Flump. Dieses Geräusch war Enid Blyton als Mädchen vertraut und verhasst. An so manchem Morgen stand sie besonders früh auf, um im Flur zu sein, wenn die morgendliche Post durch den Briefschlitz flumpte. Während die beiden jüngeren Brüder in den warmen Betten lagen und schliefen, kauerte die große Schwester unten vor der Haustür, schnappte sich eilig die ankommenden Umschläge und hastete damit zurück in ihr Zimmer. Hoffentlich hatte sie niemand gehört oder gesehen! Denn was in den Umschlägen steckte, beschämte Enid sehr: "Nicht gut genug." Diese Antwort erhielt sie als Jugendliche regelmäßig, wenn sie eine Geschichte oder ein Gedicht bei einer Zeitschrift oder einem Wettbewerb eingereicht hatte. Einmal kamen in nur einer Woche sechs solcher niederschmetternden Briefe.

Enid Blyton, die mit ihren Kinderbüchern weltberühmt werden sollte und in ihrem Leben rund 700 Bücher veröffentlichte, hatte anfangs überhaupt keinen Erfolg. 1897 kam sie in der britischen Hauptstadt London zur Welt. Schriftstellerin wollte sie schon als Kind werden, dafür übte sie sich fleißig im Schreiben. An ihrer Zimmertür hatte sie einen Klopfer angebracht. Wenn sie an ihren Texten saß, schloss sie sich ein. Wer etwas von ihr wollte, musste an die Tür pochen und auf Einlass hoffen.

Doch die Arbeit wurde nicht belohnt, stattdessen gab es Ärger mit ihrer Mutter. Die meckerte: Was für eine Verschwendung von Zeit und von Geld! Denn Enids Schreiberei verbrauchte Unmengen an Papier und Tinte, dazu kamen die Umschläge und Briefmarken. Und das alles hundertfach. Insgesamt muss sie als Jugendliche etwa 500 Briefe verschickt und zurückbekommen haben, schätzte sie später selbst.

Enid blieb stur. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, tat sie alles dafür, es zu bekommen. Wenn schon niemand ihre Geschichten drucken wollte, dann würde sie die eben Kindern erzählen. So wurde Enid zunächst Lehrerin. Ein großes Glück! Denn schnell zeigte sich, dass sie eine ganz besondere Verbindung zu Kindern hatte. Selbst die wildesten Mädchen und Jungen wurden bei ihr still und hörten gespannt zu. Ein Schulleiter schrieb: "She has the secret" – sie habe eine Art Geheimwissen, wie man mit Kindern umgehen muss.

Manche sagen, Enids Geheimnis war, dass sie selbst nie erwachsen geworden ist. Und das hatte einem traurigen Grund. Kurz bevor Enid 13 Jahre alt wurde, verließ ihr Vater die Familie, um mit einer anderen Frau zusammenzuleben. Damals galt eine Trennung vielen als Schande. Enids Mutter verbot den Kindern, davon zu erzählen. Stattdessen hieß es fortan, der Vater sei auf Reisen. Jahrelang.

Die Lügerei fiel Enid nicht schwer, sie war ja gut im Geschichtenerfinden. Doch sie litt sehr darunter, dass ihr geliebter Papa weg war. Mit der Mutter hatte sie sich nie gut verstanden, nun gab es noch mehr Streit. Menschen, die Enid gut kannten, sagten später, sie habe damals angefangen, sich eine heile Welt zusammenzudichten. Und deshalb sei sie in ihrem Innern immer ein zwölf Jahre altes Mädchen geblieben.

Ihre Schüler störte das nicht, sie liebten Enid – und die muss eine großartige Lehrerin gewesen sein. Sie unterrichtete allerdings nur fünf Jahre lang. Vier davon leitete sie eine eigene kleine Schule mit zwölf Kindern. Für den Unterricht hatte sie immer neue Ideen: Sie unternahm Wanderungen mit den Kindern und erklärte ihnen dabei die Tier- und Pflanzenwelt. Sie ließ einen Ballon fliegen, und als eine Antwortkarte aus Belgien kam, baute sie das in die Erdkundestunde ein. Und sie schrieb für ihre Schüler Lieder und Gedichte, Theaterstücke und Geschichten.

Kaum ein Tag in ihrem Leben verging, an dem die fleißige Enid nicht etwas zu Papier brachte. Als Lehrerin hatte sie gemerkt, dass es sie am meisten beglückte, für Kinder zu schreiben. Sie selbst sagte dazu einmal: "Mir brachten die Kinder bei, wie man Bücher für sie schreibt."

Anfangs aber waren es nicht Bücher, mit denen Enid Blyton bekannt wurde, sondern Artikel in Zeitschriften. In einigen gab sie Lehrern Tipps für spannenden Unterricht. In anderen erzählte sie Kindern kleine Geschichten aus ihrem Leben – oft in Briefform. Jetzt musste sie ja keine Sorge mehr haben, dass ihre Texte mit einem "Nicht gut genug"-Vermerk zurückgeschickt würden.

Im Gegenteil, die Kinder begannen ihr zu antworten. Und als Enid auch noch im Namen ihres Hundes Bobs Briefe an die Kinder verfasste, flumpten durch ihren Briefschlitz keine einzelnen Umschläge mehr, ganze Postberge landeten mit lautem Rums vor ihrer Tür. Nachdem Enid ihre erste Tochter bekommen hatte, sah man sie oft, wie sie Ladungen an Briefen und Päckchen auf dem Kinderwagen nach Hause balancierte.