"Es ist ein Schmerz, den man nicht aushalten kann / Er zerstört das Innere deines Gehirns": So singt es der Mann mit der herrlichen karamellfarbenen Stimme; hinter ihm tiriliert ein dramatischer Chor im verschachtelten Satzgesang. Darunter ruckelt ein grober Beat aus dem Altertum der elektronischen Klänge. "Du suchst in einer Schublade nach sauberer Unterwäsche / aber vergeblich / Die Welt hat aufgehört, dich zu lieben". Love Is Magic heißt das Lied auf dem gleichnamigen aktuellen Album von John Grant, in dem er davon berichtet, wie es sich anfühlt, wenn die Depression durch den Körper hindurch in den Kopf kriecht. Das Video zu diesem Song zeigt dressierte Hunde: Wenn es den Tieren befohlen wird, winden sie sich zwischen den Beinen ihrer Besitzerinnen hindurch und tanzen auf den Hinterpfoten. Man sieht schöne, gelehrige Tiere mit schlauem Blick und flauschigem Fell, und man sieht einsame Menschen, die keine andere Intimität kennen als jene, die sie einem dressierten Wesen abringen.

Würde wie Traurigkeit liegen in diesen Bildern, und so ist es auch mit der Musik, die sie illustrieren: Schönheit und Schmerz, Zärtlichkeit und Zynismus verschränken sich in den Songs von John Grant in schwer zu entwirrender Weise. Er ist 50 Jahre alt, er war lange drogensüchtig, er ist HIV-positiv und depressiv. Die meisten Menschen kann er nicht leiden.

Und genau das singt er mit der schönsten Baritonstimme, die man sich vorstellen kann.

Er vermag mit dieser Stimme noch die schlimmsten Dinge zum Schimmern und Strahlen zu bringen; er kündet mit ihr von seinem Selbsthass und seiner Verzweiflung am Zustand der Welt – aber das tut er so inbrünstig, dass man beim flüchtigen Hören auch glauben könnte, hier schmettere jemand ein romantisches Liebeslied.

Die elektronischen Klänge und Rhythmen, die in seiner Musik seit einer Weile schon herrschen, sind auf seinem mittlerweile vierten Soloalbum noch plastischer geworden, noch härter. Seine Stimme ist oft stark mit Vocodern und Filtern manipuliert, und wie er seinen Gesang technoid verfremdet und seinen Schmelz mit glitzerndem Frost überzieht, das lässt ihn wie ein Maschinen-Ich wirken. Beim Hören seiner alten Songs fragte man sich, ob sein Selbsthass größer ist als sein Menschenhass oder andersherum. Jetzt denkt man: Vielleicht verachtet er sich selbst vor allem deswegen, weil er ein Mensch ist; vielleicht möchte er deswegen lieber wie ein Roboter singen.

Im Gespräch zeigt sich John Grant dann als ein sehr schöner, sanfter Mann mit einem sehr weichen Bart. Er wurde 1968 in Denver, Colorado, am Fuß der Rocky Mountains geboren; aber er könnte auch ein Seebär aus nordischen Gestaden sein. Und er verblüfft seinen Gesprächspartner beim Reden mit seinem absolut fehlerfreien Deutsch – das nur deswegen nicht auch noch akzentfrei ist, weil Grant großen Spaß daran findet, alle möglichen Akzente zu imitieren: Pfälzisch, Berlinerisch, Plattdeutsch. Eigentlich wollte er nämlich Dolmetscher werden; Anfang der Neunziger schrieb er sich erst an der Universität Heidelberg ein und ging dann nach Germersheim, um dort Angewandte Sprachwissenschaften zu studieren. "Germersheim, das ist wunderschön am Rhein gelegen, zwischen Speyer und Koblenz", sagt er, "und es war auch vom Sprachlichen her äußerst interessant. Denn ich hatte in Colorado natürlich Hochdeutsch gelernt, und in Germersheim sprachen die alle Pfälzisch: He, wowillschtnduhin? Wukumschtnuhahe?"

Mitte der Neunziger brach er das Studium jedoch ab, ging nach Denver und frönte zunächst einmal ausgiebig seiner Alkoholsucht. Außerdem nahm er mit The Czars sechs Alben auf, bis die Folkrock-Gruppe hasserfüllt auseinanderging. Grant ließ daraufhin das Musikmachen erst einmal sein und arbeitete als Barkraft. Erst 2011 erschien sein erstes Soloalbum Queen of Denmark mit dem texanischen Folkjazz-Ensemble Midlake als Begleitband. Schon dies war eine düstere, von Sarkasmus geprägte Platte; unter dem Titel JC Hates Faggots sang John Grant etwa über sein Coming-out und über die Widrigkeiten, die man als Schwuler im Mittleren Westen gewärtigen muss.