So ein kleines Grab. Und so traurige Lebensdaten: 1904 bis 1906. Nicht einmal zwei Jahre alt geworden. In der wilhelmischen Zeit war das nicht selten.

Als ich mit meiner sechs Wochen alten Tochter auf dem Weg zur Kinderärztin bin, denke ich: Wie gut, dass es heute nicht mehr so viele dieser kleinen Gräber gibt. Wie gut, dass wir die Impfungen gegen Diphtherie und all die anderen Plagen haben.

"Über Keuchhusten müssen wir noch mal sprechen", sagt Frau Doktor. "Es ist nicht dramatisch. Aber der Impfschutz ist irgendwie nicht mehr so gut." Da gebe es diesen Ausbruch in den Niederlanden, wohl mutierte Bakterien. "Seien Sie einfach ein bisschen vorsichtig mit der Kleinen." Wenn man gerade ein Kind bekommen hat, ist die Psyche nicht in der stabilsten Verfassung – auch dann nicht, wenn man Wissenschaftsjournalistin ist. In der Nacht sitze ich müde am Computer und wühle mich durch wissenschaftliche Datenbanken, auf der Suche nach Aufklärung.

Heute schlafe ich wieder regelmäßiger, bin nicht mehr panisch. Aber meine Sichtweise hat sich geändert. Verloren gegangen ist – wie bei den Antibiotika – die Gewissheit, dass Impfstoffe immer funktionieren. Der Grippeimpfstoff muss ohnehin jedes Jahr neu aufgelegt werden, weil die Viren mutieren. Doch nun macht mich die Lage bei Keuchhusten stutzig: Weltweit sind 6,1 Milliarden Menschen gegen den Erreger Bordetella pertussis geimpft. Trotzdem erkranken jedes Jahr 16 Millionen Menschen an dem für Erwachsene quälenden, für Säuglinge lebensgefährlichen Husten. Und zwar auch in den medizinisch gut versorgten Industriestaaten, etwa in den USA, in Australien oder in den Niederlanden. In diesen Ländern wird schon seit 80 Jahren gegen die Bakterien geimpft, trotzdem haben sie mit Keuchhusten-Ausbrüchen zu kämpfen. Erklärungsversuche gibt es viele. Die einen meinen, dass alte Leute mit schwächelndem Immunsystem ein Reservoir für die Bakterien bilden. Die anderen haben Schulkinder unter Verdacht, die weniger als die empfohlene Anzahl von Impfungen erhalten haben. Und manche denken, dass der aktuelle Impfstoff einfach nicht mehr gut genug wirkt. Hat der jahrzehntelange Einsatz von Vakzinen dazu geführt, dass diese Waffe stumpf geworden ist? Und darf man dann bedenkenlos einfach weiterimpfen?

Wie Antibiotika begünstigen Impfstoffe tatsächlich Veränderungen bei den Erregern. Diese Ansicht vertritt unter anderem Andrew Read. An der Pennsylvania State University leitet er das Zentrum für die Dynamik von Infektionskrankheiten. Read beschäftigt sich mit den Kräften, die die unsichtbaren Krankmacher im Laufe der Zeit formen, mit dem, was sie zahm hält oder wild macht. "Für Viren und Bakterien ist diese geimpfte Welt eine neue Welt", sagt er, "an die sie sich anpassen, so wie sie sich schon immer an neue Umstände angepasst haben." Das geschieht, indem sich zufällige Mutationen unter den neuen Umweltbedingungen als günstiger erweisen als die alten Gene. Das, meint Read, sei auch bei Keuchhusten geschehen.

Nehmen wir einmal die Position von Bordetella pertussis ein und gehen auf Wirtssuche. In einem Land wie Deutschland trifft das Bakterium durch die verbreitete Impfung fast überall auf dieselbe Wand aus medizinisch erschaffenen Impfantikörpern. Kaum ist der Erreger in die Lunge eines möglichen Opfers eingedrungen, schwimmen die Antikörper herbei und kleben sich an ihm fest. So wird er für andere Immunzellen sichtbar, die ihn mit Gift beschießen. Das Bakterium verschwindet, bevor es richtig loslegen konnte. Die Impfung hat gewirkt.

Aber Bordetellen können sich wehren und sich gegen das Immunsystem wappnen. Entstünde zufällig ein mutiertes Bakterium, das seine Gegenwehr schneller mobilisiert als seine Artgenossen, dann könnte es länger standhalten und das Duell mit der Körperabwehr gewinnen – und sich trotz Impfung ein Plätzchen im Wirt erobern. Genau so eine Mutation fanden Forscher der Universität Bath, als 2012 der größte Keuchhusten-Ausbruch des britischen Impfzeitalters das gesamte Gesundheitssystem im Vereinigten Königreich in Aufruhr versetzte. Die Ursache dafür waren Bakterien mit einer besonderen Mutation. Sie führt dazu, dass die Bakterien eine größere Menge eines Abwehrstoffes freisetzen. Dieses Toxin verhindert, dass Immunzellen den Weg zu den Bakterien finden. Die mutierten Bakterien hatten plötzlich viel mehr solcher Nebelkerzen zur Verfügung als ihre Vorfahren. Das Ergebnis war fatal: 10.000 Briten erkrankten, 14 Kinder starben – die meisten trotz Impfung.