Eine Frage bringt mich regelmäßig ins Schwitzen. Fremde heucheln mit ihr gerne Interesse bei der Großstadt-Küchenparty. "Und", lautet sie, "was machst du beruflich?" Meist versuche ich, elegant das Thema zu wechseln. Ich weiß ja, was kommt, wenn ich die Wahrheit sage und "Journalist" antworte. Dann gibt es immer einen, der es genau wissen will: "Journalist, aha! Und worüber schreibst du so?" Bleibt nur zu gestehen: "Über Religion, Kirche, Katholizismus." Da entgleisen in der Regel die Gesichtszüge der Umstehenden, und ich werde als enttarnter Gläubiger auf Kreuz und Rosenkranz gescannt.

Das Staunen ist verständlich. Immer mehr Deutsche sagen von sich, sie seien nicht religiös, selbst wenn sie noch Mitglied einer Kirche sind. Auch die Zahl erklärter Atheisten wächst. Laut einem Ranking des Marktforschungsnetzwerks WIN-Gallup hat es Deutschland mittlerweile sogar auf Platz sechs der atheistischsten Länder der Erde geschafft, gleich hinter Südkorea und vor den Niederlanden. Mit der Gleichgültigkeit oder dem Befremden der anderen muss man als Christ also leben. Als Großstadtchrist zumal. Schließlich war der Atheismus in der Großstadt immer schon stärker als auf dem Land. In Berlin zum Beispiel oder in Köln gehört er zur weltanschaulichen Grundausstattung des Bürgertums unter 40.

Nervig bis unerträglich allerdings wird er, wenn auf Staunen und Sekundenstille eine Grundsatzdiskussion über Sinn und Unsinn von Religion folgt. Das läuft oft so: Irgendein bekennender Heide fühlt sich durch meine bloße Existenz persönlich beleidigt und schmeißt mir ein "Religion lässt sich heilen" oder "Katholizismus ist alimentierter Kindesmissbrauch" an den Kopf. Das führt zur sofortigen Rudelbildung. Auf einmal sehe ich mich nicht mehr nur einer Partygemeinschaft, sondern einer Menge selbst ernannter Aufklärer und Vernunftverteidiger gegenüber, die in mir das personifizierte Mittelalter zu erkennen meinen.

Halte ich mich nicht augenblicklich um des lieben Friedens willen zurück, getraue ich mich gar zu erwidern, der Satz mit der heilbaren Religion sei kein Argument, sondern höchstens Ansichtssache, muss ich mir anhören, das sei doch dasselbe. Überhaupt solle ich im konkreten Fall die Ansicht bitte auf der Stelle akzeptieren als Ausdruck grundgesetzlich garantierter Meinungsfreiheit. Ansonsten sei ich nämlich intolerant und gehörte nicht in diese Küche. Bei der ersten Rudelbildung beging ich an diesem Punkt einen fatalen Fehler. Ich erwiderte: Meinungsfreiheit hört da auf, wo man Andersmeinende als krank bezeichnet. Derartige Differenzierungen verkneife ich mir seitdem. Ich will mich nicht noch mal der Gefahr aussetzen, mit Partyfrikadellen gesteinigt zu werden.

Doch nicht nur in der Küche, auch in der digitalen Welt trifft man ständig auf nervende Atheisten. Vor allem wenn man sich beruflich mit Religion beschäftigt. Atheisten müllen unter Artikeln über den Papst die Kommentarspalten voll mit ihrem Kirchenhass. Sie beleidigen einen in Blogs oder auf Facebook und verschicken, wie ein Kollege mal erzählte, Pakete mit Exkrementen, um plastisch zu dokumentieren, was sie von Religion in der Öffentlichkeit halten. Manche Atheisten sind so nervig, dass sie einem fast wieder ans Herz wachsen. Mein Lieblingsleser aus Regensburg etwa. Der durchforstet diese Zeitung jede Woche nach Religion und verteilt in einem Blog Strafpunkte für Glaubensartikel – drei maximal. Damit erzielt er durchaus Wirkung. Es befriedigt mich fast spirituell, wenn ich sehe: Punktemäßig habe ich wieder abgeräumt.

Natürlich frage ich mich, warum Atheisten sich heute noch derart provoziert fühlen vom Glauben. Der Atheismus ist doch längst auf dem Durchmarsch. Die Volkskirche ist mittlerweile genauso Geschichte wie die Volksparteien. Der Vatikan steckt, nach zahllosen Finanz- und Missbrauchsskandalen in allen Teilen der Welt, in der Selbstfindungskrise. Und in Sachen Sex lassen sich nicht mal mehr die Bayern noch etwas sagen vom Papst. Ja selbst in der CDU, wo man früher das C vor sich hertrug wie eine Monstranz, outen sich heute gefühlt mehr Volksvertreter als schwul denn als gläubig.

Trotzdem arbeiten sich Atheisten mit glühendem Eifer am Glauben ab. Es wirkt so, als prügelten sie auf einen Toten ein. Als wollten sie sich einfach noch ein wenig gruseln vor dem, was sie selbst überwunden zu haben meinen: Katholizismus, Klerikalismus, Luther und den Antisemitismus – irgendein Ismus ist immer und bestärkt die atheistische Paranoia, von Gotteskriegern umstellt zu sein.

Dabei fällt umso mehr ins Auge: Der Atheismus heute ist auch nicht mehr das, was er mal war. Früher wussten Atheisten schließlich genau, wofür sie waren und wogegen. Sie kannten ihren Feind, zitierten Thomas von Aquin oder Blaise Pascal und manövrierten beide intellektuell aus mit Sartre, Molière oder Friedrich Nietzsche. Weniger von sich eingenommen allerdings waren sie nicht. Der Zwang, alles rational erklären und am Ende recht haben zu müssen, nervte auch ganz schön.

Aber immerhin, mit Kulturatheisten konnte man diskutieren. Weil sie neugierig waren und dieselben Fragen stellten. Gibt es ein Leben nach dem Tod? Worauf kann man hoffen in dieser Welt? Auch waren sie sich ihrer Problemzonen stets bewusst. Weil sie jede vermeintliche Wahrheit bezweifelten, zweifelten die Klügsten unter ihnen sogar an sich selbst. Kulturatheisten kannten Religion schließlich nicht nur aus Erzählungen. Sie haben die Nebenwirkung kirchlicher Allmacht und Allgegenwart in jungen Jahren persönlich zu spüren bekommen. Religion war für sie deshalb nie bloßer Reiz, um sich aufzuregen. Sie war Bedrohung und Herausforderung zugleich. Wie an einem Wetzstein schärfte der Kulturatheist seine Klinge an der Bibel und den Klassikern der Theologie. So wollte er über die Religion triumphieren mit der Macht des Wissens, des Worts und des besseren Arguments.

Der persönliche Glauben kennt keine Dogmen

Der moderne Heide dagegen will nicht diskutieren, nicht herausgefordert sein. Er möchte, was ihm fremd ist, unter Exkrementen begraben. Zudem ist er träge. Wissen ist ihm schnuppe. Es genügt ihm, die eigene Ignoranz bestätigt zu sehen.

Schön wäre es, könnte man mit ihm bei einem Becher Bowle angeregt diskutieren über den ontologischen Gottesbeweis bei Anselm von Canterbury oder über Richard Dawkins’ berühmte Mem-Theorie von 1976. Nach der funktionieren Religionen wie eine Art gedankliches Virus, das sich von Generation zu Generation vererbt, was in der Fachwelt heute fast nur noch Dawkins selbst wirklich glaubt. Doch wahrscheinlich würde mir der Heide bereits beim Wort "ontologisch" die Bowle wegen vermeintlicher Bildungshuberei über den Schädel schütten.

So gerne der moderne Atheist nämlich den vernünftigen Kraftmeier und Ratio-Übermenschen mimt: Er interessiert sich nicht für philosophische Theorien und Beweise. Er stellt die Welt nicht infrage. Vielmehr nimmt er sie, wie sie sich ihm darbietet. Manchmal beneide ich die modernen Heiden fast um ihre Einfalt. Sie kennt kein Morgen, denkt nicht über den Tod hinaus, sondern genügt sich selbst. Der moderne Atheist hat sich in seiner spirituellen Unbehaustheit derart häuslich eingerichtet, dass er keiner weiteren Hoffnung bedarf. Wer kann das schon? Wer vermag mit Sicherheit zu sagen, er benötige nie ein Quantum Trost?

Die wenigsten. Denn irgendwann stellt sich doch die große Frage nach dem Sinn. Weil man in die Jahre kommt. Weil Verwandte sterben oder Freunde. Den selbstbewusstesten Heiden kann es dann auf einmal nach Trost gelüsten. Michel Houellebecq beispielsweise. Jahrelang behauptete der Skandalschriftsteller, ein "kalter Atheist" zu sein. Das Religiöse sei ihm so wurscht, dass er sich nicht mal mehr darüber aufrege. Und dann starb sein Lieblingshund. Seitdem philosophiert Houellebecq in Interviews über den Schöpfer und die kosmische Ordnung, deren Existenz er auf einmal für möglich hält.

Auch antrainierte Rationalität schützt wenig vor dem Einbruch des Göttlichen. Jahrzehntelang war der amerikanische Star-Astronom Allan Sandage etwa überzeugt, es gebe im Kosmos für alles eine wissenschaftliche Erklärung. Dann aber zog er mit 72 Jahren eine Lebensbilanz: "Die Erforschung des Universums hat mir gezeigt, dass die Existenz von Materie ein Wunder ist, das sich nur übernatürlich erklären lässt."

Zugegeben, genauso schnell, wie sich der Glauben manchmal ins Leben schleicht, verliert man ihn bisweilen. Einmal interviewte ich einen Bischof. Über Bischöfe denken viele, dass diese qua Amtsverständnis gläubig sein müssen, nicht zweifeln dürfen. Nur dass der Bischof, der vor mir saß, an allem zweifelte: an sich, an Gott, an der Welt. Der Zweifel, sagte er mir, sei ein steter Begleiter seines Lebens. Durch den Zweifel bekomme sein Glauben erst Kontur. Er zwinge ihn, sich zu entscheiden: "Will ich glauben und, wenn ja, woran?"

Diese Wahlfreiheit haben Gläubige und Atheisten gemeinsam. Der Zweifel erinnert sie: Nichts ist sicher. Das Übersinnliche lässt sich nicht zweifelsfrei kartieren, kategorisieren, definieren. Nehmen wir den Katholizismus. Alles ist geregelt, für jede Glaubens-Eventualität gibt es ein Dogma, einen Kirchenrechtsparagrafen. So gehört es, streng genommen, zum Katholischsein dazu, an die Jungfrauengeburt zu glauben. Eine Kollegin hielt mal einen Vortrag vor katholischen Würdenträgern. "Hände hoch", forderte sie die auf, "wer von euch Jungs glaubt an die unbefleckte Empfängnis?" Keiner zeigte auf. Die Anekdote belegt: Der persönliche Glauben kennt keine Dogmen. Er lässt sich nicht befehlen. Er ist Entscheidung und Ansichtssache.

Der moderne Heide will nicht diskutieren, nicht herausgefordert sein. Es genügt ihm, die eigene Ignoranz bestätigt zu sehen.

Das würde ich dem Heiden auf der Küchenparty gerne sagen, wenn er sich nicht lieber selbst zuhören würde am Buffet. Manchmal, wenn er wieder verächtlich macht, was anderen Menschen heilig ist, träume ich davon, ihn mit einer extragroßen Frikadelle zum Schweigen zu bringen. "Ruhig bleiben", flüstere ich ihm dann ins Ohr. "Ich tue dir nicht weh, will dich nicht bekehren oder mit Religion infizieren. Sei bitte ein Mann (es sind fast immer Männer!), und reiß dich zusammen. Mein bisschen Glauben wirst du schon aushalten können."

Dann kann der Heide und Gottesverächter Religionen immer noch für Quatsch halten und mit mir den Küchenboden wischen. Aber zumindest habe ich es dann gesagt. Dieses eine Mal.

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