Wie angestaubt und aus der Zeit gefallen dieser Begriff erscheint: Wildnis. In Europa gibt es sie tatsächlich fast gar nicht mehr, vernichtet durch Städtebau im Mittelalter, Bergbau, Industrialisierung und dem Bevölkerungswachstum. Weltweit aber, das hat vergangene Woche eine Studie in Nature gezeigt, gibt es sie – noch: große, ursprüngliche Landschaften, unberührt vom Menschen. Echte Wildnis.

Die Studie der Ökologinnen und Ökologen ist mit einer Karte illustriert, die zeigt, welche Gebiete auf der Welt diese Bezeichnung verdienen: Die Nadelwälder Kanadas, die arktische Tundra, die australische Wüste, der brasilianische Amazonas und das Okawango-Delta gehören zu den Hotspots unberührter Natur. Rund 70 Prozent der Wildnis der Welt, Meere eingeschlossen, verteilen sich auf nur fünf Länder: Russland, Kanada, Australien, die USA und Brasilien.

In zwei dieser Länder regieren Männer, die eine umweltzerstörende Politik betreiben (Donald Trump in den USA) oder angekündigt haben (Jair Bolsonaro in Brasilien). Auch ohne ihr Zutun haben Menschen zwischen 1993 und 2009 Wildnisgebiete von fast unvorstellbarer Größe vernichtet: 3,3 Millionen Quadratkilometer, eine Fläche größer als Indien.

Welchen Schaden sie dabei angerichtet haben, wird sich in vollem Ausmaß wohl erst in mittlerer Zukunft zeigen: Tier- und Pflanzenarten, ganze Lebensräume, genetische Vielfalt, all das ist für immer verschwunden. In den Wäldern des Amazonas oder den Bergen Papua-Neuguineas leben außerdem viele indigene Gemeinschaften. Wird der Wald gefällt, schwindet ihre Lebensgrundlage.

Außerdem speichern diese unberührten Ökosysteme gigantische Mengen CO₂. In den Nadelwäldern Kanadas etwa steckt ein Drittel des an Land gebundenen Kohlenstoffs. Allein das sollte ausreichen, um sie in Ruhe zu lassen.

Wie wichtig solche Speicher sind, zeigt eine weitere Studie, die fast zeitgleich zur Wildnis-Inventur erschien, ebenfalls in Nature: Die Ozeane nehmen einen Großteil der Energie auf, die der Treibhauseffekt in die Atmosphäre bringt, und bremsen die globale Erwärmung. Der Ozean ist ein Wärmespeicher. Offen ist, wie viel dieses Speicherpotenzials wir bereits in Anspruch genommen haben. Wir nutzen die Meere genauso gedankenlos wie die Wildnis: ohne zu wissen, wann es zu viel ist.

Wildnis stabilisiert das Klima, sie zeigt Natur, wie sie ohne menschlichen Einfluss aussah, sie lässt ökologische Prozesse ohne Störung ablaufen. Das zu bewahren muss als Ziel internationaler Politik festgeschrieben werden – etwa als Zusatz zum Pariser Klimaabkommen oder bei der UN-Konvention zum Schutz der Biodiversität, für die sich die Vertragsstaaten dieser Tage in Kairo treffen. Und jene fünf Nationen sollten vorangehen und Wege finden, diese Naturschätze zu bewahren. Viel Zeit bleibt ihnen nicht.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio