DIE ZEIT: Herr Gaspard, würden Sie sich als Kosmopolit bezeichnen?

Patrick Gaspard: Ich bin jemand, der in vielen Teilen der Welt eine Heimat finden musste. Meine Familie stammt aus Haiti, ich wurde in der Demokratischen Republik Kongo geboren und bin in New York groß geworden. Ich war Politiker in den Vereinigten Staaten, und jetzt arbeite ich für eine Organisation, die fast in allen Regionen der Welt unterwegs ist.

ZEIT: Sie sind Präsident der Open Society Foundations, das ist die Stiftung des mehrfachen Milliardärs und ehemaligen Finanzinvestors George Soros. Wie würden Sie die Tätigkeit der Stiftung beschreiben?

Gaspard: Wir setzen uns für offene Gesellschaften ein, für Demokratie und Menschenrechte, für eine gute Gesundheitsversorgung und den Zugang zu Bildungseinrichtungen.

ZEIT:Viktor Orbán hat das anders formuliert. Der ungarische Ministerpräsident hat Ihnen vorgeworfen, im Namen der Globalisierung das Selbstbestimmungsrecht seiner Landsleute einschränken zu wollen.

Gaspard: Ich möchte gerne unterscheiden zwischen den Menschen in Ungarn, mit denen wir zum Teil seit Jahrzehnten und in aller Regel auch sehr gut zusammenarbeiten – und politischen Akteuren wie Viktor Orbán, die Stimmung gegen uns machen, um ihre eigene Karriere zu befördern.

ZEIT: Orbán sagt, Sie wollen eine Welt ohne Grenzen und eine Art Menschenrecht auf Migration. Ist das falsch?

Gaspard: Es ist falsch. Wir sind nicht gegen Grenzen. Das gilt für die Stiftung, für mich und auch für Soros selbst. Wir erkennen auch an, dass es unterschiedliche Kulturen gibt, die ihre Eigenständigkeit bewahren wollen, oder dass es in einer Gesellschaft zu Konflikten um die Verteilung von knappen wirtschaftlichen Ressourcen kommen kann. Es ist aus meiner Sicht vollkommen nachvollziehbar, wenn eine demokratisch gewählte Regierung vor allem die Versorgung der eigenen Bürger mit Gütern und Dienstleistungen im Blick hat.

ZEIT: Aber?

Gaspard: Aber wir sind der Meinung, dass es genauso wichtig und richtig ist, die Grundrechte von Menschen zu schützen, denen diese Rechte in ihrem Herkunftsland versagt wurden und die deshalb ihre Heimat verlassen haben. Das bedeutet nicht, dass wir uns dafür einsetzen, Einwanderungsgesetze zu missachten oder Grenzen zu öffnen. Nach meiner Kenntnis ist der Schutz dieser Grundrechte sogar durch europäische Vorschriften abgesichert, und Ungarn ist ein Mitgliedsland der Europäischen Union. Die Ironie der ganzen Angelegenheit ist doch: In vielen Fällen erkennt Ungarn die Rechte von Flüchtlingen und Migranten sogar an – trotz der opportunistischen Rhetorik einiger ungarischer Politiker.

ZEIT: Können Sie nachvollziehen, wenn die Regierung eines Landes sagt: Wir wollen genauer wissen, wer sich auf meinem Territorium politisch oder zivilgesellschaftlich engagiert?

Gaspard: Das kann ich natürlich nachvollziehen. Ich wehre mich überhaupt nicht gegen eine Auseinandersetzung mit unserer Arbeit. Man soll sich gerne anschauen, was wir tun, man soll es auch kritisch begleiten. Aber ich finde es problematisch, wenn wir zu einer Art Bedrohung für den inneren Frieden stilisiert werden. Das ist eine gefährliche Entwicklung.

ZEIT: Deshalb verlegen Sie nun das internationale Büro der Stiftung von Budapest nach Berlin. Was genau ist denn da vorgefallen?

Gaspard: Sie haben vielleicht davon gehört, dass das ungarische Parlament ein sogenanntes Stoppt-Soros-Gesetzespaket verabschiedet hat, das uns direkt ins Visier nimmt. Es drohen beispielsweise Strafmaßnahmen gegen Organisationen, die sich um die Rechte von Migranten kümmern. Die Freiheiten der Universitäten werden eingeschränkt. Es herrscht inzwischen ein Klima, das es uns schwer macht, für die Sicherheit unserer Mitarbeiter und unserer Daten zu garantieren. Ich freue mich auf Berlin, eine Stadt, die, wie wir glauben, eine zentrale Rolle in den Debatten über die Zukunft der Demokratie spielen wird. In Deutschland empfindet man Kritik als einen Gewinn für die Demokratie, nicht als eine Bedrohung. Wir werden aber mit unseren Programmen weiter in Ungarn aktiv sein.

ZEIT: Was entgegen Sie denjenigen, die sagen: Ich will nicht, dass die Gesellschaft offener, bunter oder vielfältiger wird. Ich will so leben, wie ich immer gelebt habe.

Gaspard: Ich sage ihnen: Es ist dein gutes Recht, so zu leben, wie du leben willst. Aber du musst auch akzeptieren, dass andere anders leben wollen als du. Und es ist nicht akzeptabel, wenn diesen Menschen die Möglichkeit verweigert wird, sich im öffentlichen Raum zu artikulieren oder ihre Stimme abzugeben. Es geht darum, ein faires Miteinander zu organisieren.

ZEIT: Ihre Kritiker sagen: Sie mischen sich damit in die Angelegenheiten anderer Länder ein.