East ist schwarz, fünfzehn und kennt außer seiner neighborhood in Los Angeles nichts von der Welt. Aber er hat einen Job. Er ist Beobachter. Und zwar nicht irgendeiner, sondern der Chef der anderen Jungs, die aufpassen, was in den Drogenhäusern geschieht. East teilt sie in Schichten ein und zahlt sie aus. Aber: Beobachter handeln nicht. Und so wird East hilfloser Zeuge, als die Cops auf sein Haus losstürmen, als die Schießerei beginnt und als das kleine Mädchen, mit dem er sich eben noch unterhalten hat, mit einem Schuss in den Kopf niedergestreckt wird.

So beginnt Bill Beverlys Dodgers, in den USA wie in England begeistert aufgenommen und von der britischen Crime Writers’ Association gleich mit zwei Daggers – als bestes Debüt und bester Roman – ausgezeichnet. Als Motto hat Bill Beverly seiner Geschichte von vier schwarzen Jungen einen Text aus dem Jahr 1849 vorangestellt. Er stammt aus der Autobiografie von James W. C. Pennington, der nach seiner Flucht aus der Sklaverei der erste Schwarze war, der in Yale studierte.

Andere Zeiten, andere Geschichten. Statt East wegen Pflichtvergessenheit zu degradieren, erteilt sein Drogenboss (und vermutlicher Vater) ihm und drei anderen Jungen den Auftrag, in Wisconsin, 2.300 Meilen und 35 Stunden Autofahrt entfernt, einen Richter zu töten. Dessen bevorstehende Zeugenaussage würde ihn in den Knast und die Jungs um ihre Jobs bringen. Die Frage, ob eine Gang, deren ältestes Mitglied zwanzig und deren jüngstes dreizehn Jahre alt ist, dazu imstande sein wird, stellt sich nicht. Denn nur Straßenkinder, auch wenn sie ein Semester studiert haben wie Michael oder bereits erfahrene Cyberkriminelle sind wie der dickliche Walt, können unbedarft morden. Besonders, wenn das jüngste bereits die Züge eines ausgewachsenen Psychopathen zeigt.

Die vier werden als Dodgers-Fans ausstaffiert, damit die Weißen, in deren Gebiet sie vordringen werden, sie weniger feindlich betrachten. Ihr Trip endet beinahe schon in Las Vegas, weil der Älteste versucht, ihr Reisegeld am Spieltisch durchzubringen. Doch die drei Jüngeren setzen ihren Anführer auf die Straße und ziehen, der Kälte, der Müdigkeit und dem Hunger zum Trotz, ihren Auftrag durch. Von da an sind die drei Mörderlein auf der Flucht. Ohne Unterstützung, da ihre Organisation inzwischen zusammengebrochen ist. East behält den Überblick, ein starrsinniger, pflichtbewusster Außendienstler, der lernt, die Entscheidungen zu treffen, die das Überleben sichern und den Erfolg. Pennington floh in die Freiheit, die Dodgers ins Verbrechen. Die Zeiten ändern sich, die Romane werden schwärzer.

Bill Beverly: Dodgers. Roman; a. d. Engl. v. Hans M. Herzog; Diogenes Verlag, Zürich 2018; 400 S., 24,– €, als E-Book 20,99 €