Seit einiger Zeit ist eine Großerklärung für den Aufstieg der Populisten in Mode, die ihrerseits populistische Züge hat. Sie nimmt einen Typus ins Visier, der als Feindbild historisch gut eingeführt ist: den Kosmopoliten. Die Triumphe von AfD, Orbán und Co. erscheinen als Reaktion auf eine an der Globalisierung partizipierende, urbane, akademische Mittelschicht, deren Heimat nicht mehr nationengebunden ist und die sich im Stil, im Habitus, in Lebensgewohnheiten von den Sesshaften, die als kleinbürgerlich belächelt werden, abgrenzt – und diese damit zu einem wenig wünschenswerten Wahlverhalten reizt.

Die Dämonisierung der globalisierten Akademiker hat vielfältige Anhänger. Der ehemalige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat vor einigen Monaten seine Partei davor gewarnt, einer "postmodernen Globalisierung" anheimzufallen und Themen wie Klima- und Datenschutz oder die Ehe für alle in den Vordergrund zu rücken: "Wer die Arbeiter des Rust Belt verliert, dem werden die Hipster in Kalifornien auch nicht mehr helfen." Intellektuelle der Aufstehen-Bewegung um Sahra Wagenknecht haben den gesinnungsethisch verfeinerten Globalisten genauso im Blick wie Gesundheitsminister Jens Spahn, der in der ZEIT problematisiert hat, dass in manchen Berliner Cafés die Bedienungen vorzugsweise englisch sprechen. Die jetsettenden, "elitären Hipster" hätten sich von der Normalbevölkerung abgespalten. Vor wenigen Wochen hat auch der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland eine "urbane Elite" ausgemacht, die sozial unter sich bleibe, aber eine kulturelle Buntheit propagiere. Die Wähler der AfD rekrutierten sich hingegen aus dem alten wirtschaftlichen Mittelstand, "der nicht einfach seine Unternehmen nach Indien verlagern kann", und aus dem Prekariat, wo Heimat, die durch Einwanderer bedroht werde, noch "ein Wert an sich" sei.

Die parteiübergreifende Neigung zu derartigen Beobachtungen ist leicht erklärbar. Man kann von rechts Identitätsverluste beklagen, von links globale Ausbeutungsmechanismen. Die Kritik am Kosmopoliten ist querfrontfähig: Rechte Überfremdungsängste und linke Globalisierungskritik reichen sich nicht erst heute freudig die Hand.

Der DDR-Philosoph Ernst Hoffmann hatte 1949 in dem seinerzeit lebhaft diskutierten Artikel Die Stellung des Marxismus zum bürgerlichen Kosmopolitismus Weltbürgern vorgeworfen, völlig gleichgültig gegenüber ihrer "Heimat" zu sein. Die Weltanschauung des Kosmopoliten bestehe in der "zynischen Verachtung aller moralischen Bindungen und Verpflichtungen gegenüber seiner Nation", in der "Verschacherung" und dem "Verrat seines Volkes". Der westliche Kosmopolitismus arbeite gegen jede "nationale Eigenart" an, er feiere den "entwurzelten, artlosen, abstrakten, also unmenschlichen Menschen, entweder in der Gestalt des Weltbörsenjobbers oder in der Form der unterschiedslosen grauen Masse heimatloser Lohnsklaven". Hier war bereits ein Zusammenhang zwischen international tätigen Konzernen, ortsungebundenen Freelancern und armen Arbeitsmigranten angedeutet, den Globalisierungsgewinnern und Globalisierungsverlierern, die durch ihre Mobilität an der Erosion des Bestehenden mitwirkten.

Der politische Hintergrund des SED-Artikels ist brisant: Zu dieser Zeit fährt Stalin eine breit angelegte, verschwörungstheoretisch beseelte Kampagne gegen Juden, die ihm, so das Schlagwort der Zeit, als "wurzellose Kosmopoliten" gelten und in Verdacht stehen, mit einer amerikanisch-israelischen Allianz zu sympathisieren. Noch Ende der Sechzigerjahre, nach dem Sechstagekrieg im Nahen Osten, drängte das sozialistische Polen Zehntausende Juden in einer "antizionistischen" Aktion aus dem Land. Wer die Kosmopolitismus-Kritik nach den nationalsozialistischen und sozialistischen Verbrechen wieder in Stellung bringt, läuft also unversehens Gefahr, in eine trübe Tradition zu geraten. Sofern man überhaupt um einen Ruf besorgt ist. Trump und Orbán scheinen sich an historisch belasteten Vorbildern nicht zu stören, wenn sie George Soros, den philanthropischen Investor jüdischer Herkunft, zum Staatsfeind par excellence erklären.

Die Kosmopoliten von heute wollen unkonventionell und erfolgreich zugleich sein

Man kann die gebildete, global ausgerichtete, moralisch hochsensible Akademikerklasse, die sich ihr Leben mit ganz besonderen, ganz bewusst ausgesuchten, authentischen Konsumgütern und Lebensgewohnheiten (Taijiquan, Qigong, Yoga und Co.) kuratiert, natürlich auch ganz unpolemisch analysieren, wie es vor Kurzem der Soziologe Andreas Reckwitz in seinem brillanten, viel diskutierten Buch Die Gesellschaft der Singularitäten getan hat. Der Kosmopolitismus ist ja nicht zwingend Feindbild, sondern zunächst einmal eine plastisch beschreibbare Realität: Man wohnt vorzugsweise in den urbanen Vierteln westlicher Großstädte, wo es gesundes Essen, Geschlechtervielfalt, Migranten, georgische Chatschapuri-Restaurants, gute, vor allem besondere Schulen, niedrige Feinstaubwerte, Tempo-30-Zonen und so weiter gibt.

Alles Standardisierte wird hier abgelehnt, alles Besondere hat einen hohen Wert. Die neue Mittelschicht wendet sich in romantischer Tradition gegen alles Konforme (wie früher nur radikale Außenseiter) und will gleichzeitig erfolgreich und anerkannt sein – eine Paradoxie, die wohl am besten die Grünen in der Parteienlandschaft abdecken. Sie sprechen derzeit erfolgreich ein Bürgertum an, das sich entschieden als unkonventionell (und damit, genau besehen, wiederum als unbürgerlich) begreift. Die Selbstwidersprüche dieser Klasse, auch in moralischer Hinsicht, sind ein ergiebiger Stoff für Kolumnen.