Obwohl ich mich schon länger mit Online-Communitys beschäftige, bin ich ratlos: Wie halten wir den digitalen politischen Diskurs in Gang – und damit die Demokratie? Das Netz ist, glaube ich, einer der wenigen Orte, an dem das Selbstgespräch unserer Gesellschaft stattfinden kann. Es repräsentiert Vielfalt am ehesten und gibt allen eine Stimme.

Vor 24 Jahren habe ich selbst mein erstes Online-Forum gegründet, heute bin ich Chefredakteur von ZEIT ONLINE, wo eine der größten Debatten-Communitys in Deutschland ihre Heimat hat. Kürzlich haben wir zum zweiten Mal "Deutschland spricht" veranstaltet und mehr als 20.000 Menschen in politische Zwiegespräche vermittelt. Und doch: Ich weiß nicht, wie es mit der Netzdebatte weitergehen soll.

Sogar die Generation nämlich, die online aufgewachsen ist, zieht sich zurück. Jüngster Anlass, darüber nachzudenken, war für mich die Debatte um Sawsan Chebli. Kürzlich sollte ich in der ZEIT den Umstand kommentieren, dass ausgerechnet die streitbare Staatssekretärin des Landes Berlin ihren Facebook-Zugang deaktiviert hat. Ihr waren die Hassbotschaften und Todesdrohungen zu viel geworden.

Die Ratlosigkeit ist die Mutter vieler Dinge. Am Ende meines Kommentars gab es deshalb statt einer Antwort einen Aufruf: "Vielleicht ist es Zeit, etwas ganz Neues zu erfinden. Wie sollen wir uns in Zukunft im Netz für ein gutes Streitgespräch verabreden? Haben Sie eine Idee? Schreiben Sie mir: jochen.wegner@zeit.de"

Die ZEIT ging in Druck und ich in den Urlaub. Wieder zurück, fand ich zu meiner Begeisterung fast 100 ausführliche Antworten im Postfach. Hier ein Best-of. (Die Passagen sind gekürzt und redigiert. Um die Privatsphäre zu wahren, sind nur Vornamen genannt.)

1. Gute Online-Debatten? Ein Widerspruch in sich!

Von Leserinnen und Lesern der gedruckten ZEIT hatte ich erwartet, dass sie das Internet auch kritisch sehen. Dutzende Mails bestätigten meine Ahnung.

"Es hilft alles nichts, unsere Gehirne sind seit Jahrtausenden auf den direkten Austausch geprägt. Streiten und uns in die Augen schauen bringt uns weiter." Jürgen, 81, Unternehmer im Ruhestand, Windhagen

Es sind nicht nur die Älteren, auch Jüngere meiden den digitalen Austausch:

"In meinem Umfeld beobachte ich seit längerer Zeit, dass soziale Medien eine verschwindend kleine Rolle spielen, selbst das Smartphone gehört nicht mehr zum allgemeinen Inventar. Das sind meist ganz bewusste Entscheidungen." Marie, 21, Theologie-Studentin

"Aus meinem Bekanntenkreis nutzen immer weniger soziale Netzwerke aktiv, und Facebook gilt bei den allermeisten als tot, bei Twitter sind nur Journalisten und Politiker, Instagram ist das einzige noch halbwegs lebendige Netzwerk." Jurek, 24

2. Wenn schon digital, dann bitte nicht anonym!

Vor allem die Möglichkeit, unerkannt zu bleiben, schadet nach Meinung vieler einer guten Diskussion. Jeder Zweite forderte, dass sich die Teilnehmer eindeutig identifizieren sollen. Wie diese Schülerin, deren Lehrerin meinen Text im Unterricht durchgenommen hat (sorry, liebe Klasse):

"Wenn sich plötzlich keiner mehr hinter einem simplen Benutzernamen und einem geklauten Bild aus dem Internet verstecken könnte, würden dann die Streitgespräche niveauvoller und auch sachlich geführt werden? Was würde passieren, wenn wir für unsere Sichtweise, Lebenseinstellung und unsere Meinung öffentlich einstehen müssten?" Michelle, 17

"Ich würde mich sofort bei einer Plattform anmelden, wo nachvollziehbar ist, wer hinter der abgegebenen Meldung steckt." Gabriele, Wien

Sigrid hält Pseudonyme für eine mögliche Lösung:

"Für viele Anwender ist ein Alias eine gute Idee. Ich stelle mich äußerst ungern ins Rampenlicht. Aber die wahre Identität eines Absenders sollte, wenn erforderlich, auffindbar sein. Wir dürfen uns auf der Straße nicht zur Unkenntlichkeit verhüllen – warum soll das im Internet erlaubt sein?" Sigrid

3. Was eine gute Diskussionsplattform sonst noch braucht

Ich bin da nicht so optimistisch: Seit den Frühtagen der digitalen Communitys lassen auch viele, die identifizierbar und im echten Leben oft bezaubernd sind, in der entkörperlichten digitalen Welt ihren zerstörerischen Seiten freien Lauf. Marc umschreibt das so:

"Darum fehlt einem politischen Diskurs im Netzwerk etwas Wesentliches, was das Politische schon im Begriff verdeutlicht: die Polis, d. h. eine Form des Zusammenlebens, in der man sich kennt, in der man Beziehungen aufbaut." Marc, 51, buddhistischer Priester, Düsseldorf

Ein guter digitaler Austausch braucht also noch mehr. Nathalie und Robin haben in "einer bereichernden Debatte am Frühstückstisch" einen ganzen Katalog von Randbedingungen formuliert. In Auszügen:

  • "Freier Zugang für jeden
  • Die Daten dürfen nicht für weitere computergestützte Analysen verwendet werden
  • Keine fremdbestimmte Filterung von Informationen
  • Klare, demokratische Diskussionsregeln
  • Reaktionsmöglichkeit auf unangemessene Meldungen"
    Nathalie und Robin

Lorenz schickte eine ähnliche Liste, ergänzt etwa um:

  • "Überprüfung von vermeintlichen Tatsachen durch Politik und Wissenschaft
  • einen Moderator, der Regeln überwacht, externe Qualifikation einbindet, ein Resümee erstellt

Merkwürdigerweise existiert so etwas selbst in der politischen Partei, der ich angehöre, nicht. Ich halte diese interne Sprachlosigkeit für das größte Problem vor allem der ehemals großen Parteien." Lorenz, Trier