Wenn Insekten sterben, kann das auch etwas Gutes haben. Der Rückgang der Insekten war gut für die Grünen bei den Landtagswahlen in Bayern und Hessen. Und er war gut für eine Berliner Kriegsruine. Mit insgesamt 660 Millionen Euro soll das im Zweiten Weltkrieg massiv beschädigte Museum für Naturkunde gefördert werden. 330 Millionen hat der Haushaltsausschuss des Bundestages bereits bewilligt, und Berlins Bürgermeister Michael Müller hat versprochen: Berlin gibt noch einmal 330 Millionen Euro dazu.

Was aber haben sechs Millionen tote Käfer, vier Millionen aufgespießte Schmetterlinge, fünf Millionen gehortete Bienen und Wespen mit dem aktuellen Insektensterben zu tun? Und wofür wird so viel Geld benötigt?

Im Berliner Naturkundemuseum wird, nur einen Steinwurf entfernt von Parlament und Ministerien, das ökologische Gedächtnis der Menschheit gepflegt. "Für die Politik war Natur lange eine vernachlässigbare Größe", sagt der Museumsdirektor Johannes Vogel. "Das ist jetzt vorbei." Das Artensterben, die sommerliche Dürre, schrumpfende Ernten, der Anstieg des Meeresspiegels – für Vogel ist klar: "Es ist wie bei James Bond: Wir spielen um die Welt. Nur ist es diesmal kein Film."

Der Dodo ist bereits ausgestorben und nur noch im Museum zu sehen. © Antje Dittmann/Museum für Naturkunde

Gemeinsam mit der Humboldt-Universität, deren agrarwissenschaftliches Institut auf dem künftigen Campus steht, will Johannes Vogel Themen wie Ernährung, Gesundheit und Artensterben angehen. Hier sollen die naturwissenschaftlichen Grundlagen erforscht, die gesellschaftlichen Implikationen diskutiert werden.

Dazu muss die Kriegsruine saniert werden. Ein modernes Depot, das tief in den Berliner Boden gegraben wird, soll die wertvollen Bestände sichern. Allein 400 der 660 Millionen Euro sind für dringend notwendige Baumaßnahmen vorgesehen. Es werden Wände errichtet, aber auch alte eingerissen. Die Mauern des Museums sollen durchlässig werden: Direktor Vogel will die Grenzen zwischen Sammlung, Forschung und Ausstellung durchbrechen, "um Raum für gesellschaftlichen Dialog zu schaffen".

100 Millionen Euro sind für einen weiteren Durchbruch vorgesehen: Alle 30 Millionen Objekte des Museums werden digital katalogisiert und damit Wissenschaftlern weltweit zugänglich gemacht. DNA-Daten, Computertomografien, 360-Grad-Aufnahmen sind von Forschern in London oder Paris ebenso leicht abrufbar wie von den Mitarbeitern des vom Brand zerstörten Nationalmuseums in Rio de Janeiro.

Hat der Brand in Rio dem Projekt in Berlin womöglich genützt? "Er hat wach gemacht", sagt Johannes Vogel. "Er hat gezeigt, was hier auf dem Spiel steht." Vogel will, dass nun umgekehrt auch das Aufbruchssignal von Berlin weltweit gesehen wird. Denn in dem modernisierten Museum soll nicht nur naturwissenschaftliche Grundlagenforschung gute Bedingungen finden. Hier soll nicht nur ein Besuchermagnet zusätzliche Anziehungskraft entwickeln. Das neue Museum will auch sichtbar und politisch wirksam machen, dass Natur und Gesellschaft untrennbar miteinander verbunden sind.

Nicht zuletzt geht es um Innovation: Wie das Artensterben stoppen und die Welternährung sichern? Wie die Landwirtschaft nachhaltiger und die Nahrungsmittel gesünder machen? Dazu braucht es neben Züchtungserfolgen und technischen Entwicklungen auch gesellschaftliche Innovationen und nicht zuletzt die Neuerfindung einer umfassenden Ökologie-Politik. Ideal also, dass die Agrarwissenschaftler gleich neben den Artenkundlern sitzen, dass die Medizinerinnen und Mediziner der Charité nicht weit entfernt sind und die Politiker quasi in Rufweite.

Eine fruchtbare Nachbarschaft, hofft Johannes Vogel, könnte auch andere auf seinen Campus locken. Denn die Attraktivität der Berliner Wissenschaftslandschaft wächst: Die Bill & Melinda Gates Foundation will sich in Berlin engagieren, der britische Wellcome Trust will kommen, die Oxford-University. Und noch andere könnten hoffnungsvoll nach Berlin schauen: Die naturkundlichen Sammlungen in Stuttgart und Hamburg bewerben sich gerade um die Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft. In dieser Woche entscheidet sich, ob die Bewerbungen offiziell angenommen werden.