Der Mann, der im Laufe seiner Karriere meist zu früh dran war, kommt ein paar Minuten zu spät. Ein Konferenzraum im Trainingszentrum von RB Leipzig, alles ist neu, modern, offen, lichtdurchflutet. Der sechzig Jahre alte Ralf Rangnick hat eine Länderspielpause zur Erholung genutzt und die letzten sonnigen Spätsommertage an der Ostsee verbracht. Es ist ein anderer Ralf Rangnick als der, den man mitunter am Spielfeldrand erlebt, der mit dem Smartphone in der Hand den Schiedsrichter bestürmt. Er ist freundlich und konzentriert, wirkt regelrecht entspannt. Früher, sagt er, sei es ihm sehr schwergefallen, abzuschalten, er habe sich zu selten Zeit zur Regeneration genommen. Früher, das bedeutet vor dem Burn-out, der großen Zäsur, die Rangnicks erwachsenes Leben in zwei Teile teilt.

In Rangnicks Büro hängt ein Foto, vergrößert und auf Leinwand aufgezogen. Es zeigt den Sportdirektor und Trainer von RB Leipzig 2017 bei der Aufstiegsfeier auf dem Leipziger Marktplatz, Zehntausende Menschen in den Straßen jubeln ihm zu. "Jeden Morgen, wenn ich mein Büro betrete, sehe ich als Erstes dieses Bild", sagt Rangnick. Das Bild, von dem er geträumt habe, als er 2012 den Job als Sportdirektor von RB Salzburg und RB Leipzig, damals in der vierten Liga, übernommen habe, sagt er. Ein Bild, das ihn bis heute motiviere.

Als Spieler war Ralf Rangnick nur mäßig erfolgreich. Ganz anders seine Karriere als Trainer: In seinem Heimatort coachte er als Spielertrainer Viktoria Backnang zweimal zur Bezirksliga-Meisterschaft und professionalisierte den Verein, 1997 wurde er Trainer beim SSV Ulm und führte den Abstiegskandidaten mit taktischer Cleverness an die Spitze der Zweitligatabelle. 1999 übernahm er den abstiegsgefährdeten VfB Stuttgart und sicherte den Klassenerhalt. 2001 führte er dann Hannover 96 aus der Zweiten zurück in die Erste Bundesliga, drei Jahre später Schalke 04 vom 15. Tabellenplatz bis zur Vizemeisterschaft. Nach einem Zerwürfnis mit der Vereinsführung übernahm Rangnick 2006 zur Überraschung der Branche den Regionalligisten TSG Hoffenheim; innerhalb von zwei Jahren gelang der Durchmarsch in die Bundesliga. Sein zweites Engagement bei Schalke endete 2011 nach wenigen Monaten.

Mit der Pressekonferenz auf Schalke im September 2011, auf der er seinen Rücktritt aufgrund eines vegetativen Erschöpfungssyndroms bekannt gab, hat Rangnick ein wichtiges Signal gesetzt: niemand in vergleichbarer Position im Profifußball hatte sich bis dahin öffentlich zu psychischen Problemen bekannt. Dieses Bild wird für die Öffentlichkeit wohl für immer mit ihm verbunden sein. Ein anderes ist sein Auftritt beim Aktuellen Sportstudio des ZDF, als der Trainer-Jungspund an der Schautafel Fußballdeutschland Taktik-Nachhilfe gab. Das Image des Oberlehrers und Besserwissers hing ihm lange an, bis heute gilt er einigen als übereifriger Perfektionist. Seine Engagements in Hoffenheim und zuletzt Leipzig waren sein Meisterstück als Trainer und Sportdirektor, viele sehen in ihm einen stilbildenden Visionär, einen Fußball-Intellektuellen und ein Vorbild für eine ganze Trainergeneration. Manchen Nostalgikern und Ultras wiederum gilt er als Sinnbild einer Kommerzialisierung, die den Fußball ruiniere. Rangnick ist und war nie einfach nur irgendein Trainer oder Sportdirektor.

Von Beginn an fremdelte er, bei aller Leidenschaft für den Fußball, immer auch mit der Fußball-Welt, hat sich immer wieder an ihr gerieben. Schon 1983 als Spielertrainer bei Viktoria Backnang verbannte Rangnick, der bis zu seinem 24. Lebensjahr keinen Alkohol getrunken hat, die Bierkästen und Zigarettenpackungen aus der Umkleidekabine. Heute selbstverständlich, im Fußballdeutschland der Achtziger unerhört.

Um zu verstehen, was Ralf Rangnick ausmacht und antreibt, hilft es, ihn in seine Kindheit zu begleiten: Rangnick stammt aus einer Flüchtlingsfamilie. Sein Vater ist in Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, aufgewachsen, seine Mutter stammt aus Breslau. 1944 verließen die Eltern ihre Heimatstädte und lernten sich im sächsischen Lichtenstein in einem Flüchtlingslager kennen. Die Suche nach Heimat, das Ringen um Zugehörigkeit und Anerkennung, so scheint es, wurde ihm als Lebensthema mit auf den Weg gegeben.

Gern erzählt er in Interviews, dass er schon als Kleinkind gegen jeden Ball getreten habe. Dass er ein Straßenfußballer gewesen sei, damals in Backnang. Dass sein Vater ihn im Alter von sechs Jahren beim heimischen Fußballverein angemeldet habe, wo er, da es keine E- oder F-Jugend gab, mit den älteren Jungs in der D-Jugend kickte, sich dort beweisen musste – und schnell Kapitän wurde.

Er sei ein sehr guter Schüler gewesen, sagt Rangnick, ohne dass er sich sonderlich habe anstrengen müssen. "Für meine Eltern und den Klassenlehrer war klar: Der Bub muss auf das Gymnasium!" Aber der Junge, der als Erwachsener den Spitznamen "Oberlehrer" bekommen sollte, wollte nicht. "Meine Mitspieler waren ganz normale Jungs aus Arbeiterfamilien", sagt Rangnick. "Die meisten gingen auf die Hauptschule, wenige auf die Realschule. Kaum einer ging auf das Gymnasium. Ich habe befürchtet, dass ich meine Freunde verliere, dass niemand mehr mit mir kicken will."