Eine kleine, finstere Gasse in der Nähe des Wiener Rathauses. Die Adresse: Buchfeldgasse 7. Keine Leuchtreklame, kein Türschild. An der Hauswand nur die Nummer 7. Nichts deutet hier auf eine Einkehrmöglichkeit hin. Neben der Eingangstür nur eine Klingel. Drinnen ist es dunkel. Ziemlich dunkel. Wer zum ersten Mal kommt, weiß zunächst nicht recht, was ihm blüht. Ort der Handlung: die Bar Tür 7 mitten im achten Bezirk.

Starter

50 Milliliter Johnnie Walker Gold Label Blended Scotch, 25 Milliliter Lusta Fino Sherry, 25 Milliliter Cheongsam Tea Liqueur, 10 Milliliter Picon Amer (französischer Aperitif) und zwei Dash (kleine Spritzer) Chatreuse Elexir (Kräuterlikör). Alles auf Eis im Rührglas verrühren und mit Zitronenschale aromatisieren.

Seit geraumer Zeit gilt dieses Lokal als die beste Bar Wiens, wurde mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft. Lange wurde sie als Geheimtipp gehandelt. Das ist längst nicht mehr der Fall. Es heißt, wer noch nie in der Tür 7 getrunken hat, der kenne die Wiener Barszene nicht.

Es ist eine Bar mit vielen Eigenheiten. Inhaber Gery Tsai will das so. Dieser Starter ist beispielsweise ein Drink, wie er typisch für die Cocktails ist, die hier über den Tresen kommen. Eine Komposition, die es allerdings in dieser ungewöhnlichen Trinkstube kein zweites Mal geben wird. Denn hier ist jeder Drink und jeder Cocktail ein singuläres Erlebnis, ein Unikat, das für einen Gast maßgeschneiderte wurde. Es gibt keine Barkarte, und die Drinks haben auch keine Namen. Warum sollten sie?

Kein Drink ist wie der andere, kein Cocktail so, wie er in der klassischen Barliteratur verewigt wurde. Das ist die Trademark des Hauses. Gemixt wird, was Tsai und seine beiden Barkeeper Reinhard Pohorec und Glenn Estrada für einen speziellen Gast in einer speziellen Situation intuitiv für passend empfinden. Um das herauszufinden, wird er der Besucher ausgefragt wie von einem Therapeuten – das entspricht dem Klischee einer guten Bar, wo der bartender im Idealfall auch die Funktion eines Seelenklempners übernimmt.

Hier werden keine Drinks von der Stange gemixt, die Eigenkreationen produzieren Glücksgefühle für einen Augenblick. Und das in einer Umgebung, für welche die Bezeichnung Wohnzimmer viel zu platt wäre. Es ist vielmehr ein öffentlicher Raum des Alleinseins – ohne jemals tatsächlich allein zu sein.

Wirkt ein Gast etwa müde und vom Alltag gezeichnet, komponieren Tür-7-Leute etwas "Erfrischendes" für ihn, vielleicht mit Gin oder mit dem belebenden Aroma exotischer Agrumen. Ist dem Mann am Tresen nach Grübeln und Nachdenken zumute, wird ihm mitunter etwas "Starkes" zugedacht. Vielleicht mit Cognac oder Brandy, aber immer mit einem gewissen Etwas, einer überraschenden Finesse. Mit schlafwandlerischer Sicherheit angelt sich Bar-Impresario Tsai die Flaschen aus seiner Spirituosen-Bibliothek, greift zu Ingredienzien, rührt, schüttelt, führt mit konzentriertem Blick einen langstieligen Kostlöffel zu den Lippen. In seinem Kopf ist der Drink längst fertig, jetzt muss der Geschmack, der ihm vorschwebt, nur noch ins Glas gebracht werden. Und das ist Präzisionsarbeit.

Die Nacht beginnt

50 Milliliter Armagnac Baron de Sigognac, 30 Milliliter Vermouth Noilly Prat, 30 Milliliter Cointreau Noir, alles auf Eis im Rührglas verrühren und in die Schale leeren. Den Rand des Glases mit Orangenschale aromatisieren.

Auch die Art der Präsentation der Drinks ist in der Tür 7 alles andere als gewöhnlich. Tsai serviert seine Kreationen nur in alten Gläsern, ausgesucht schönen Exemplare, keine Serienprodukte, sondern Einzelstücke, die er regelmäßig bei Trödlern und auf Flohmärkten aufstöbert.

Viele der Spirituosen, die in der Tür 7 zu Drinkkunstwerken veredelt werden, sucht Tsai im Internet. Dort findet er alkoholische Produkte, die kaum jemand kennt. Seltene Vermouths, neue Gins oder Brandys für Spezialisten und Freaks. So hält er sich auf dem Laufenden, hört in der Getränkebranche, wie es in den Flaschen leise blubbert. "Nur so lassen sich Cocktails mixen, die es nicht in jeder Bar gibt", sagt Tsai.