Das Massaker gilt als schlimmster antisemitischer Anschlag auf US-amerikanischem Boden: Am 27. Oktober erschoss der rassistische Fanatiker Robert Bowers in der "Tree of Life"-Synagoge in Pittsburgh elf Menschen beim Gebet. Ein traumatisches Ereignis für die größte jüdische Gemeinde außerhalb Israels, eine Tragödie jener Art, die Menschen näher zusammenrücken, einander beistehen und Unterschiede vergessen lässt. Und in der Tat, nahezu aus aller Welt erfuhren die Angehörigen der Opfer Mitgefühl. In der Öffentlichkeit jedoch entspann sich eine innerjüdische Debatte, die ein Schlaglicht wirft auf die Kluft zwischen amerikanischen Juden und jüdischem Staat; eine Kluft, die, wie Beobachter auf beiden Seiten des Ozeans meinen, sich auf stetige und beunruhigende Weise vertieft.

Die erste Kontroverse entzündete sich an einem Interview, das einer der beiden israelischen Oberrabbiner, David Lau, einer israelischen Zeitung gab. Darin verdammte er den Anschlag aufs Schärfste, weigerte sich jedoch, von einer Synagoge zu sprechen. Stattdessen umschrieb er den Tatort als "Ort mit ausgeprägtem jüdischem Charakter". Denn die "Tree of Life"-Synagoge gehört zu einer konservativen, sprich: nichtorthodoxen Gemeinde, deren Auslegung der Religion von Israels ultraorthodoxem Oberrabbinat nicht anerkannt wird.

Das Zitat provozierte wütende Reaktionen in der amerikanisch-jüdischen Öffentlichkeit. Mit seinem Kommentar, schrieb die jüdisch-amerikanische Zeitung Jewish Star, scheine der Oberrabbiner "die schlimmsten Vorurteile über die Verachtung des Rabbinats gegenüber nichtorthodoxen Juden zu bestätigen und Salz in die Wunde zu streuen, für deren Heilung jüdische Anführer ihr Möglichstes tun sollten".

Die Spannungen zwischen amerikanischen Juden und Israels religiösem Establishment schwelen schon lange. Die Mehrheit der rund sechs Millionen US-Juden gehört Reform- oder konservativen Gemeinden an. In Israel dagegen genießt einzig das ultraorthodoxe Rabbinat staatliche Anerkennung und hält die alleinige Autorität über Angelegenheiten wie Heirat, Scheidung, Konversion – mit weitreichenden und gelegentlich absurden Folgen: Wer beispielsweise in einer liberalen US-Synagoge konvertiert, gilt dem israelischen Staat zwar als jüdisch genug, um einzuwandern, kann aber dort nicht heiraten, weil der Übertritt nicht vom Rabbinat anerkannt wird.

Mehrere Ereignisse in den vergangenen Jahren haben liberale amerikanische Juden zusätzlich verärgert: So versprach Israels Premierminister Benjamin Netanjahu, an der Klagemauer einen Gebetsort für nichtorthodoxe Juden einzurichten – nur um seine Zusage bald darauf unter dem Druck ultraorthodoxer Parteien zurückzuziehen. Im vergangenen Juli wurde ein konservativer Rabbiner in Haifa kurzzeitig festgenommen, weil er Paare ohne die Erlaubnis des ultraorthodoxen Rabbinats verheiratet hatte. Und in aufreizender Regelmäßigkeit äußern sich israelische Rabbiner verächtlich über das Reform- und konservative Judentum.

Nichtorthodoxe amerikanische Juden, die nach Israel ziehen, müssen feststellen, dass ihre Art, ihren Glauben zu leben, im jüdischen Staat ein Schattendasein führt. Ein Freitagabend in Tel Aviv Mitte, eine kleine Synagoge, eine Viertelstunde Fußweg vom Strand entfernt. Drinnen sitzen rund zwei Dutzend Menschen auf U-förmig arrangierten Stühlen und lauschen dem Rabbiner beim Rezitieren des Sabbatgebets. Frauen und Männer sitzen nebeneinander, manche tragen Flipflops und kurze Hosen, eine junge Frau lehnt den Kopf an die Schulter ihrer Partnerin – all dies undenkbar in ultraorthodoxen Synagogen, in denen Geschlechtertrennung herrscht und Homosexualität als Sünde gilt.

Die Kehilat Sinai, zu Deutsch: Sinai-Gemeinde, gehört ebenso wie die "Tree of Life"-Synagoge in Pittsburgh zur konservativen Strömung des Judentums, die die jüdischen Gesetze, ihrer Bezeichnung zum Trotz, mit einem modernen Lebensstil vereinen will. Was keinesfalls heißt, dass ihre Anhänger das Ritual weniger ernst nehmen.