Frage: Ihr vier besucht ein katholisches Gymnasium. Wann wart ihr zum letzten Mal im Gottesdienst?

Marek: Wann war Schulgottesdienst? (Die anderen lachen.) Das ist noch nicht lange her.

Renée: Zu Schuljahresbeginn, vor ein paar Wochen.

Frage: Geht ihr auch manchmal freiwillig?

Noah: Ich war vorgestern, am Samstagabend.

Renée: Boah!

Frage: Aus einem bestimmten Anlass?

Noah: Ich dachte: Komm, gehste mal wieder! Bis Juli war ich Messdiener, da stand ich alle zwei Wochen auf dem Plan. Jetzt muss ich mir selbst überlegen, wann ich gehe. Das ist gar nicht so einfach.

Frage: Und, wie war’s?

Noah: Ganz nett, aber die Zeit hat sich geschleppt. Als ich Messdiener war, ging der Gottesdienst schneller rum. Ich konnte mich ab und zu bewegen, weil ich irgendeine Aufgabe hatte. Und es waren Gleichaltrige da.

Amelie: Mir geht es ähnlich. Ich war früher oft im Gottesdienst – meine Eltern sind ja beide Pfarrer und haben mich mitgenommen. Auch meine Freunde waren da. Jetzt kommen die nur noch selten. Deshalb gehe ich auch nicht mehr oft hin. Es ist ein bisschen klischeehaft, aber da sind halt viele alte Leute.

Noah: Ja, als ich vorgestern um mich rumgeguckt habe, sah ich nur Dauerwelle und graue, gescheitelte Haare. Da habe ich mich schon gefragt: Fühlst du dich hier wohl? Was würden Gleichaltrige denken, wenn sie dich hier sitzen sähen? Die würden dich total schräg ansehen!

Renée: Ja, das ist wohl so.

Amelie: Bei Kirche kommt es doch darauf an, dass man sich austauschen kann. Ich fände es schön, wenn mehr hingehen würden!

Renée: Ich gehe generell allein in die Kirche. Ich schätze das Alleinsein, die Ruhe, dieses Für-mich-Sein.

Frage: Noah, wieso hast du mit dem Messdienern aufgehört?

Noah: Die Leute in meinem Alter haben alle aufgehört.

Marek: Dabei hast du das ganz schön lange gemacht. Ich war auch Messdiener, aber dann habe ich angefangen, samstags zu jobben. Außerdem spiele ich im Fanfarenzug, das fällt auch aufs Wochenende.

Renée: Es ist schwer, sich Zeit für die Kirche zu nehmen. Ich arbeite auch, und ich habe einen Freund, den ich nur am Wochenende sehe ...

Marek: Ich setze meine Prioritäten jetzt anders. Dabei war ich immer gerne Messdiener.

Frage: Was mochtest du daran?

Marek: Die Gruppe. Als ich angefangen habe, gab es in unserer Gemeinde einen jungen Vikar. Mit dem konnte ich mich wie mit einem Freund unterhalten. Er war total offen und hat niemandem seine Meinung aufgezwungen.

Frage: Habt ihr viel über kirchliche Themen gesprochen?

Marek: Eher nicht. Wir sind zwar zusammen auf Messdienerfreizeit gefahren. Aber der Vikar war ein aufgeschlossener Katholik. Er hat auch mal einen Witz erzählt oder mit uns Fußball gespielt.

Renée: So jemanden habe ich in Australien auch getroffen! Bis ich 15 war, habe ich Kirche als absolut unnötig erachtet. Das hat sich geändert, als ich beim Schüleraustausch in Australien war ...

Frage: Was ist da passiert?

Renée: In meiner Gastfamilie habe ich mich nicht wohlgefühlt, und ich hatte niemanden, zu dem ich gehen konnte. Meine Mutter war Tausende Kilometer weit weg, und ich wollte sie auch nicht belasten. Da habe ich angefangen, in die Kirche zu gehen, einfach nur, um den Bezug zu etwas Vertrautem zu haben. Der Pfarrer dort hat mir sehr geholfen.

Frage: Wie?

Renée: Er hatte so eine menschliche Offenheit. Er hat mir zugehört und Ratschläge gegeben. Als es mir schlecht ging, hat er mich auch mal zum Abschied in den Arm genommen. Ich weiß, viele denken gleich an den Missbrauchsskandal, aber ich hab mich immer wohlgefühlt. Wenn man ein Jahr lang allein ist, ohne jemanden, der einen umarmt, ist das echt kacke.

Papst Franziskus ist ein toller Reformator, aber mit zu vielen konservativen alten Männern um sich rum.
Noah, 17

Frage: Die Täter in den Missbrauchsfällen haben dieses Vertrauen ausgenutzt. Was hat der Pfarrer in Australien dir geraten?

Renée: In der Schule haben Leute Unwahrheiten über mich verbreitet und Dinge erzählt, die ich nicht gemacht habe. Ich hätte mein Visum verlieren können. Ich hatte Angst, dass ich nach einem Vierteljahr, für das meine Mutter viel Geld bezahlt hat, nach Hause muss. Diese Angst konnte mir der Pfarrer nehmen. Er hat gesagt: Red mit der Schulleiterin, sag ihr, dass du es nicht warst! Du wirst nicht weggeschickt für etwas, was du nicht gemacht hast.

Marek: So war das auch bei meinem Vikar. Ich würde mir mehr Menschen wie ihn in der Kirche wünschen: offen, an der Welt interessiert. Im Gegensatz zu ihm hat Kirche als große Institution noch viel Nachholbedarf ...