James Winkler wohnt in Zimmer 105. Ein sieben Quadratmeter großer Raum, der am hinteren Ende eines langen, grell beleuchteten Ganges liegt, in dem es leicht säuerlich riecht. Vor dem Fenster des Obdachlosenheims am Rande von Wien befindet sich ein Parkplatz, in dessen Mitte eine Trauerweide ihre Äste hängen lässt. Stellt sich Winkler in die Mitte seines Zimmers, kann er mit ausgestreckten Armen die Wände berühren. Ein kleiner Raum, der gerade Platz für jene Dinge bietet, die dem 35-Jährigen wichtig sind: eine DVD-Sammlung, ein Bild seiner beiden Buben, Fotos, auf denen ein einige Jahre jüngerer Winkler eine Braut im Arm hält. Und die Security-Uniform, in der er 45 Stunden die Woche arbeitet. Trotz des Jobs muss er in einer Notunterkunft des Fonds Soziales Wien schlafen.Immer öfter sind es Angehörige der Mittelschicht, die einen festen Job haben

"Den klassischen Obdachlosen gibt es nicht mehr."
Daniela Unterholzner, Geschäftsführerin des Neunerhauses, das Obdachlosen in Wien Wohnraum bietet

Mehr als 15.000 Menschen in Österreich waren im Vorjahr wohnungslos, rund 10.000 davon lebten in Wien. Das ist ein Drittel mehr als noch vor zehn Jahren. Und längst handelt es sich dabei nicht mehr nur um jene, die abschätzig "Sandler" genannt werden und die im Weichbild der properen Innenstädte von vielen nur ungern gesehen werden. Immer öfter sind es Angehörige der Mittelschicht, die so wie James Winkler manchmal trotz eines fixen Arbeitsplatzes auf der Straße landen.

"Den klassischen Obdachlosen gibt es nicht mehr", sagt Daniela Unterholzner, Geschäftsführerin des Neunerhauses, das Obdachlosen in Wien Wohnraum und medizinische Versorgung bietet. "Zu uns kommen Akademiker genauso wie Asylwerber, Frauen wie Männer und Mütter mit kleinen Kindern." Der Weg, den die Klienten des Neunerhauses hinter sich haben, sei meist lang, sagt Unterholzner: Oft führt er von einem Schlafplatz am Sofa bei Familienangehörigen oder Bekannten über eine Bank im Park in Notunterkünfte und wieder zurück.

"Insgesamt 1.220 Personen leben in Wien ohne Wohnung, obwohl sie erwerbstätig sind", sagt Manuela Lenk von der Statistik Austria. "Ein Drittel dieser Menschen wird in Notschlafstellen und ähnlichen Einrichtungen betreut, ist also wohnungs-, nicht obdachlos. Zwei Drittel davon leben tatsächlich auf der Straße." 1.220 Männer und Frauen, die sich Morgen für Morgen für ihren Job im Einzelhandel, in der Gastronomie oder bei Leiharbeitsfirmen zurechtmachen und eine Nacht im Park, unter Brücken oder in Notunterkünften hinter sich haben: Wie kann das sein?

Wo Wäsche waschen, wo duschen, wo etwas Warmes zum Essen auftreiben?

Nach der Trennung von seiner Frau legte James Winkler im November 2017 den Schlüssel auf den Küchentisch der Familienwohnung und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Bei sich hatte er einen alten Bundesheerschlafsack, eine Tasche voller Kleidung – darunter ordentlich gefaltet das schwarze Shirt mit dem Logo der Sicherheitsfirma, das er am nächsten Tag zum Arbeiten anziehen würde – und die Schlüssel seines alten VW Golf. Er war überzeugt, dass er mit einem geregelten Nettoeinkommen von monatlich 1.400 Euro trotz Unterhaltszahlungen eine kleine Wohnung finden würde. Dann entrollte er zum ersten Mal auf einem Parkplatz im 10. Bezirk seinen Schlafsack und brachte den Fahrersitz seines Autos in Liegeposition. Drei Monate lang verbrachte er die Nächte als Security-Mann vor Wiener Clubs wie dem Flex, tagsüber schlief er im Auto – oft wurde er von Passanten geweckt oder von Polizisten vertrieben. Seine gesamte Freizeit füllte die Organisation des plötzlich stressig gewordenen Alltags: Wo Wäsche waschen, wo duschen, wo etwas Warmes zum Essen auftreiben?

Winklers Problem bei der Wohnungssuche: Er hatte kein Erspartes. Die Kautionsforderungen, die Vermieter stellten, konnte er nicht begleichen. Dazu kostet eine 35-Quadratmeter-Wohnung selbst in den Außenbezirken oft um die 600 Euro.

Um rund 36 Prozent sind die Bruttomieten bei privaten Neuverträgen österreichweit in den vergangenen neun Jahren gestiegen. Das ist 2,5-mal so viel wie die allgemeine Teuerung der Verbraucherpreise. Zu den oft hohen Ablöse- und Kautionsforderungen kommt, dass zwei von drei privaten Mietverträgen befristet abgeschlossen werden, im Schnitt auf fünf Jahre. Neben den Kosten für Umzug und Maklergebühren bedeutet ein befristeter Mietvertrag meist auch die Übersiedlung in eine kostspieligere Wohnung, da Mietpreise kontinuierlich steigen.

Umgekehrt gibt es immer seltener erschwingliche Substandard-Wohnungen, die Menschen mit niedrigerem Einkommen ein Dach über dem Kopf bieten könnten. Sie machen nur noch einen Anteil von einem Prozent aus. Vor allem für die 1,5 Millionen Menschen, die in Österreich als armutsgefährdet gelten, ist das ein Problem.