, es gab allenfalls ein christliches Abendland, wo Juden als Fremde geduldet wurden. Ihre Version der Geschichte zu hören, ihre Realität heute anzuerkennen und mit der Realität der Nichtjuden zu vergleichen – vielleicht könnte das helfen. Es wäre eine schmerzhafte Dekonstruktion der eigenen Wirklichkeit, ohne die das Verborgene, Verdrängte und Verleugnete sich unmöglich aufarbeiten lässt.

Normal war die meiste Zeit etwas anderes. Normal waren der Judenhass und die Klage, die Juden seien an allem schuld. Es gibt diese Klage bis heute, und die so klagen, beklagen auch, man dürfe gegen die Juden und Israelis ja nichts sagen. Das ist der ganz normale Antisemitismus der Gegenwart. Ein beträchtlicher Prozentsatz der Christen in Europa findet übrigens noch immer, allein die Juden hätten die Kreuzigung Jesu zu verantworten. Den Römern haben sie verziehen, den Juden nicht – obwohl Jesus Jude war. Ist das normal?