Früher Golf, heute X, Y oder Z – jede neue Jugendgeneration bekommt ein Etikett. Der Soziologe Martin Schröder hat untersucht, wie treffend die plakativen Beschreibungen sind.

DIE ZEIT: Man hat es geahnt. Und doch sind Ihre Ergebnisse erstaunlich: Die flexibel-spießigen Millennials sind tatsächlich nur ein Mythos?

Martin Schröder: Sie unterscheiden sich zumindest nicht von all den anderen Generationen, die es vorher gab. Kann ja auch sein, dass schon vorher die meisten Jugendlichen spießig und flexibel waren. Wenn man die Einstellungen von Jugendlichen über Generationen hinweg vergleicht, finden sich jedenfalls keine statistisch relevanten Unterschiede.

ZEIT: Der Wandel von den Babyboomern über die 68er bis zu den Generationen X, Y und Z – ist das wirklich alles nur ein Marketing-Gag?

Schröder: Im Grunde schon. Ich bezweifle ja nicht, dass die heute 19-Jährigen andere Einstellungen haben als jemand, der 65 ist. Aber das macht ja noch keine Generation aus. Denn die 65-Jährigen haben früher auch anders gedacht. Diesen Alterseffekt müssten Studien zu den Generationen berücksichtigen.

ZEIT: Aber sind nicht die Jungen heute viel toleranter als in den 1950er-Jahren?

Schröder: Wenn Jugendliche heute anders denken als vor 10 oder 50 Jahren, kann es daran liegen, dass sich die Einstellungen in der Gesellschaft insgesamt verändert haben. Ein Beispiel dafür ist die gleichgeschlechtliche Ehe, für die sich heute in jeder Altersgruppe eine Mehrheit findet, aber noch vor 50 Jahren in keiner. Nur wenn man diese Effekte ausschließen kann, ist es sinnvoll, von Generationen zu sprechen – davon, dass ganze Jahrgänge von den Ereignissen ihrer Jugend ähnlich geprägt wurden.

ZEIT: Hat Ihre Untersuchung solche Effekte ergeben?

Schröder: Ja, viele vermeintliche Generationenunterschiede sind auf allgemeine Trends in der Gesellschaft zurückzuführen. Davon gibt es mehrere. Zum Beispiel geben Menschen an, sich immer weniger für Politik zu interessieren, engagieren sich andererseits häufiger politisch und gesellschaftlich. Eine andere Entwicklung: Insgesamt sind die Deutschen zuversichtlicher geworden.

ZEIT: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, genauer hinzuschauen?

Schröder: Ein Literaturagent hat mir vorgeschlagen, ich solle mal über die Generation Y ein Buch schreiben – warum die anders ist, warum die besonders ist. Tatsächlich hatte ich von meinen Studenten den Eindruck: Die haben hohe Ansprüche, gemessen an dem, was sie bereit sind zu liefern. Also hab ich nach Indizien dafür gesucht. Gesucht und gesucht, aber nichts gefunden. Schließlich musste ich sagen: Die besonderen Unterschiede in dieser Generation gibt’s nicht, darüber kann ich kein Buch schreiben.

ZEIT: Stattdessen haben Sie lieber einen Fachartikel geschrieben. Wieso?

Schröder: Es hat mich entsetzt, auf was für fragwürdigen Annahmen und Methoden die bisherigen Studien zu Generationen basieren. Auf diesen Missstand wollte ich die Fachwelt hinweisen.