Wer wissen will, wie es an der Uni zugeht, muss Ehsan Ghafoory fragen. Der langjährige Pförtner an der LMU München kennt die Sorgen der Studierenden. Und der Professoren.

Ich bin seit 2005 Pförtner an der LMU München. Das Institutsgebäude an der Oettingenstraße beim Englischen Garten ist wie ein eigener kleiner Campus. Bei uns gibt es Vorlesungen und Seminare für Informatik, Politikwissenschaften, Kommunikationswissenschaften, Ethnologie und Japanologie. Ich sitze in einem eigenen Pförtnerhäuschen hinter einer Scheibe und habe Blickkontakt zu den Studenten, die ankommen. Sie sehen aber oft nicht, dass ich im Rollstuhl sitze. Ich bin querschnittgelähmt, seit ich in Afghanistan, wo ich herkomme, 1991 mit einem Auto über eine Landmine gefahren bin.

Studenten, die auch im Rollstuhl sitzen, kann ich besonders gut helfen, ich fahre mit ihnen mit, zeige ihnen, wo sie den Aufzug und die Behindertentoilette finden. Wenn sie mit dem Auto zur Uni gebracht werden, weise ich ihnen den Parkplatz zu. Oft helfe ich auch blinden Studenten. Der Rollstuhl erschwert meine Arbeit eigentlich nur, wenn ich jemandem beim Flicken seines Fahrradreifens helfen will. Oder wenn er das Schloss seines Rads aufknacken muss, weil der Schlüssel abgebrochen ist. Das muss dann der Hausmeister übernehmen.

Zum Semesterstart fragen viele Studenten, wo die Bibliothek, die Computerräume, die Schließfächer und die Studienberatung sind oder wo sie ihre Mensakarte bekommen. Während dieser Zeit bin ich mit meinen Pförtnerkollegen auch draußen und leite die Leute zu den Einführungsveranstaltungen. Viele kommen mit Eltern, weil die auch wissen wollen, wie alles so läuft. Die Studenten sind viel jünger als noch vor zehn Jahren. Aber auch die Professoren werden immer jünger.

Unabhängig vom Alter müssen wir selbst den gestandenen Wissenschaftlern helfen, wenn der Beamer nicht funktioniert oder der Lautsprecher nicht geht. Wir sind Mädchen für alles. Aber ich bin stolz darauf, einer der letzten klassischen Pförtner an einer deutschen Uni zu sein. Auskünfte von uns sind gefragt, es gibt ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Wissenschaftlern und Pförtnern. Manche Studenten geben sogar ihre Hausarbeiten bei uns ab und schreiben ihren Profs: "Ich habe sie bei Ghafoory eingereicht."

Wir Pförtner mussten aber auch schon einmal ein Hausverbot umsetzen. Eine Studentin hat einen Professor bedrängt, weil er ihre Diplomarbeit nicht betreuen wollte. Sie hat ständig bei ihm geklopft, ihn richtiggehend verfolgt. Wir haben dann ein Foto von ihr und ihren Namen bekommen. Wenn sie trotzdem in die Uni wollte, haben wir die Hausverwaltung angerufen.

Es gibt auch einen Info-Point in unserem Institut. Da wechseln die Mitarbeiter aber häufig. Bei uns ist das nicht so, uns kennen die Leute. Ich bin ein bisschen wie ein bunter Hund, jeder grüßt mich. Wenn ich nicht da war, fragen mich die Leute, wo ich gewesen sei. Dann sage ich: "Es tut mir leid, ich war im Urlaub", und sie sagen, dass sie mich vermisst hätten.

Wenn Prüfungen sind, spürt man die Aufregung. Manche rauchen viel, andere freuen sich, wenn sie aus der Klausur kommen – oder sie weinen. Ich erlebe auch, dass manche als Doktorand die LMU verlassen und als Professor zurückkommen. Wir scherzen dann, dass sie bei mir studiert haben.

Ich würde auch gern in Deutschland studieren, und zwar Germanistik, um mein Deutsch zu verbessern. In Afghanistan habe ich als Russisch-Übersetzer gearbeitet. 2004 wollte ich aber nur noch weg – egal in welches Land. Die Taliban waren eine zu große Gefahr. Ich hatte Glück, dass ich ein Visum für Deutschland bekommen habe. Ein Jahr später habe ich dann ein Praktikum als Pförtner an der LMU gemacht und bin übernommen worden. In Deutschland kann man die Freiheit fühlen: Jeder darf seine Meinung sagen und wird so akzeptiert, wie er ist. Ich bin dankbar, dass man mich aufgenommen hat und ich in einer Demokratie leben darf. Meine Herkunft ist kaum ein Thema. An der Uni arbeiten Kollegen aus vielen anderen Ländern.

Ich finde, das Uni-Leben hat sich im Laufe der Jahre verändert, weil das Leben insgesamt schwieriger geworden ist. Das hängt neben der Wohnungsnot mit höheren Preisen für alles Mögliche zusammen. Manche Studenten sind gestresster, weil sie nach der Uni gleich noch zu einem Nebenjob müssen. Manchmal sind auch die Eltern besorgt, wenn ihre Kinder keine Wohnung finden. Helfen kann ich den Studenten leider nicht bei der Wohnungssuche. Wenn ich nach einer Wohnung gefragt werde, muss ich passen und kann nur auf das Schwarze Brett verweisen. In München eine Wohnung zu finden ist ziemlich schwierig. Dennoch wissen viele vorher gar nicht, wie umkämpft der Wohnungsmarkt wirklich ist. Eine Bleibe im Studentenwohnheim zu bekommen ist wie ein Sechser im Lotto.

Meinen Job mache ich gerne, auch wenn es nicht mein Traumberuf ist. Ich mag es, viele Leute zu kennen und ihnen zu helfen. Mit meinem Gehalt von etwa 1.400 Euro netto bin ich zufrieden, auch wenn man damit in München nicht weit kommt.