In der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals der katholischen Kirche ist ein Tabu gefallen: Statt wie bisher üblich das Verbrechen ganz allgemein beim Namen zu nennen, hat der Freiburger Erzbischof Stephan Burger nun den Namen eines Verantwortlichen genannt. Dazu einen, dessen Träger noch lebt: Robert Zollitsch. Der war Burgers Vorgänger als Freiburger Erzbischof und zudem bis vor einigen Jahren Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.

23 Jahre lang, von 1963 bis 1991, hat ein Geistlicher in Oberharmersbach im Schwarzwälder Ortenaukreis mindestens 60 Kinder missbraucht. Er wurde in den Zwangsruhestand versetzt. Die Justiz wurde nicht verständigt. Nach dem Selbstmord des Pfarrers ist der Fall nicht weiter aufgearbeitet worden, belastende Schriftstücke wurden aus den Personalakten entfernt. Zollitschs Nachfolger Burger dazu in einem Interview: "Ich muss davon ausgehen, dass mein Amtsvorgänger von diesen Vorwürfen gewusst hat." Robert Zollitsch trug über Jahrzehnte als Personalreferent und später als Erzbischof Verantwortung. Sein Nachfolger Burger kommentiert: "Ich muss auch davon ausgehen, dass relevante Dinge über seinen Schreibtisch gelaufen sind." Und er bestätigt, dass in der Vergangenheit Personalakten mutmaßlicher Täter manipuliert wurden.

Der Freiburger Altbischof ließ bislang lediglich verlauten: Aus heutiger Sicht würde er die Dinge anders entscheiden. Weiter wolle er sich dazu nicht mehr äußern. Zum Vorgang selbst hatte er bereits 2010 mit dem Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe gesprochen. Er hoffte damals, wie er sagte, einen alten, kranken Mann, der zudem suizidgefährdet gewesen sei, zu schützen. Die Traumata der jungen Opfer mussten zurückstehen. Inzwischen ist nicht Zollitsch, sondern sein Nachfolger Stephan Burger nach Oberharmersbach gereist und hat sich in der Gemeinde für das Versagen seiner Kirche entschuldigt. Noch heute hoffen die Betroffenen, dass sich Zollitsch selbst zu seiner Schuld öffentlich bekennt. Da das bisher nicht geschah, bat der Ortspfarrer nun den Erzbischof, seinen Vorgänger nicht mehr als Zelebranten in die dortige Gemeinde zu schicken. Diese Reaktion und schon der Fall selbst werfen Fragen auf: Will der Erzbischof aufklären oder wird er dazu gezwungen? Soll man Burgers gravierenden Schritt, das Versagen seines Vorgängers öffentlich zu machen, als eine Transparenzoffensive deuten oder ist es der Befreiungsschlag einer jungen Bischofsgeneration, um sich von den Altlasten zu befreien, die sie nun ihren Vorgängern in die Schuhe schiebt?

Eine neue Priestergeneration fällt nicht einfach so vom Himmel, sie wird auf Erden in Strukturen sozialisiert, in denen Corpsgeist und Stillschweigen nach außen bis dato sakrosankt waren. Die Bistumsvorsteher der jüngeren Generation sind nicht mehr in der komfortablen Lage, dass ein Bischofswort als Machtwort Gewicht hat. Die Panzerkardinäle des alten Schlags pflegten ein abgehobenes und überhebliches Verhältnis zu ihren Gemeindemitgliedern. Nicht zuletzt der Missbrauchs- und einige Finanzskandale stellten diese klerikale Selbstherrlichkeit radikal infrage.

Kommunikation zwischen dem Hirten und seiner Herde geht heute anders. Die jungen Bischöfe ahnen zumindest, dass zwischen schön allgemein gehaltenen Vergebungsbitten der Institution und einer persönlichen Verantwortungsübernahme Welten liegen. Und dass sich diese Kluft schließen muss, wenn die Kirche Zukunft haben will. Ihre Glaubwürdigkeit hängt zunehmend auch davon ab, wie viel Mut die Bischöfe aufbringen, Ross und Reiter zu benennen, um so ein wenig Licht ins institutionelle Dunkel zu bringen.

Das hat auch der im September geweihte Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer begriffen. In ihm sehen manche eine Art katholischen Obama, wegen seiner relaxten "Yes we can"-Anmutung. Im Oktober krempelte Wilmer auch gleich die Ärmel hoch und erklärte die Aufarbeitung zur Chefsache. Er warf seinem im Kirchenvolk äußerst beliebten Vorvorgänger Josef Homeyer Versagen im Umgang mit Fällen von sexuellem Missbrauch vor. Ein Schock für die Gemeinde. Dass er allerdings seinen direkten Vorgänger, den Bischof Norbert Trelle, und den Weihbischof Heinz-Günter Bongartz aussparte, zeigt, dass man in Hildesheim über Tote nicht immer nur Gutes, aber über Lebende definitiv nichts Schlechtes sagen darf. Weihbischof Bongartz hatte 2010 eine Schülerin, die dem Bistum den sexuellen Missbrauch durch den Jesuitenpater Peter R. anzeigte, wieder nach Hause geschickt. Weder informierte Bongartz die Eltern, noch leitete er seine Informationen direkt an die Staatsanwaltschaft weiter. Der Pater war von Berlin, wo er im Canisius-Kolleg über Jahre Schutzbefohlene missbrauchte, schließlich nach Hildesheim versetzt worden. Der Direktor des Canisius-Kollegs, Klaus Mertes, sah sich 2010 nicht zuletzt deshalb genötigt, die Öffentlichkeit zu informieren. Der Weihbischof in Hildesheim hat sich inzwischen für seine Fehleinschätzung entschuldigt.