Wie lange ist kein Mensch mehr diesen Pfad entlanggegangen? Ein paar Monate? Oder waren es Jahre? Der letzte Braunbär aber zog erst vor ein paar Tagen hier durch. Seine Tatzen haben sich in den schlammigen Waldboden gedrückt, die Krallen Furchen in die Rinde einer Buche geritzt. Er hat in diesem Wald patrouilliert wie ein alter König in seinem Reich, dort witternd und hier markierend, und wo es ihm gefiel, hinterließ er einen dicken Fladen, der nach Blaubeeren riecht.

Es ist Sommer in den rumänischen Karpaten, seit Tagen fällt dichter Regen und weicht den Boden auf. Eine Gruppe aus Förstern, Wissenschaftlern und Umweltschützern stellt ihre Autos am Ende eines Forstwegs ab. Von hier kommen sie nur zu Fuß weiter. Sie folgen einem schmalen Pfad, den Hirsche, Rehe, Füchse und Bären mit ihren Tritten geformt haben. In engen Kurven zieht er sich am Bergrücken hinauf. Von unten hatte es nicht so steil ausgesehen.

Vor ihnen liegt das Boia-Mica-Tal, groß, unübersichtlich, still. Das hier ist kein Land für Menschen, das hier ist etwas, was es in Europa kaum noch gibt: Wildnis. Ein weites Tal voller Rotbuchen, wo noch nie der Klang einer Säge zu hören war, wo keine Straße ist und Menschen nur als flüchtige Besucher in Erscheinung treten.

Einst herrschte die Buche über Europa. Nachdem vor 12.000 Jahren die Gletscher der letzten Eiszeit geschmolzen waren, wuchsen zunächst Pioniere wie Haselnuss und Erlen, die bald von der Eiche verdrängt wurden. Sie dominierte jahrtausendelang, bis die Buche übernahm. Im Süden, wo das Eis nicht hinkam, hatte sie überlebt und sich dann von hier bis ins Herz des Kontinents ausgebreitet. Auch Deutschland war vor ein paar Tausend Jahren zu zwei Dritteln von dichten Buchenwäldern bedeckt.

Im Mittelalter wurden fast alle Bäume gefällt. Werften brauchten Schiffsplanken, Köhlereien produzierten Kohle, und aus Pottasche wurde Glas – mithilfe von holzgespeisten Feuern. 1713 prägte der sächsische Oberbergmann Hans Carl von Carlowitz zum ersten Mal das Wort Nachhaltigkeit. Die Förster sollten nur so viel Holz aus dem Wald schaffen wie nachwächst. Nachhaltigkeit war eine wirtschaftliche Lehre, keine ökologische Idee. Wo aufgeforstet wurde, geschah dies meist mit Baumarten, die schnell wuchsen.

Es gibt wenige Orte in Europa, an denen man einen Eindruck davon bekommen kann, wie alte Wälder einst ausgesehen haben müssen. In Deutschland sind ein paar kümmerliche Reste geblieben, etwa auf Rügen oder in Hessen. Doch noch gibt es Urwälder in Europa. Um sie zu sehen, muss man nach Osten fahren, nach Polen und weiter, in die Ukraine, in die Slowakei oder am besten nach Rumänien. Kein Land hat größere Urwälder, und kein Land verliert sie schneller – paradoxerweise gerade weil sie geschützt werden sollen. Die alten Wälder Rumäniens sind einer der wertvollsten Naturschätze des europäischen Kontinents. Und kaum einer weiß von ihnen.

Das Verhältnis der Rumänen zu ihrer Natur ist kompliziert. In dem Land, das 2007 der EU beitrat, organisierten Umweltschützer schon vor Jahren eine große Unterschriftenkampagne: gegen das Abholzen der Wälder Rumäniens, das vor allem von ausländischen Konzernen vorangetrieben wurde, etwa dem Giganten Holzindustrie Schweighofer aus Österreich. Mehr als 100.000 Bürger protestierten. Und sie waren erfolgreich, scheinbar. Die Regierung versprach, einen nationalen Katalog anzulegen, in den Urwälder aufgenommen werden. Die registrierten Gebiete sollten geschützt sein.

Fenster in die Vergangenheit

Europas letzte große Urwälder

HU-Berlin, Matthias Schickhofer © ZEIT-Grafik

Mehr als sechs Jahre ist das jetzt her, und noch immer gibt es keine abschließende Studie darüber, welche Gebiete als Urwälder gelten sollen. Die Kommission im Wald-Ministerium, die über die Aufnahme in den Katalog entscheidet, ist vor allem für Genehmigungen zum Abholzen zuständig. So sind bislang erst 21.000 Hektar anerkannt – vielleicht ein Zehntel der geschätzten Urwaldflächen. Weil die Motorsägen nicht stillstehen, verschwindet Jahr für Jahr Wald, unwiederbringlich.

Die Gruppe im Boia-Mica-Tal hat mittlerweile den Bergrücken erreicht. Der Fotograf Matthias Schickhofer geht voran, er koordiniert für die Deutsche Bundesstiftung Umwelt ein Kartierungsprogramm vor Ort. Schickhofer will zeigen, wie intakter Buchenwald aussieht.

Wälder, die seit Jahrhunderten ohne nennenswerten menschlichen Einfluss wachsen dürfen, sollten geschützt sein. Diese Ansicht ist im europäischen Recht niedergeschrieben, auch im rumänischen. Deswegen sind Schutzbestimmungen erlassen, Nationalparks ausgeschrieben worden. Hohe Auflagen sind zu erfüllen, will jemand in einem solchen Gebiet Holz einschlagen – theoretisch.