Nato-Chef Jens Stoltenberg vor Soldaten der Allianz bei einem Manöver in Polen, im August 2017 © Lorne Cook

DIE ZEIT: Herr Generalsekretär, US-Präsident Donald Trump hat angekündigt, dass sich die Vereinigten Staaten aus dem INF-Vertrag, dem Abkommen zum Verbot nuklearer Mittelstreckenraketen, zurückziehen wollen. Wie reagiert die Nato darauf?

Jens Stoltenberg: Auf dem Nato-Gipfel haben alle Verbündeten ihre Sorgen über das neue russische Raketensystem geäußert. Wir stehen zur Rüstungskontrolle. Wir glauben, der INF-Vertrag ist ein Meilenstein europäischer Sicherheit. Aber keine Übereinkunft zur Rüstungskontrolle funktioniert, wenn sie nur von einer Seite respektiert wird. Das Problem sind die Produktion und die Stationierung von mehr und mehr russischen Raketen. Diese gefährden die Vereinbarung. Das haben die Staats- und Regierungschefs aller Nato-Länder erklärt, genauso wie die Verteidigungsminister Anfang Oktober. Die USA halten sich an den Vertrag, es gibt keine neuen amerikanischen Atomraketen in Europa. Aber es gibt neue russische Raketen.

ZEIT: Ist die Kündigung des Abkommens darauf die richtige Antwort?

Stoltenberg: Wir sprechen seit Jahren über dieses Problem. Schon die Regierung Obama hat Russland aufgefordert, sich an den Vertrag zu halten. Auf Initiative der USA hat es mehr als dreißig hochrangige Treffen gegeben. Der INF-Vertrag verliert an Wert durch jeden Tag, an dem Russland die Entwicklung dieser Waffen fortsetzt.

ZEIT: Russland bestreitet den Vertragsbruch.

Stoltenberg: Alle Verbündeten, einschließlich Deutschland, sind wegen des neuen russischen Raketensystems besorgt. Seit vielen Jahren hat Russland dessen Existenz geleugnet, jetzt hat es diese immerhin zugegeben. Es geht um mobile Raketen, die leicht zu verbergen sind und die mit Nuklearsprengköpfen bestückt werden können; sie verkürzen die Vorwarnzeit auf Minuten und können Städte wie Berlin erreichen.

ZEIT: Und das können Sie zweifelsfrei belegen?

Stoltenberg: Wir haben genug Beweise. Wenn wir Russland erlauben, Verträge ungestraft zu brechen, dann unterminiert das die Rüstungskontrolle insgesamt. Der INF-Vertrag ist letztlich ein Stück Papier. Es ist nur dann relevant, wenn es die Wirklichkeit auf dem Boden verändert, weil sich beide Seiten daran halten.

ZEIT: Russland wollte schon lange aus dem INF-Vertrag aussteigen und ihn durch ein multilaterales Abkommen ersetzen. Eine Kündigung des Vertrages durch die USA wäre so gesehen ein Geschenk an Putin.

Stoltenberg: Noch einmal, das Problem sind die neuen russischen Raketen. Der Vertrag funktioniert nicht, wenn er von einer der beiden Parteien nicht respektiert wird. Die Vertragsverletzung durch Russland ungestraft hinzunehmen würde nicht nur den INF-Vertrag in Gefahr bringen, sondern alle anderen Rüstungskontrollvereinbarungen auch. Mehr und mehr Länder entwickeln Mittelstreckenraketen, von denen viele Atomwaffen tragen können. Wir sind besorgt über die Raketenprogramme Nordkoreas und des Irans. Darum haben die Vereinigten Staaten vor einigen Jahren die Idee unterstützt, den INF-Vertrag zu internationalisieren. Aber jetzt kommt es erst einmal darauf an, sicherzustellen, dass Russland sich an den bestehenden Vertrag hält.