Unmittelbar nach meinem Abitur fiel die Mauer – und meine Eltern beschlossen, das Leben in Halle hinter sich zu lassen und nach Mainz zu ziehen. Auch ich war neugierig auf den Westen und ging mit ihnen. Es kostete mich kaum Überwindung, denn ich war ja ohnehin darauf vorbereitet, dass nach der Schule etwas Neues beginnen müsste.

Aber der Westen war anders, als ich gedacht hätte. In der Nähe von Bad Homburg begann ich eine Ausbildung zur Steinmetzin. Der Betrieb stattete Villen und Kurbäder aus, wir hantierten mit goldenen Schrauben. Ich mochte das nicht.

Auch sonst hat mich der goldene Westen nicht gerade beeindruckt. In Mainz stehen ja so viele Zweckbauten aus den Sechzigerjahren. Ich dachte: Schön ist anders. Meine Eltern hingegen gaben alles, um im Westen heimisch zu werden. Sie kauften eine Neubauwohnung, gelegen an einer Autobahnabfahrt. Kleiner Garten, Parkett – alles ziemlich praktisch. Sie hatten das Gefühl, glaube ich, sie müssten ihre neue Freiheit jetzt auch nutzen. Es war ihre Flucht nach vorn.

Ich aber machte einen Schritt zurück, wollte in Bad Homburg nicht bleiben. Meine Schulkameraden waren fast alle im Osten geblieben. Also ging ich wieder nach Halle, studierte an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein. Ich gehöre zur ersten Generation, die in den Osten zurückkehren konnte, um sich ihre Träume zu erfüllen.

Susanne Hagendorf, 46, machte 1989 Abitur an der Erweiterten Oberschule "Thomas Müntzer" in Halle/Saale. Heute ist sie Grafikdesignerin

Ich wollte in meiner Jugend immer nur eines: Ski fahren. Von Kind an war ich Langläufer beim FC Traktor Oberwiesenthal. Auch als ich 1988 an der Jugendsportschule Oberwiesenthal meinen Schulabschluss machte, blieb der Sport für mich das Wichtigste. Die politischen Entwicklungen bekam ich eher nebenbei mit.

Im November 1989 flogen wir ins Trainingslager nach Russland, südlich von Murmansk. Ich kann mich gut erinnern, wie wir am Flughafen standen und sagten: Was wird wohl sein, wenn wir wieder da sind? Es war etwas im Busch, das spürten wir. Als wir wiederkamen, war die Mauer weg.

Danach kam unsere große Zeit, aber sie währte eher kurz. Bei der Junioren-Weltmeisterschaft traten zum letzten Mal zwei deutsche Teams an, und wir, die DDR-Mannschaft, holten zu viert die Goldmedaille im Langlauf, vor der BRD und den Russen. Wir waren die letzte Mannschaft, die auf dem Siegerpodest die DDR-Hymne plärrte. Damals hoffte ich, dass es so weitergehen würde; dass wir im vereinigten Land viele solcher Erfolge feiern könnten. Im Juni gab es schon den ersten gemeinsamen Lehrgang mit den westdeutschen Kameraden. Sie hatten etwas Angst, das hat man gemerkt. Wir hatten sie ja gerade besiegt. Was, wenn wir ihnen die Stammplätze klauen würden? Für uns war es auch nicht gerade leicht. Man sprach jetzt im Team vor allem bayerisch.

Ich selber fuhr zweimal zur Winter-Olympiade, 1992 und 1994. Aber meine Junioren-Goldmedaille bleib mein erstes und einziges Edelmetall.

Janko Neuber, 47, beendete 1988 die 10. Klasse an der Jugendsportschule Oberwiesenthal. Er arbeitet als Langlauf-Trainer beim Deutschen Skiverband.

Bis zum Jahr 1988 absolvierte ich eine Ausbildung zum Tischler in Neubrandenburg, und dass das Land vor einer Revolution stand, bekam ich dort oben kaum mit. Ich war wie abgeschirmt. Nach meinem Abschluss kehrte ich heim nach Jena, wo ich aufgewachsen war. Und plötzlich ging alles so schnell. Die Monate vor und nach dem Mauerfall waren überwältigend.

Im Sommer 1990 fuhr ich mit Freunden im Zug durch Frankreich und Portugal. Als ich in der Provence in die Schlucht von Verdon hinabschaute und das türkisfarbene Wasser sah, musste ich heulen. Ich hatte mein Leben lang geglaubt, dass ich so etwas nie sehen würde.

Der Moment in Verdon, diese Euphorie, blieb ein Urlaubserlebnis. Ansonsten brachte der Umbruch eher Unruhe in mein Leben. Von der Tischlerei in Jena, bei der ich Spezialist für Türen war, wollte keiner mehr selbst gebaute Türen haben. Stattdessen mussten wir für große Investoren alte Häuser sanieren. Es machte keinen Spaß. Als ein Freund mich fragte, ob ich einen Job im Westen wolle, griff ich zu.

In Mannheim renovierten wir alte Kneipen. Dann tourten wir durch das ganze Land, bauten Messen auf, schliefen in Hotels oder einfach im Lkw. Das kam mir vor wie Turbokapitalismus, ich verdiente ziemlich gut.

Irgendwann störte es mich aber, immer nur im Westen zu arbeiten, während eigentlich der Osten Hilfe und Leute wie mich brauchte. Also ging ich zurück nach Jena, um selbstständig zu arbeiten. Ich kaufte mir Land und eine halbe Scheune. Seitdem habe ich nie wieder so gut verdient wie im Westen. Dafür kann ich zu Hause schlafen.

Christian Barth, 48, schloss 1988 die Berufsschule ab. Seit 2004 arbeitet er als Möbelrestaurator