Es gibt eine eindrückliche Szene in Paolo Sorrentinos Film Il Divo über den "ewigen" Minister Giulio Andreotti, der wie kaum ein anderer für das konservative Lager im Nachkriegsitalien stand. Andreotti geht durch die nächtliche Innenstadt Roms, begleitet von einer Kohorte aus Personenschützern und Polizeifahrzeugen. In den menschenleeren Straßen sind nur die Schreie der Möwen zu hören. Dann, an einer Hauswand, das Graffito: "Die Massaker und Komplotte tragen die Handschrift von Andreotti und Craxi".

Diese einsame Prozession ist ein Sinnbild für eine Epoche, die in den 1990er-Jahren mit der Korruptionsaffäre Tangentopoli und den Untersuchungen mani pulite zu Ende ging und zur Auflösung der herkömmlichen Parteienlandschaft führte.

Wie anders dagegen die Prozession Matteo Salvinis durch die Straßen Viterbos, einer nördlich von Rom gelegenen kleinen Stadt mit knapp 70.000 Einwohnern. Als der rechtspopulistische Innenminister Viterbo aus Anlass eines Festes zu Ehren der Stadtheiligen Santa Rosa besuchte, wurde er gefeiert wie ein Popstar. Hörte man in Deutschland in jüngster Zeit politische Gesänge wie "Merkel muss weg", so zeigte sich hier – Anfang September – eine affirmative Hingebung an eine politische Figur, die für radikale Ablehnung von Migration und nationalistische Abschottung steht. Sprechchöre skandierten "Salvini! Salvini!". Ekstatisch kreischende Anhänger, vor allem wohl Anhängerinnen, erinnerten an die Massenhysterie der Beatlemania, in der sich eine politisch erschöpfte Nachkriegsspannung in popkultureller Verzückung entlud.

Salvini wirkte alles andere als politisch erschöpft, ebenso wenig seine Anhänger. Il grande Matteo! Der angefeuerte Minister lief durch die jubelnden Menschenmassen und schüttelte Hände. Ein Fest der Volksnähe, ein Handschlag mit der Spontaneität der Masse.

Nun hat man mit Prozessionen in Italien traditionell mehr Übung als in Deutschland. Wird nicht gerade eine Heiligenfigur durch eine Kleinstadt getragen, dann reist der Papst zu den Gläubigen oder predigt auf dem Petersplatz vor einer Menge glückseliger Anhänger. Il grande Matteo aber stand nicht erhoben auf irgendeiner Bühne, fuhr nicht geschützt von Panzerglas an seinen Anhängern vorbei, sondern begab sich mitten hinein ins Bad der jubelnden Menge. Es sei einfach wunderschön, bellissimo!, kommentiert ein Anhänger auf YouTube. Aber Salvini riskiere viel, wenn er sich einfach so durch die Straßen treiben lasse, kaum geschützt vor den "Terroristen, von denen es in Italien viele gibt".

Um die Szene einordnen zu können, die nach Salvinis Auftritt eine zweite Karriere als Video-Hit machte, muss man mindestens zwei Besonderheiten der italienischen Politik erwähnen. Die katholische Kirche hat durch ihre Formensprache, in der sich Pomp und Pathos, jubelnde Menschen und Heilsversprechen verbinden, Einfluss auf politische Gesten, die funktionieren und bedient werden können. Antonio Gramsci analysierte einst den scheinbaren Widerspruch zwischen dem "katholischen Kosmopolitismus und Universalismus" auf der einen und dem "italienischen Chauvinismus" auf der anderen Seite. Er gehe zurück auf ein wenig ausgeprägtes Verständnis für den Staat und eine mehr schlecht als recht verlaufene Einigungsbewegung während des italienischen Risorgimento.

Außerdem steht im Herzen Roms die heilige römisch-katholische Kirche immer noch als stoisch sich durch die Jahrhunderte bewegende Weltinstitution gegen die Instabilität italienischer Regierungen. Doch diese Institution besitzt derzeit ein Oberhaupt, das nicht nur zum dritten Mal in Folge kein gebürtiger Italiener ist, sondern sich obendrein mit zum Teil recht kruder Rhetorik eher der linken Befreiungstheologie als der rechtskonservativen Tradition verschrieben hat. Den eigenen Laden hat er auch nicht wirklich im Griff. Man muss Papst Franziskus aus politisch linker Sicht nicht gut finden, um zu verstehen, dass er aus rechter Sicht kein Wunschkandidat ist. Vielleicht jubelt der eine oder andere dann doch lieber Salvini zu, als auf den Petersplatz zu pilgern.

Zum anderen, und hier sind wir aus der Ewigkeit wieder zurück in der Zeit nach Andreotti, hat in den letzten Jahrzehnten vor allem der Schlagersänger, Millionär und mehrfache Premierminister Silvio Berlusconi Italien geprägt und seine eigene Interpretation von politischer Popkultur in die Köpfe und Herzen der Gesellschaft eingepflanzt. Dass da weder Berührungsängste mit Trash-Elementen noch mit Relikten faschistischer Ästhetik zu sehr hemmten, zeigt anschaulich die Berlusconi-Hymne für den Wahlkampf 2008, ein Italopop-Schlager, der auf die eingängigen Zeilen setzt: Präsident, wir sind für dich da! Zum Glück ist Silvio da! Frauen im Fitnessstudio stimmen vom Laufband aus ein, ein Callcenter fängt an zu singen, am Ende schunkelt eine große Anhängerschaft vor dem faschistischen Palazzo della Civiltà Italiana.

Lange hielt sich gerade unter Linken die Befürchtung, Berlusconi könne ähnlich wie Andreotti und der Papst eine ewige Figur sein, die immer wiederkehre. Diese Befürchtung hat sich dank Matteo Salvini nicht bewahrheitet. Den Teufel aber treibt man bekanntlich am besten mit dem Beelzebub aus.

Viterbo war bis zu Salvinis historischem Auftritt vor allem für das längste Konklave der Kirchengeschichte bekannt. Drei Jahre lang, von 1268 bis 1271, konnten sich die Kardinäle nicht einigen, wen sie an die Spitze ihrer Kirche setzen wollten, drei von ihnen verstarben über die sich endlos hinziehenden Verhandlungen, und am Ende sperrte man die entscheidungsunfreudigen Würdenträger bei Wasser und Brot ein, damit die Sedisvakanz sich nicht noch weiter in die Länge zöge.

Diese Pattsituation erinnert an das zähe Agieren innerhalb der EU, bei dem man nicht gerade den Eindruck gewinnt, alle Parteien zögen am gleichen Strang. Dass die Nationalisten dort nicht die schwächste Gruppierung sind, ist bekannt, und Salvini ist einer ihrer Protagonisten, die wissen, wie man den Kult um seine Person inszeniert. Natürlich, nicht alles ist ein Triumphmarsch wie jener in Viterbo, nicht einmal für einen wie ihn. Seine Freundin hat ihn jüngst verlassen, und der Haushalt ist alles andere als ausgeglichen. Aber "die Macht reibt nur den auf, der sie nicht hat". Das wusste schon Andreotti.

Von Nora Bossong erschien 2015 der Roman "36,9°". Er handelt vom Leben und Denken des marxistischen Philosophen Antonio Gramsci.