"Herzklopfen. Atmen. Atmen. Atmen. Stille. Es. Geht. Los. Und dann ... PENG!"

Castle haben ihn seine Eltern genannt, "Burg, Festung" – keine schlechte Idee in einer rauen Gegend wie Glass Manor am Rande Washingtons. Doch Castle Cranshaw bewohnt seinen stolzen Namen wie ein Gespenst. Ghost – so nennt er sich selbst, seit er dieses "Schreien" in sich hört und seit er gelernt hat, zu rennen, so schnell ihn seine Füße tragen.

Es geschah spät am Abend. Die Mutter riss ihn aus dem Schlaf, um dem betrunken randalierenden Vater zu entkommen. Als die beiden die Wohnung verlassen, zückt der Rasende eine Waffe. Castle hört den Schuss knallen und sprintet in die Freiheit. So rettet er sein Leben – und verliert es zugleich: Der Vater wird zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, nichts bleibt, wie es war. In der Wohnung spuken Erinnerungen, Ghost schläft nicht mehr in seinem Zimmer, sondern schlägt ein Deckenlager vor dem Fernseher auf. Nach der Schule driftet der Siebtklässler wie durchsichtig durch die Straßen. Bis ihn das Laufen ein weiteres Mal rettet und er sich zurückholt, was er verloren hat: ein Leben.

Jason Reynolds, 34 Jahre alt, in Washington aufgewachsen wie seine Romanfigur, ist einer von vielen afroamerikanischen Autoren, die in den USA derzeit gefeiert werden und deren Bücher – viele davon, wie Ghost, Bestseller – nach und nach in deutscher Übersetzung erscheinen. Das ist durchaus ein Wagnis. Schon für das, was Reynolds’ Sprache auszeichnet, gibt es kaum passende deutsche Begriffe. Seine Prosa groovt, ist von einem assoziativen, melodischen flow, was mit Rhythmus und Fluss nur unzureichend wiedergegeben wäre. Im Ton seiner Erzählung schwingt eine ganze literarisch-musikalische Tradition mit, von den Gesängen der Sklaven auf den Baumwollfeldern über die politische Lyrik Gil Scott-Herons aus den Siebzigerjahren bis zu den Hip-Hop-Reimen Tupac Shakurs. Anja Hansen-Schmidt ist es gelungen, diesen Ton ohne forcierte Slang-Anleihen in einer lässig swingenden deutschen Erzählprosa zum Klingen zu bringen. "Leute, hört euch das mal an! So ein Typ names Andrew Dahl hält den Weltrekord darin, die meisten Luftballons aufzublasen ... mit der Nase! Das ist kein Witz." So geht es los.

Schon sind wir mittendrin, folgen Ghost nach der Schule durch sein Viertel, lernen Mr. Charles kennen, den Ladenbesitzer, bei dem sich der Junge jeden Tag eine Tüte Sonnenblumenkerne kauft für einen Dollar, den er sich vom Mensa-Essen in der Schule abspart. Wir erfahren, dass Mr. Charles "übrigens genau wie James Brown aussieht, wenn James Brown weiß wäre", und ahnen: Das hier ist keine Geschichte, in der Schwarz und Weiß einfach nur schwarz und weiß sind.

Ghost erzählt mitten aus dem afroamerikanischen Alltag heraus. Es ist kein Buch, das große Reflexionen anstellt über Hautfarbe und Identität; es erhebt keine Anklage, erzählt nicht von weißen Tätern und schwarzen Opfern und vom Gift des Rassenwahns. Das heißt: doch. Es handelt auch von alldem, aber kaum jemals in expliziter Weise. So wie die afroamerikanischen Erzähltraditionen im federnden Tonfall Reynolds’ anklingen, schwingt das Thema Rassismus im Erzählten mit – beiläufig, vielfach gebrochen, in Anspielungen.

Im Martin-Luther-King-Park beobachtet Ghost ein Laufteam. 100 Meter, 200 Meter, 400 Meter. Jungen und Mädchen, schwarze, weiße. Und: "Da war ein Junge, der richtig merkwürdig aussah. Also, der Junge sah aus wie ein weißer Junge, wenn der weiße Junge schwarz wäre. Als hätte Gott vergessen, das Braun in ihn reinzutun." Lu, wie der merkwürdige Junge heißt, ist Albino. Ghost fühlt sich augenblicklich provoziert von den "fancy Klamotten", die der hellhäutige Junge trägt – während Ghosts Mutter ihm immer alles ein paar Nummern zu groß kauft, damit er reinwachsen kann. Er will es diesem "aufgedonnerten" Typen mal so richtig zeigen. Er will ihm zeigen, was es heißt, schnell rennen zu können. Und Ghost rennt.

"Für wen läufst du?", fragt der Trainer ihn später. "Wie bitte? Für wen ich lief? Was war denn das für eine Frage? – ›Ich laufe für mich. Für wen sonst?‹, hab ich gesagt und bin stehen geblieben."

Auch wenn es einem Mantra unserer marktgläubigen Gegenwart widerspricht: Wer nur für sich läuft, kommt entweder nicht weit oder geht in die Irre. Und sooft es die Prediger von "Eigenverantwortung" und "Freiheit" auch wiederholen mögen: Die Geschichte von der "Chancengleichheit" ist ein ebenso verlogenes Märchen wie die Mär von der colorblindness, der Farbenblindheit, unter deren Deckmantel in den USA die neue, alte Diskriminierung nach Hautfarben fortlebt.