Angst vor der Wahrheit – Seite 1

Vielleicht hätte er das Thema doch besser ruhen lassen, vielleicht hätte er es nach dem Vorbild der Kirche besser verdrängt – zumal er selbst nicht das am schlimmsten betroffene Opfer war. Definitiv wäre ihm und seiner Frau viel Leid erspart geblieben.

Stephan Kohn ist heute 56 Jahre alt. Vor 33 Jahren, im Jahr 1985, begann er sich gegen einen Missbrauchstäter zu wehren. Da war er Schüler am Abendgymnasium, mittlerweile arbeitet er im Bundesinnenministerium, ist selbst Familienvater, man könnte meinen, er hat es geschafft. Aber was heißt das, wenn man nicht nur Missbrauch erlebt hat, nicht nur Vertuschung, sondern auch Aufarbeitung? Stephan Kohn sagt: "Ich bereue nicht, dass ich damals den Mund aufgemacht habe. Aber der Umgang mit der Kirche seither hat nur verstärkt, was ich als Gefühl gegenüber dem Täter schon kannte: Ohnmacht." Erst im zähen, kirchengebremsten Aufarbeitungsprozess erfuhr er jenes Leid, das er vorher nicht voll wahrhaben wollte.

Stephan Kohn war 23, als er mit seiner damaligen Freundin zu einem evangelischen Pfarrer seines Vertrauens ging, um sich zu offenbaren und Beistand zu erbitten. Dessen Co-Pfarrer nämlich, zugleich der Stiefvater von Stephan Kohn, hatte ihn und auch die Freundin missbraucht. Vor allem aber missbrauchte er die jüngeren Brüder von Kohn und weitere Jugendliche der Gemeinde teils massiv. Das hatte Stephan Kohn herausgefunden und beschlossen, gegen den Täter vorzugehen, 1986 in Ahrensburg.

Doch das ganze Ausmaß des Missbrauchs stellte sich erst Jahrzehnte später heraus. Denn der Pfarrer und Stiefvater erwies sich als Serientäter, der Dutzende Abhängige missbraucht hatte, der Co-Pfarrer aber agierte als Vertuscher, der allen Grund hatte zu schweigen, weil auch er Schutzbefohlene missbrauchte. Wer nun im Rückblick glaubt, Ahrensburg sei ein krasser Einzelfall gewesen, der ist seit 2014 eines Schlechteren belehrt, nämlich durch eine unabhängige Studie der Nordkirche, in Auftrag gegeben von Bischöfin Kirsten Fehrs: Diese Studie dokumentierte nicht nur Missbrauch, sondern auch jahrelanges machtgeschütztes Verleugnen durch das kirchliche Umfeld. Sie belegt außerdem, wie Opfer gegeneinander ausgespielt wurden. Das Prinzip "Täterschutz vor Opferschutz" war ja keineswegs nur ein katholisches Problem.

Im Fall Ahrensburg wehrten sich die Opfer nach 2010 in einer Betroffeneninitiative. Stephan Kohn sagt, das Bitterste sei, dass man sich untereinander entzweit habe, sogar unter den Brüdern. Die Verantwortung sieht er beim machtvollen Agieren der Kirchenleitung, selbst die Bischöfin Fehrs habe er mehrfach so erlebt.

Sein Bruder Anselm Kohn, heute 48, ebenfalls Familienvater, stimmt ihm zu. "Wir Betroffenen waren nach 2010 bei der Kirchenhierarchie willkommen, solange wir die neue Aufarbeitungsagenda lobten. Sobald man aber Kritik übte, wurde man geschnitten. Wir wurden manipuliert und untereinander gespalten." Sein Vorwurf geht auch an die Bischöfin. "Schon bevor sie ins Amt kam, hat die Kirche so viel angerichtet. Wieso bestimmte man weiter über uns? Wieso sind wir nur Gäste im Aufarbeitungsorchester?" Anselm Kohn vernetzte 2010 die Betroffenen von Ahrensburg, gründete mit ihnen und seinen Brüdern eine erste Initiative. Nicht nur die Vertuschung, auch die Aufarbeitung durch die evangelische Kirche habe Verletzungen hinterlassen, wenigstens das müsse eingeräumt werden. "Und wieso werden wir nicht einbezogen, wenn es drauf ankommt?"

Zum Beispiel diese Woche in Würzburg. Als die Synode der EKD tagte und Kirsten Fehrs eine Programmrede über Missbrauchsaufklärung hielt, wurde kein Betroffenenvertreter angehört. Auf Nachfrage der ZEIT hieß es, man habe synodenordnungsgemäß nur zwei Stunden für den Antrag und die Debatte gehabt. – Dann wird es wohl Zeit, die Synodenordnung zu reformieren. Selbst die Bischofskonferenz, bislang nicht für ihren guten Kontakt zu Aufklärungsaktivisten bekannt, hatte den Betroffenenvertreter Matthias Katsch als Redner eingeladen, als sie im September ihre Studie zum sexuellen Missbrauch vorstellte.

Warum die Angst vor der Wahrheit? In der Studie der Nordkirche ging es auch darum. Eine der Autorinnen, die Anwältin Petra Ladenburger, hatte sich zunächst mit Missbrauchsfällen am katholischen Aloisius-Kolleg befasst, über den Missbrauch in der evangelischen Kirche sagt sie heute: "Ich dachte, ich wechsle vom hierarchischen, autoritären System der Jesuiten zum eher basisdemokratischen liberalen System der Protestanten." Doch die machtvollen Täterstrategien und auch die Dynamiken innerhalb der Institution seien ganz ähnlich gewesen. Ladenburger und Kollegen kritisierten in der Studie unter anderem die Disziplinarverfahren der evangelischen Kirche und den Umgang mit der Seelsorge. "Bis zum Zeitpunkt der Untersuchung wurde bei Kirchenverantwortlichen nicht getrennt zwischen ihrer Rolle als Seelsorger und Dienstvorgesetzte. Außerdem zeigte sich, dass Missbrauch in der Seelsorge eine ebenso große Dramatik haben kann wie Missbrauch in der Therapie." Ein weiteres Problem: Es besteht die Gefahr, dass hohes Engagement von kirchlichen Aufarbeitungsverantwortlichen als private Nähe verstanden wird und bei Betroffenen falsche Erwartungen weckt. Zugleich bleiben Aufarbeitungsmechanismen undurchsichtig, das habe seinerzeit auch die Höhe der Entschädigungszahlungen betroffen. Eine mögliche Folge: die Spaltung innerhalb von Gruppen der Opfer.

"Null Toleranz sieht anders aus"

Was tun? Kirsten Fehrs ist seit Sonntag Sprecherin des "Beauftragtenrates für Schutz vor sexualisierter Gewalt" der EKD. Die Protestanten haben jetzt also ein Pendant zu dem katholischen Bischof Stephan Ackermann, dem Missbrauchsbeauftragten der Bischofskonferenz. So ist die evangelische Kirche nun auf dem Weg zu einem umfassenden Schutzkonzept. Aber nur zehn der zwanzig Landeskirchen haben bisher unabhängige Kommissionen eingerichtet. Und nur aus diesen zehn Landeskirchen stammt die bisherige Gesamtzahl von 479 bearbeiteten Anträgen von Missbrauchsopfern, die die EKD angibt. Deshalb sind Einschätzungen noch gar nicht möglich, ob in der evangelischen Kirche weniger Menschen sexuell missbraucht wurden als in der katholischen. Diese hatte in ihrer im September veröffentlichten Langzeitstudie unter Geistlichen im Bereich der Bischöfe mindestens 1.670 Täter ausgemacht. "Die Sensibilität wächst", hieß es am Dienstag auf der Synode der EKD. Das bedeutet wohl auch: Die Sensibilität ist noch nicht so, wie das Thema es verlangt. Öfter klang im Bericht durch, dass die demokratischen und dezentralen Strukturen der Kirche Aufarbeitung erschweren. Die EKD als das organisatorische Dach der Landeskirchen hat nun begonnen, verbindliche Absprachen zwischen den Landeskirchen zu initiieren. Mit dem Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung hat sie Maßnahmen vereinbart und umgesetzt.

Mittlerweile ist klar, dass man mit den Staatsanwaltschaften noch enger zusammenarbeiten muss. "Die Kirche unterliegt keinen Sonderrechten oder womöglich einer Sondergerichtsbarkeit, die die Täter der Strafgerichtsbarkeit entziehen würde", heißt es im Bericht der EKD. Trotzdem bilden sich einige Protestanten noch zu viel auf die Kritikfähigkeit ihrer Kirche ein. Es heißt, in der evangelischen Kirche sei Missbrauch schwerer zu vertuschen. Ein katholischer Bischof ist Dienstherr aller Priester und könne sie einfach versetzen, wenn sie sich an Heranwachsenden vergehen. Bei der Abberufung evangelischer Gemeindepfarrer bestimmen Kirchengemeinden mit. Nur bei Gefängnis-, Krankenhaus- und Polizeiseelsorgern oder Pfarrern in der Verwaltung haben Kirchenleitungen mehr Spielraum. Dennoch wurde vertuscht.

Und: Der Protestantismus kennt eigene Risiken, etwa seine frühere Öffnung zur Reformpädagogik mit einem besonders lockeren Verhältnis zur Sexualität. Der pädophile langjährige Leiter der 2015 geschlossenen Odenwaldschule, Gerold Becker, gehörte 1988, als die ersten Vorwürfe gegen ihn laut wurden, zur Kammer der EKD für Bildung und Erziehung und zu ihrer Arbeitsgruppe "Konfirmandenarbeit". Sein Freund Hartmut von Hentig, der ihn lange verteidigte, war in der evangelischen Kirche hoch angesehen.

Nachdem sich die evangelische Kirche nun zu breit angelegten Untersuchungen des Missbrauchs entschlossen hat, statt vor allem den an die Öffentlichkeit gelangten Fällen nachzugehen, sollte sie nicht mit zu wenigen Fällen rechnen. Im Haushalt 2019 hat sie 1,3 Millionen Euro für Aufarbeitung und Prävention bereitgestellt. Kann das genügen? Die katholische Kirche hatte allein für ihre Langzeitstudie zum sexuellen Missbrauch Minderjähriger eine Million Euro bezahlt.

Die evangelische Betroffenenvertreterin Kerstin Claus ist trotzdem froh, dass die EKD nun vorangeht: "Es ist Kirsten Fehrs auf der Synode gelungen, die vielen Tatkontexte in der Kirche zu benennen. Realistisch ist auch, dass Betroffene in der evangelischen Kirche oft älter waren als in der katholischen." Für eine Metastudie zum Missbrauch, eine Zusammenführung der Ergebnisse aus den Landeskirchen, müsste man aber jetzt konkrete Vorgaben machen, also Standards erarbeiten, zusammen mit Experten und Betroffenen. "Sonst macht jede Landeskirche, was sie will."

Über die Rede der Bischöfin an die Kirchenvertreter in Würzburg sagt Kerstin Claus: "Zum ersten Mal wurde ein strukturelles Problem benannt. So etwas musste sich die Synode der EKD vorher noch nie anhören." Kritik übt Claus weiterhin am Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm. Er habe das Thema Missbrauch erst in jüngster Zeit und damit viel zu spät scharf benannt. Er habe zudem als verantwortlicher Landesbischof in Bayern im Bezug auf jenen Kirchenmitarbeiter, der Claus missbrauchte und dies auch gestand, "keinen Weg gefunden, ihn aus der verantwortlichen Position zu entlassen. Null Toleranz sieht anders aus!"

Heinrich Bedford-Strohm selbst, der sich schon mehrfach mit Claus traf und sie auch am Tag der Synode anrief, erklärt dazu: "Hierzu gibt es weiterhin Gespräche im Landeskirchenamt." Auf der Synode gehörte der Ratsvorsitzende zu denen, die am klarsten auf eine lückenlose Aufklärung drängen. Seine Bayerische Landeskirche will "eine umfassende Studie von außen. Ich halte es für einen Dienst an der Kirche, wenn Leute von außen draufschauen." In der EKD gebe es keine Stimme, die gegen eine lückenlose Aufklärung sei.

Sein Wort in Gottes Ohr. Unterdessen hat die Unabhängige Kommission der Bundesregierung den Vorstoß der Synode gelobt. Bleibt dennoch die bittere Einsicht: Ohne die Opfer wäre gar keine Aufklärung passiert. Warum also werden sie nicht eingebunden? Weil es dann Streit gäbe und nicht nur vorbereitete Reden? Vielleicht ist es das, was die evangelische Kirche noch einsehen muss: dass sie die Aufklärung ihrer eigenen Verbrechen zwar schleunigst vorantreiben muss, aber nicht mehr dominieren darf.