Er hat es nie zugegeben. Er hat es aber auch nie dementiert. Das verrufene Werk soll auf eine Wiener Kaffeehaus-Wette zurückgehen, man weiß bis heute nicht, von wem angeregt. Die 1906 anonym in kleiner Auflage erschienene und nur durch Subskriptionsverfahren vor der Zensur geschützte Schrift Josefine Mutzenbacher oder Die Lebensgeschichte einer wienerischen Dirne, von ihr selbst erzählt, ist das berühmteste pornografische Werk der deutschsprachigen Literatur. Es sind die fiktiven Memoiren der Josefine, die schon als Kind ins Gewerbe der Prostitution rutscht; ein Buch mit mindestens einer Ausschweifung pro Seite. Noch bis vor Kurzem stand die Mutzenbacher in Deutschland auf dem Index, erst Ende 2017 wurde sie aus der Liste der jugendgefährdenden Medien gestrichen.

Der anonyme Verfasser befand sich offenbar in enger Fühlung mit den nichtbürgerlichen Milieus der Wiener Vorstadt, er hatte außerdem ein genaues Gehör. Er ist ein Meister der Figurensprache und des Wiener Gassen- und Honoratiorenjargons. Schon Friedrich Torberg lobte die Lebensechtheit und Natürlichkeit der Milieuschilderung. Nicht nur als soziologisches Sittengemälde, auch als Sprachkunstwerk ist die Mutzenbacher aller Ehren wert. In der Ausgabe, die 1969 bei Rogner & Bernhard erschien (ihre Käufer mussten in einem beiliegenden Verpflichtungsschein versichern, das Buch verschlossen aufzubewahren und "Jugendlichen unter 21 Jahren nicht zugänglich zu machen" – rührende Zeiten), in dieser Ausgabe also erklärte Oswald Wiener die Mutzenbacher mit Recht zu Weltliteratur. Ein literarisch ernst zu nehmender Konkurrent im pornografischen Genre ist ihr erst jetzt mit Rudolf Borchardts Weltpuff Berlin erwachsen (ZEIT Nr. 42/18).

Aber wer hat sie verfasst und die Wette mithin gewonnen? Eine Weile galt Arthur Schnitzler als Kandidat. Schnitzler jedoch hatte die Verfasserschaft bestritten. Sein Freund Felix Salten, dem die Mutzenbacher heute zugeschrieben wird, hatte, von Stefan Zweig befragt, nur vielsagend gelächelt: Wenn er sie verleugne, werde Zweig ihm nicht glauben; wenn er das Geheimnis lüfte, werde man meinen, er scherze. Was immerhin noch einen millimetergroßen Spalt für Zweifel offenhielt.

Geboren wurde Felix Salten als Zsiga Salzmann 1869 in Pest, Österreich-Ungarn, in Wien wuchs er in einfachen Verhältnissen auf, ging ohne Abschluss vom Gymnasium ab, schrieb früh unter dem heute bekannten Namen fürs nackte Geld und schloss sich ab 1890 dem Kreis um Jung-Wien an. Er war befreundet mit Hofmannsthal, Beer-Hofmann, Bahr und vor allem Schnitzler, dem er später als Theaterkritiker zur Seite sprang und als Ersatz-Liebhaber aushalf. (Arthur wollte Adele Sandrock loswerden, Felix übernahm.) Bekannt wurde er als stets bestens orientierter Hofberichterstatter und Skandalaufdecker der Wiener Zeit. 1902 gab er sich eine Verfassung, wie es bei Thomas Mann hieß, und heiratete eine Burgschauspielerin. Sein Ruhm wuchs, er schrieb Libretti, Bühnenstücke und Drehbücher, er war der gefragteste Journalist seiner Zeit und bejubelte 1914 den Kriegsausbruch. Nach dem Zusammenbruch der K.-u.-k.-Monarchie schwankte er wie ein Kreisel zwischen allen nur möglichen Positionen, wurde aber als Verfasser eines berühmten Buches 1927 als Nachfolger Schnitzlers für sechs Jahre Präsident des österreichischen PEN. 1934 verteidigte er den Austrofaschismus, 1935 wurden seine Bücher in Deutschland verboten. Den "Anschluss" und die Judendeportation überstand er dank hoher Protektion unbeschadet, durfte aber nicht publizieren. In seinen letzten Jahren kämpfte er mit materieller Misere, das Kriegsende erlebte er in Zürich, wo er im Oktober 1945 starb.

Drei Jahre zuvor fand in London die Premiere des Disney-Films statt, dessen Vorlage ihn berühmt gemacht hatte: Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde – das Kinderbuch, das Felix Salten 1923 veröffentlichte. Es ist der Film, der ihn bis heute bekannt hält, nicht das Buch, das kaum noch gelesen wird (Amazon-Rang 213.000). Walt Disney ist schuld, wenn man Felix Salten heute noch kennt, der sonst, jedenfalls unter seinem Namen, vergessen wäre. Ohne den Film würden heute nicht honorige Preise im Namen Bambis verliehen. Ohne den Film wäre Saltens Grab in Zürich verwittert.

Der Film freilich, wie es sein Recht ist, entnimmt dem Buch nur, was ihm zupasskommt. Er erfindet vieles, was im Buch nicht steht, und vieles aus dem Buch lässt er weg. Ein Waldbrand wird hinzugedichtet, der im Buch nicht vorkommt. Weil es in Amerika keine Rehe gibt, wurde aus Bambi ein Hirschkalb; in der deutschen Fassung blieb der Vater auch nach der Rückübersetzung ein Hirsch, obwohl Bambi wieder zum Reh zurückgeschrumpft war – die zoo- und genealogische Verwirrung ist bis heute beträchtlich.