Nicht nur Politiker und Fußballer können Comebacks feiern, sondern auch Begriffe. Nach Jahrzehnten, in denen die deutsche Gesellschaft sich selbst versicherte, rundherum nivelliert und mittelständig zu sein, ist seit einigen Jahren ein Wort wieder auferstanden, das man eigentlich schon längst beerdigt hatte: die Klasse. Von der Arbeiterklasse ist seit einiger Zeit wieder die Rede, auch von der Klassengesellschaft. Und nun hat sie auch noch einen eigenen Hashtag.

Vor einigen Tagen initiierte die Wochenzeitung Der Freitag #unten, "ein #MeToo für das Prekariat", und seitdem sammeln sich in den sozialen Netzwerken Abertausende Einträge, die auf bedrückende Weise dokumentieren, was es heißt, in einem reichen Land arm zu sein.

Es ist eine wichtige, wohl auch eine überfällige Debatte. Denn zwar wird seit einiger Zeit viel über Privilegien "reflektiert". Doch standen im Zentrum dieser Reflexion zuletzt vor allem angeborene Kategorien der Äußerlichkeit und der Identität: das Geschlecht, die Hautfarbe, das Alter. Der "alte, weiße Mann" war eben alt und weiß. Ob er reich oder arm war, erfuhr man nicht, und ein bisschen schien es auch egal. Mit #unten bekommt nun auch die materielle Dimension ihren Platz in der Debatte. Es geht um die Verteilung, um Arm und Reich, um Profiteure und Ausgebeutete – und damit um etwas, das sich politisch verändern lässt.

Das macht die Debatte so interessant und führt zugleich zu einigen Problemen. Zunächst: zu einem performativen. #Unten illustriert, was die versammelte deutsche Bildungsforschung seit Jahren stets aufs Neue nachgewiesen hat. Die Herkunft bestimmt, insbesondere in Deutschland, den Lebensweg, wer unten geboren wird, der bleibt in der Regel dort. Der soziale Aufstieg wird zum unerreichbaren Ziel. Doch sind es in den sozialen Netzwerken vor allem die Aufsteiger, die unter dem Hashtag von ihren Erfahrungen berichten. Jene, die sich auszudrücken wissen, nicht selten akademisch gebildet, die also die Ausnahme sind und nicht die Regel. Gerade gegen sie richtet sich nun die Kritik. "Was wollt ihr denn eigentlich?", heißt es dann. "Ihr habt es doch geschafft. Stellt euch nicht so an."

Dabei ist es gerade bemerkenswert, dass nun die Aufsteiger ihre Erfahrungen öffentlich zum Thema machen. Schließlich sagte man ihnen stets nach, sich nach dem Aufstieg schleunigst von ihrer Herkunft distanziert zu haben. Sie trainierten sich den Dialekt ab und sprachen wenig über ihre Kindheit. Bei #unten weicht diese "Herkunftsscham" (Didier Eribon) nun einem selbstbewussten Sprechen über die Erfahrungen von Abwertung und Diskriminierung. Und wo die Demütigen zu Anklägern werden, da beginnt die Emanzipation.

Wer ihre Berichte liest, der braucht nicht lange, bis ihm Zweifel kommen an der Selbsterzählung der bürgerlichen Gesellschaft. Dass es "bei uns" jeder schaffen kann, der "hart arbeitet" und sich "anstrengt", dem widersprechen die versammelten Lebenszeugnisse.

#Unten zeigt, dass eine Gesellschaft keinesfalls allein die Leistung belohnt, dass sie, im Gegenteil, über eine ganze Menge an subtilen und weniger subtilen Mechanismen des Ausschlusses und der Abgrenzung verfügt. Scheitern ist nur selten "gerecht" und die Chancengleichheit oft nicht mehr als ein schönes Wort.

All dies konnte man gewiss schon vorher ahnen. Aber #unten füllt die Zahlen der Empiriker mit Leben und macht erfahrbar, was vorher abstrakt blieb.

Die Gefahr ist allerdings, dass es dabei bleibt. Das Prinzip der Hashtag-Kampagne ist eines der Individualisierung und Anekdotisierung. Schon bei #MeToo stellte sich irgendwann die Frage, wie es gelingt, von der Konkretion zurück zur Abstraktion zu gelangen – und auf der Grundlage des Hashtags über Machtverhältnisse und strukturellen Sexismus zu sprechen.

Auch für #unten ist diese Frage elementar. Denn wo es ein #unten gibt, gibt es auch ein #oben. Es gibt Bedingungen, die Armut produzieren und dafür sorgen, dass sich eine Gesellschaft entzweit. Der Hashtag kann ein Anfang sein. Die eigentliche Frage aber ist, was eine Gesellschaft tun kann, die sich ein #unten nicht leisten will.