Jeff und die sagenhafte Ruine – Seite 1

Wer Jeff Kinney, den Autor und Zeichner von Gregs Tagebuch, treffen will, braucht erst Geduld und muss dann schnell sein. Gerade ist Band 13 der Comicroman-Reihe erschienen, nun wollen Leute überall in der Welt mit ihm sprechen. Auch wir. Für viele ist Jeff ein Star: 200 Millionen Bücher hat er inzwischen weltweit verkauft. Mehrere Wochen müssen wir warten, ob es mit einem Treffen klappt. Dann kommt die Zusage: An einem Dienstag im Oktober dürfen wir Jeff besuchen, aber er hat nur eineinhalb Stunden Zeit. Für uns wird es ein langer Tag, denn Jeff lebt in Plainville, einem kleinen Dorf in Massachusetts. Wir leben in New York, fünf Stunden Autofahrt entfernt. Dann mal los ...

Max: Ich bin aufgeregt. Heute treffen wir Jeff Kinney zum Interview. Eigentlich ist es Mamas Job, aber weil ich so ein großer Fan der Bücher bin, darf ich mit. Auf der Fahrt lese ich "Eiskalt erwischt!", den neuesten Greg-Band. Leider wird mir beim Lesen auf dem Rücksitz schlecht, aber nach einem Burger mit Pommes geht es besser. Nur Papa sollte ich nichts von dem Essen erzählen, sagt Mama, weil er doch ganz früh aufgestanden ist und uns Brote geschmiert hat.

Wir besuchen Jeff Kinney nicht zu Hause, sondern an einem besonderen Ort: in seinem eigenen Buchladen. Max und ich sind die ersten deutschen Reporter, die Jeff hierher eingeladen hat. Das Gebäude sieht aus wie aus einem Film, der vor mehr als hundert Jahren spielt. Man würde sich nicht wundern, wenn Frauen mit Hauben und langen Röcken herauskämen und sich auf der Veranda in einen der Schaukelstühle setzten.

Der Name klingt ein wenig geheimnisvoll – An Unlikely Story, auf Deutsch: eine unwahrscheinliche Geschichte. Jeff wird uns später erzählen, dass er diesen Namen gewählt hat, weil das Haus eine so wilde Vergangenheit hat. Es war einst ein general store (eine Art Supermarkt), später beherbergte es eine Apotheke, einen Teesalon, ein Restaurant, und jetzt ist es ein Buchladen.

Es gibt eine große Kinderbuch-Abteilung mit einer kuscheligen Lesebank. Die Erwachsenen können sich ins Café setzen, das in einem Teil des Ladens eingerichtet ist. Man kann nicht nur Bücher kaufen, sondern auch Spiele und allerlei Krimskrams wie Mini-Mikrofone, die man ans Handy anschließen kann, um Karaoke zu singen – was Jeff gern tut.

Der ist plötzlich zwischen den Regalen aufgetaucht, als sei er bloß ein Kunde hier. Dabei ist er der Chef. Vor drei Jahren eröffnete er den Laden. Die Bücher seien allerdings gar nicht so wichtig gewesen, erzählt Jeff. Er habe einen Ort schaffen wollen, an dem Menschen zusammenkommen. Genau das geschah im general store vor hundert Jahren. Aber als Jeff mit seiner Familie nach Plainville zog, war das Gebäude eine Ruine. "Wir wollten daraus wieder einen Ort machen, an dem sich alle treffen können", sagt Jeff, "und Bücher interessieren 2- bis 99-Jährige."

Mama ist von dem Laden ganz begeistert, ich bin erst mal enttäuscht. Sieht aus wie in jeder anderen Buchhandlung. Die Greg-Romane werden nicht mal besonders ausgestellt. Erst nach einer Weile entdecke ich eine Ecke mit den Büchern. Jeff ist ganz anders als Greg. Eher gutmütig und nett wie Rupert. "Greg ist auch kein schlechter Kerl, er ist eben unreif und gerät deshalb in Schwierigkeiten", sagt Jeff. Ja, klar ...

Jeff Kinney führt uns herum und zeigt, welche Teile nur alt aussehen (eine Ziegelwand) und welche es tatsächlich sind (das Schild "General Store"). Im zweiten Stock – dem Second Story, was man mit "zweite Geschichte" übersetzen kann – finden Lesungen statt, auch Jeff hat sein neuestes Buch hier vorgestellt. Man kann Weihnachtskarten basteln, einen Yogakurs besuchen und lernen, die Ukulele zu spielen, eine Art Mini-Gitarre. Die Tische im Café sind aus Indonesien, erzählt Jeff. Sie wurden aus Trümmern von Fischerbooten gefertigt, die ein Tsunami, eine gigantische Welle, zerstört hat. Mit dem Geld für die Tische hätten sich die Fischer neue Boote kaufen können.

Jeff ist ein Superfan von Harry Potter

Bevor Jeff und Mama jedes Brett bequatschen, zeige ich auf etwas Goldenes, das von der Decke hängt. Ist das ein etwa ein Schnatz wie bei Harry Potter? Tatsächlich! Jeff hat auch die Besen nachbauen lassen, auf denen Harry und seine Freunde beim Quidditch reiten! Ich bin ein Fan von Greg, aber Jeff ist ein Superfan von Harry Potter. Von mir will er wissen, worin sich Harry und Greg unterscheiden. Ist doch klar: Harry kann zaubern, Greg würde alles dafür geben, zaubern zu können. Auf die feuerspeienden Drachen verzichtet Greg aber gern.

Jeff meint, dass Harry sich für andere opfert, während Greg, na ja, meistens nur an sich denkt. Ein anderer großer Unterschied zwischen den Buchhelden sei, dass Harry älter werden darf, Greg aber immer elf Jahre alt bleibt. Fast klingt Jeff ein wenig sehnsüchtig, als er das sagt. Warum Kinder seinen Greg genauso mögen wie die Potter-Serie, versteht er selbst nicht: "Meine Bücher erzählen oft nur kleine Geschichten, etwa wie Greg und Rupert streiten."

Als Jeff uns in den dritten Stock führt, bin ich dann doch beeindruckt. Es gibt einen riesigen Fernseher, der so aussieht, als sei er eingebaut in die Heckklappe des Band-Busses von "Folle Vindl". Das ist die Band von Gregs großem Bruder Rodrick. Greg treffe ich nun auch noch – als Pappfigur, aber immerhin.

Hier oben hat sich Jeff sein privates Studio eingerichtet. Und hier, wo nur wenige Besucher hinkommen, stellt er den großen Erfolg seiner Bücher ein bisschen zur Schau. Auf einem riesigen Foto sieht man einen Ballon in Greg-Form, wie er über der jährlichen Thanksgiving-Parade in New York schwebt – so werden nur die ganz beliebten Figuren geehrt.

Stundenlang sitzt Jeff hier und arbeitet. Das Studio eines Comiczeichners haben wir uns aber ganz anders vorgestellt. Kein Papier, keine Skizzen, nicht mal ein Stift liegt herum. Jeff arbeitet an einem ovalen Tisch, auf dem ein großes digitales Zeichenbrett steht. Sonst nichts. Er habe schon vor vielen Jahren aufgehört, mit einem Stift zu zeichnen, sagt er.

Jeff zeigt mir seinen digitalen Stift, der wie eine Computermaus funktioniert, nur genauer. Bevor er Bücher geschrieben hat, entwickelte er Computerspiele. Wie viele Stunden ich am Tag spielen darf, will er wissen. Mama schaut mich genau an. "Eine Stunde", sage ich schnell. Jeffs Söhne dürfen zwei- bis dreimal so lang, erzählt Jeff. Die Glücklichen!

Greg entsteht am Computer, Jeff Kinney selbst ist Videospiele-Fan, und trotzdem haben Greg und seine Freunde immer noch kein Smartphone. Ist das nicht seltsam? "Klar, aber wenn sie eins hätten, könnte ich nur noch Kinder zeigen, die ständig auf einen Bildschirm starren", sagt Jeff. Damit die Geschichten interessant sind, muss er Greg aus dem Haus kriegen.

Umgekehrt funktioniert es auch: Greg kriegt Jeff aus dem Haus. Mehrere Wochen wird er mit seinem neuen Buch umherreisen, nach Kanada, Großbritannien und auch nach Deutschland. Seinen Buchladen in Plainville und die Ruhe wird Jeff dann vermissen, aber noch hat er nicht die Nase voll von Greg. Zumindest will er noch bis Band 20 weitermachen.

Cool! Vor der Abfahrt hat Jeff mir noch meinen Lieblingsband "So ein Mist!" signiert. Das Buch hatte ich von zu Hause mitgebracht, obwohl Mama die Eselsohren und Schokoflecken peinlich fand. Jetzt ist noch ein Autogramm drin – da werden meine Freunde staunen! Leider hat Papa abends die leere Hamburger-Verpackung im Auto gefunden. Ich sage bloß: "Eiskalt erwischt!"