Ein bekanntes Geschichtsmagazin eines Hamburger Verlags widmete sich im Jahr 2007 der Weimarer Republik. Unter der Überschrift "Drama und Magie der ersten deutschen Demokratie" zierten vier Köpfe den Titel: Marlene Dietrich neben Albert Einstein, darunter Paul von Hindenburg und Adolf Hitler. Ob die fesche Lola aus dem Blauen Engel und der Begründer der Relativitätstheorie wirklich Kunst und Wissenschaft der Weimarer Jahre personifizieren, sei dahingestellt. Mit Hindenburg und Hitler aber wurden aus verkaufsstrategischen Gründen die beiden größten Zerstörer der ersten deutschen Demokratie gezeigt. Dagegen fehlte der wichtigste demokratische Politiker der Republik: Friedrich Ebert.

Auch ein nicht abgedrucktes Bild sagt mehr als tausend Worte. Trotz aller Straßen, Schulen und Stiftungen, die den Namen Friedrich Eberts tragen, trotz seines festen Platzes in der deutschen Erinnerungskultur und der zahlreichen Biografien und Gesamtdarstellungen zum demokratischen Neuanfang von 1918 ist das Bild des ersten Reichspräsidenten in der öffentlichen Wahrnehmung eher blass und unscharf. Ebert gilt nicht als das Gesicht der Weimarer Republik; er ist zwar bekannt, aber nicht populär.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Weil ein privater Nachlass fehlt – er wurde bei einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg zerstört –, wird der Mensch hinter dem Politiker kaum erkennbar. Hinzu kommt die Kürze von Eberts politischer Karriere: Zu Beginn des Ersten Weltkriegs ahnte noch niemand, dass dem Sozialdemokraten eine Schlüsselrolle in der deutschen Geschichte zufallen würde. Erst in den letzten Kriegswochen beschleunigte sich Eberts Karriere entscheidend. Im September 1918 rückte er in das Rampenlicht der öffentlichen Wahrnehmung, um dort bis zu seinem frühen Tod im Februar 1925 zu bleiben. Vor allem aber hat seine umstrittene Rolle während der Novemberrevolution dazu geführt, dass sein Bild verschwommen blieb. Manchen gilt er bis heute nicht als der Mann, der Deutschland zur Demokratie geführt hat, sondern als ein Verräter der Revolution.

Der 1871 als Sohn eines Schneidermeisters in der Heidelberger Altstadt geborene Friedrich Ebert war von Kindheit an mit sozialer Ungerechtigkeit konfrontiert. Eine Familie, die zu acht in einer Wohnung von 45 Quadratmetern lebte, konnte ihren Kindern keine Aufstiegsperspektive bieten. Bildung war im Kaiserreich ein den Eliten vorbehaltenes Privileg, was die Studentenschaft der Heidelberger Universität tagtäglich vorlebte.

Nach Volksschule und Sattlerlehre begab sich Friedrich Ebert auf Gesellen-Wanderschaft, während der er sich 1889 der von Bismarck verfolgten Sozialdemokratie anschloss. Die Wanderschaft endete 1891 in Bremen, wo Ebert die folgenden 14 Jahre lebte, heiratete, mit seiner Frau Louise fünf Kinder bekam und sich vom einfachen Parteimitglied zum Führer der Bremer SPD und Abgeordneten der Bürgerschaft emporarbeitete. 1905 wurde er als bewährter Nachwuchsmann in den SPD-Parteivorstand gewählt und wechselte in die Berliner Zentrale, wo er neben dem 1906 berufenen Hermann Müller für die Geschäftsführung der Partei zuständig war. Nach dem Tod des Parteipatriarchen August Bebel schließlich wurde Ebert 1913 zum zweiten Parteivorsitzenden gewählt.

Als der Mitvorsitzende Hugo Haase, ein prominenter Gegner der Burgfriedenpolitik, während des Krieges zur USPD wechselte, war Ebert die unumstrittene Nummer eins an der Spitze der Partei. In Eberts Altersklasse blieb nur noch ein namhafter Konkurrent übrig: der elegantere, eloquentere und erfahrenere Parlamentarier Philipp Scheidemann, der die SPD-Fraktion im Reichstag führte. Durchaus typisch für einen Charismatiker, unterschätzte Scheidemann die auf den ersten Blick wenig spektakulären Stärken Eberts: sein organisatorisches Talent, taktisches Geschick und strategisches Kalkül, gepaart mit einem ausgeprägten Machtinstinkt.

Eine Räterepublik als Alternative? Dafür fehlte im Herbst 1918 die Mehrheit

Anfang Oktober 1918 ergab sich für Ebert eine weitere Chance. Auf die Position des Reichskanzlers rückte Prinz Max von Baden. Mit Scheidemann, der Mitglied der neuen Regierung wurde, konnte der Prinz menschlich überhaupt nicht, mit seinem badischen Landsmann Ebert dafür umso besser.

Für den Eintritt der Sozialdemokratie in das neue Kabinett hatte Ebert sich zuvor mit Verve eingesetzt. Vor allem der Bürgerkrieg in Russland stellte für ihn ein Horrorszenario dar, wie er Ende September gegenüber Fraktion und Parteiausschuss erklärte: "Wer die Dinge in Rußland erlebt hat, der kann im Interesse des Proletariats nicht wünschen, daß eine solche Entwicklung bei uns eintritt. Wir müssen uns im Gegenteil in die Bresche werfen, wir müssen sehen, ob wir genug Einfluß bekommen, unsere Forderungen durchzusetzen und, wenn es möglich ist, sie mit der Rettung des Landes zu verbinden, dann ist es unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, das zu tun." Diese von Verantwortungsethos getragene Position fand im Partei- und Fraktionsvorstand die hauchdünne Mehrheit von einer Stimme.