Ein Jahr nach der Luthersause, die als ökumenischstes der Reformationsjubiläen in die Geschichte eingehen sollte, ist evangelischen Kirchenvertretern eine Nachricht offenbar besonders wichtig: Bei uns Protestanten ist alles ganz anders als bei den Katholiken.

In einem Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger sagte etwa Altbischof Wolfgang Huber: "Für sexuellen Missbrauch gibt es bei uns nicht dieselben strukturellen Voraussetzungen wie in der katholischen Kirche." Das Problem habe auch international im evangelischen Bereich nicht die gleiche Dramatik, allerdings sei jeder Einzelfall zu beklagen und müsse aufgearbeitet werden. Die Synodenpräses Irmgard Schwaetzer pflichtete dem früheren Ratsvorsitzenden prompt bei, und auch der amtierende Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm meint: Die "schmerzhaften Diskurse" um Missbrauch hätten "ihren spezifischen Kontext im Raum der römisch-katholischen Kirche". Es gebe dort "systemische Besonderheiten, wie sie andere Kirchen nicht haben". Und man fragt sich: Wozu die Nebelkerzen?

Die gute Nachricht zuerst: Für die Aufarbeitung sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen in eigenen Einrichtungen wird die Synode im kommenden Jahr 1,3 Millionen Euro zur Verfügung stellen, vorgesehen sind zudem eine zentrale Anlaufstelle sowie gleich zwei neue Studien, eine soll die systemisch bedingten Risikofaktoren speziell der evangelischen Kirche erforschen, eine weitere soll das Dunkelfeld in Diakonie und Kirche ausleuchten. Kirsten Fehrs, Bischöfin der Nordkirche, präsentierte der Synode am Dienstag einen Elfpunkteplan. Sie wird auch für die ersten zwei Jahre Sprecherin eines neu eingesetzten "Beauftragtenrats zum Schutz vor sexualisierter Gewalt". Damit erfüllt die Synode einige Forderungen der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs des Bundes. Sie ahmt aber leider trotz aller Abgrenzungsgesten – und damit beginnen die schlechten Nachrichten – die Dramaturgie ihrer katholischen Glaubensgeschwister nach, in deren Windschatten die Protestanten sich bisher verstecken konnten: von der Rede von den Einzelfällen über den nötigen und unermüdlichen Kampf der Opfer bis hin zum späten Einlenken.

Und noch etwas hat die evangelische mit der katholischen Missbrauchsaufarbeitung gemein: Beide großen Kirchen meinen auch über zwanzig Jahre nach den ersten bekannt gewordenen Missbrauchsfällen, das Thema losgelöst erstens von ihrer Krise und zweitens von ihren Zukunftsüberlegungen bearbeiten zu können. Die katholische Synode in Rom im Oktober und die Synode der EKD am vergangenen Wochenende, sie beide wollten junge Menschen wieder stärker einbinden, ihnen und ihrem Glauben mehr Raum lassen. Als aber Präses Schwaetzer sagte: "Beide Themen gehören zusammen", meinte sie nicht etwa die Jugend und den Missbrauch, sie meinte die Jugend und die Digitalisierung, für die nun immerhin doppelt so viel Geld bereitgestellt werden soll wie für die Missbrauchsaufklärung.

Beide Kirchen verkennen bisher, dass über die Zukunft nur zu reden braucht, wer die eigene schlimme Vergangenheit aufarbeitet; dass nur zu neuen Ufern aufbrechen sollte, wer die Systematik überwindet, die den Missbrauch auch in der evangelischen Kirche hundertfach möglich gemacht hat. Junge Menschen werden sich nicht von einer Kirche mit irgendwelchen Apps blenden lassen.

Im Vorfeld der EKD-Synode betonte ein hoher Kirchenvertreter im kleinen Kreis: "Das wird aber keine Missbrauchssynode." Und sie wurde es doch.