Am Fuße des Leipziger Neuen Rathauses findet der aufmerksame Spaziergänger ein ungewöhnliches Denkmal. Es handelt sich dabei um einen Glockenschacht, der von einer Arena kreisförmiger Stufen umfasst wird. "Das größte Problem ist die Wiederherstellung des einfachen menschlichen Anstands (1936)" steht auf einer dieser Stufen. Man mag aus heutiger Sicht das Wort "Anstand" etwas antiquiert finden, aber man seufzt doch beim Lesen dieses Satzes ziemlich aktuell, nicht?

Alle Zitate auf den Steinstufen stammen aus den Reden, Texten und Briefen Carl Friedrich Goerdelers, der zwischen 1930 und 1937 Oberbürgermeister von Leipzig war. Das Denkmal ist ihm gewidmet.

Auf den Job des Leipziger Bürgermeisters stand sicher nie Vergnügungssteuer, jene Jahre jedoch forderten den Menschen bekanntlich größere Gewissensentscheidungen ab. Auch Goerdeler. 1937 trat er von seinem Amt als Bürgermeister zurück, weil er die Entfernung des Denkmals für den jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy durch die Nazis nicht billigte.

Goerdeler hat auf seine Weise reagiert: Seine innere Haltung richtete sich an der Freiheit des Denkens und Handelns auf. Und dies in Zeiten, die keinen Widerspruch mehr duldeten, die Widerstand erforderlich machten. Und Widerstand, das darf man nicht vergessen, bedeutete, ein Opfer zu bringen. Goerdeler wurde am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee wegen Verrats am Volke hingerichtet.

Die Person des Leipziger Bürgermeisters Carl Friedrich Goerdeler beschäftigt mich seit Jahren. Bis vor Kurzem sprach die automatische Frauenstimme, die in den Straßenbahnen die Haltestellen ansagt, "Goerdeler Ring" immer so aus, als beruhe die Bezeichnung auf einer Ortsangabe: mit der Betonung auf dem zweiten Wort. Ich fragte mich immer: Ist das lustig – oder befremdlich? Verzeihlich?

Ich hätte darüber vor einigen Tagen mit Frieder Meyer-Krahmer, einem der Goerdeler-Enkel, und seiner Frau sprechen können, mit denen ich an einem Herbstnachmittag eine angeregte Unterhaltung in ruhigem Kaffeehausambiente führte, während auf dem Leipziger Marktplatz eine Equipe besonders lebensfroher Celtic-Glasgow-Fans ein Fest mit den Einheimischen feierte. Die Straßenbahn-Durchsagen-Frage habe ich aber vergessen, es gab bei Weitem Wichtigeres zu besprechen. Aus all den Sätzen dieses Nachmittags schälte sich am Ende für mich die Erkenntnis heraus: In Goerdelers Familie gab es, wie bei vielen Widerständlern dieser Zeit, einen besonders festen Zusammenhalt. Goerdelers Frau Anneliese, sein Bruder Fritz, dessen Frau Sabine und die neun Kinder beider Brüder gaben dem Politiker Rückhalt.

Die starken Familienbande scheinen bis in die heutige Zeit zu bestehen. Die Enkel Carl F. Goerdelers widmen sich gemeinsam der Carl und Anneliese Goerdeler-Stiftung, die im Jahre 1995 von den Kindern des Ehepaars gegründet wurde. Die Stiftung hat sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, Bildung und Erziehung auf Grundlage der Ethik des Politikers Goerdeler zu fördern. Was auf dem Papier etwas trocken klingen mag, ist im richtigen Leben ein beeindruckendes Projekt. Ich durfte mich in der vergangenen Woche erneut davon überzeugen – als Gast auf der Abschlussveranstaltung eines internationalen Schulprojekts, das die Goerdeler-Stiftung gemeinsam mit der Stadt Leipzig und einer Schule in privater Trägerschaft ins Leben gerufen und vor allem im besten Sinne durchlebt hat.

Anderthalb Jahre lang hatten sich Schüler aus Leipzig, Warschau, Kiew, Lyon, Addis Abeba und Kairo mit dem Thema "Widerstand gestern und heute – was können wir daraus lernen?" beschäftigt. Sämtliche ausländischen Teilnehmer waren nach Leipzig gekommen, um sich während zweier Workshop-Tage kennenzulernen und an der Präsentation ihrer Forschungsergebnisse zu feilen. Die entstandenen Kurzfilme und Vorträge wurden auf einer ebenso feierlichen wie jungen Festveranstaltung mit einer ernsthaften Genauigkeit dargeboten, die man dieser Altersgruppe heute nicht mehr zutraut. Zu Unrecht. Wenn ein Leipziger Gymnasiast zum Beispiel in einem Film über den Widerständler Egmont Schultz dessen Rolle übernimmt und ins Gefängnis gesperrt an sein "liebes, liebes Muttel" schreibt, diese Anrede stoisch wiederholend, dann ist das ein Stolperstein, den weder die Anwesenden noch die Schüler selbst jemals vergessen werden. Vergessen werde ich auch nicht die Antworten der Jugendlichen, als ich sie nach ihren Beweggründen für das Interesse am Thema Widerstand fragte. "Wir waren dabei auf dem Maidan, wir kennen die Leute, die alles miterlebt haben", sagen die aus Kiew. "Wir fragen uns, wie man uns Sachsen im Rest des Landes wohl sieht", sagen die aus Leipzig, und "Schauen Sie mal, da stehen Zeitzeuginnen des Arabischen Frühlings!", sagt die Schulleiterin aus Kairo – stolz auf ihre Schülerinnen weisend.

Man übertreibt nicht, wenn man behauptet, dass diese Veranstaltung, durch die Frieder Meyer-Krahmer mit einer ganz eigenen Mischung aus Souveränität und freundlicher Kultiviertheit führte, in jeder Hinsicht etwas Besonderes war. Sie hinterließ nicht weniger als eine Vision. Dass es eine Zukunft geben könnte, die von jungen Leuten gestaltet wird, von jungen Leuten, die in unserer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft wenigstens eine winzige Spur hinterlassen wollen – eine Spur breiter als null. Und das ist verdammt viel.