Kompliziert ist Schach auch jenseits des Brettes, wenn es etwa darum geht, die Weltmeisterschaft auszurichten. Die aus Norwegen, Spanien, Russland, Australien, Österreich, Deutschland und den USA anreisenden Mattreporter sind auf das Schlimmste gefasst, als sie das Eventzentrum The College im quirligen Londoner Stadtteil Holborn betreten. Schließlich haben es die WM-Veranstalter der Firma World Chess bislang noch immer geschafft, die Bedingungen gegenüber dem jeweils letzten Mal zu verschlechtern.

Beim Titelkampf in New York 2016 setzen sie den Weltmeister Magnus Carlsen und seinen Herausforderer Sergej Karjakin in eine klaustrophobische Butze und zwängen das Publikum in ein schwarzes, lichtloses Räumchen, in dem es stehend und schwitzend versucht, einen Blick ins Terrarium zu werfen, das Carlsen nach drei Wochen als Sieger verlässt.

Als im März 2018 in Berlin unter acht Kandidaten der nächste Herausforderer Carlsens ermittelt wird, tauchen die Organisatoren das Innere des Kühlhauses am Gleisdreieck in tiefstes Schwarz, als wär’s ein Technoclub. Die Großmeister klagen über sanitäre Probleme ("Wehe, sie müssen", ZEIT Nr. 12/18), das Publikum wird zur nächsten Tankstelle geschickt, wenn es einen Kaffee will.

Lässt sich das in London noch toppen? Beim Betreten des College laufen die Befürchtungen ins Leere. Zwar ist die Schwarz-Obsession immer noch nicht ausgeheilt, aber die nekrophile Ästhetik kommt einfach nicht an gegen den hogwartigen Charme der früheren viktorianischen Lehranstalt. Verschachtelte Flure und Säle öffnen sich dem Brettspektakel. Da ist die Bühne mit 150 Plätzen für Zuschauer, die halbstundenweise eingelassen werden. Es gibt einen Kommentarraum, in dem die einst stärkste Spielerin der Welt, die Ungarin Judit Polgár, das Geschehen zusammen mit einer Meisterkollegin kundig deutet; ein Zimmer mit Spieltischen für Gäste, die es selber wissen wollen; einen Shop mit Schach-Shirts, ein Café, eine Kellerbar und die VIP-Zone, in der russische Models nach wohlhabenden Spielern Ausschau halten.

Überall drängelt sich das Publikum. Selbst am vergangenen Montag ist das Haus voll, schon nachmittags um drei. Schaut man in die Zeitungen und ins Internet, überschlagen sich die Berichte.

Natürlich liegt das am brodelnden London mit seinen 14 Millionen Einwohnern, aber es hat auch zu tun mit den beiden, die sich da jetzt messen. Seitdem der Norweger Magnus Carlsen 2013 den Titel holte, hat es keinen so attraktiven WM-Kampf gegeben. Fabiano Caruana ist der erste Amerikaner seit 46 Jahren, der Weltmeister anstelle des Weltmeisters werden könnte. Damals, 1972, schaute die Welt nach Reykjavík, auf den "Kampf der Systeme", USA gegen UdSSR, Bobby Fischer gegen Boris Spasski.

Einen Kampf der Systeme gibt es 2018 nur aufs Schach bezogen. Carlsen und Caruana hängen unterschiedlichen Ansätzen an. Hier der durchtrainierte Norweger, der das königliche Spiel in eine Marathondisziplin umgedeutet hat, mit Entscheidungen, die in unaufregenden Stellungen nach fünf, sechs Stunden fallen, wenn seine Gegner schlappmachen und er aus ihren kleinsten Fehlern Siege schmiedet. Dort der Amerikaner, der lieber spazieren geht, als kopfüber in der Kletterwand zu hängen; dem die Ideen wichtiger sind als alles Kraftschach; der schon im frühen Stadium verblüffende Züge bringt, die seiner häuslichen Vorbereitung entstammen.

Caruana kommt 1992 als Sohn italienischer Eltern in Miami zur Welt. Sie ziehen mit ihm und seinen zwei älteren Geschwistern nach New York. Weil er so fahrig ist, setzen sie ihn ans Schachbrett. Seinen ersten Verein sieht er mit fünf, den Brooklyn Chess Club, in dem auch Bobby Fischer einst loslegte. Im Alter von zehn Jahren und 61 Tagen erlegt er seinen ersten Großmeister.