Es passiert selten, dass vor einem Konzert der Vermieter des Saals die Zuhörer bittet, nicht aufzustehen und nach Hause zu gehen, wenn sich gleich die Musiker ans Werk machen. Am Sonntag in der Elbphilharmonie hielt Intendant Christoph Lieben-Seutter einen solchen Hinweis für geboten. Denn es stand Jazz auf dem Programm. Und beim vorausgegangenen Jazzkonzert vier Tage zuvor hatten, während das Vijay Iyer Sextett spielte, mehrere Hundert Zuschauer den Saal verlassen.

Zwar geht die Wahrscheinlichkeit gegen null, dass sich ein solches Debakel unmittelbar wiederholt – bei anderen Musikern und überwiegend auch anderen Zuhörern (und es passierte dann auch nicht wieder). Aber Lieben-Seutter, der seinem Publikum schon das Applaudieren zwischen den Sinfonie-Sätzen abgewöhnt hat, kennt die Verzwicktheit des hiesigen Konzertbetriebs so gut wie kaum ein anderer in Hamburg – und weiß also: Mit Logik kommt man nicht weit. Zumal Schlagzeilen wie "Warum Zuschauer immer wieder fluchtartig aus der Elbphilharmonie stürmen" sein Haus in unnötig schlechtes Licht stellen, steht doch immer zwischen den Zeilen: Aha, es läuft wohl doch nicht so gut, wie immer alle behaupten.

Eine Erklärung für den massenhaften Auszug der Gäste war schnell bei der Hand, vorgebracht vor allem vom Veranstalter, einer namhaften externen Konzertagentur: Im Publikum hätten gar keine Jazzkenner gesessen, sondern zufällige Gäste, Saal-Touristen, angelockt, die Elbphilharmonie zu besichtigen, und dann überrumpelt, dass nicht ein Orchester eine harmlose Sinfonie herunterfiedelt, sondern eine Avantgarde-Jazzband hoch motiviert den Quintenzirkel durchmisst. Und weil der Veranstalter klug genug ist, seine Kunden nicht versehentlich der Ignoranz zu bezichtigen, geht der Vorwurf eben an die Elbphilharmonie: Sie habe die Leute geblendet und mit ihrer Popularität zum Kauf der Karten, die sie gar nicht haben wollten, verführt. Eine bestechend simple Erklärung, die, wie die meisten simplen Erklärungen, zu kurz greift.

Denn dafür, dass mehrere Hundert Zuhörer ein Konzert verlassen, gibt es meist einen viel schlagenderen Grund: Das Konzert war nicht gut. Scheitern kann ein Abend an unzählbar vielen Faktoren, an der Tagesform der Musiker, an einer ungünstigen Aussteuerung des Sounds (ein häufiger Streitpunkt der erfahrenen Haustechniker mit den mitgebrachten Soundmischern) oder am Programm: An diesem Abend etwa traten zwei Bands nacheinander auf, und als nach der Pause fast alle (!) Zuhörer zurückkamen, stellten sie fest, dass entgegen allen Erfahrungswerten die bekömmlichere Band den ersten Teil bestritten hatte.

Scheitern kann ein Abend aber auch, und das ist neu für Hamburg, wenn das Konzertformat nicht zum Saal passt. Sicher, kein Veranstalter entscheidet sich, 230 Tickets zu verkaufen, wenn er auch 2300 umsetzen könnte – zumal mit Garantie. Aber nur für ausverkaufte Konzerte ist die Elbphilharmonie ein Garant, nicht für gelungene Abende. Und auch verkaufte Tickets allein garantieren noch kein gutes Konzert, weder den Künstlern noch den Zuhörern.

Der Umgang mit der Elbphilharmonie will geübt sein, nicht nur für Musiker. Avantgarde-Jazz vor 2300 begeisterten Gästen, die bis zum Ende bleiben – das wäre dann wirklich ein Weltwunder.