Stellen Sie sich vor, Sie starten in Ihr Erwachsenenleben, sind Anfang 20 und voller Ideen und Zukunftshoffnung. Da wird bei Ihnen eine rätselhafte Krankheit diagnostiziert, die unheilbar ist und – so eröffnen Ihnen die Ärzte bedauernd – allmählich zur Lähmung und über kurz oder lang zum Tod führen wird. Wie viele Jahre Ihnen noch bleiben, kann niemand genau sagen, aber den betroffenen Mienen der Ärzte entnehmen Sie, dass es offenbar nicht mehr allzu viel Zeit sein wird.

Wie gehen Sie damit um? Wüten Sie gegen Ihr Schicksal und stürzen sich in eine Verzweiflungsaktion? Versinken Sie in Selbstmitleid und einem depressiven "Es hat ja alles eh keinen Sinn mehr"-Gefühl? Oder hoffen Sie auf ein Wunder und bitten Sie – je nach Glaubensrichtung – um eine Audienz beim Papst/Dalai Lama/Wunderheiler?

Das ist mehr als ein hypothetisches Gedankenspiel. Es ist einerseits die Geschichte eines persönlichen Schicksals; andererseits ist es eine gute Metapher für das Lebensgefühl unserer Zeit, das von Krisen- und Endzeitstimmung geprägt ist. Angesichts einer Vielzahl existenzieller Bedrohungen – Politkrisen, Terrorismus, Atomkriegsgefahr, Klimawandel – wirkt das demokratische System wie von einer schweren Krankheit befallen, von einer Art politischer Lähmung, für die es keine rettende Therapie zu geben scheint. Zwar kann niemand sagen, wie lange die gewohnten Mechanismen noch funktionieren, doch der Zusammenbruch scheint nur noch eine Frage der Zeit.

Die Gesellschaft reagiert auf diese Krisenstimmung ähnlich wie ein Todkranker auf die Nachricht von seinem baldigen Ende: Nicht wenige Bürger flüchten sich in Wut und Verzweiflung, toben ihre Angst und ihren Hass in sozialen Netzwerken oder radikalen Parteien aus; andere versinken in Depression, ziehen sich zurück und lesen Bücher wie Houellebecqs Unterwerfung oder Sarrazins Deutschland schafft sich ab, die mit großer Geste den Untergang des Abendlandes beschwören.

Stephen Hawking hat nichts von alledem getan, als ihm sein bald bevorstehendes Ende angekündigt wurde. Dabei hätte er allen Grund zur Wut gehabt. Kurz nach seinem 21. Geburtstag eröffneten ihm die Ärzte, dass er an einer seltenen Muskelerkrankung leide, für die es keine Therapie gebe. Wie lange er noch zu leben habe, konnte niemand sagen, aber es war klar, dass sich sein Zustand kontinuierlich verschlechtern würde. Der junge Physik-Doktorand wusste nicht einmal, ob ihm noch genügend Zeit bliebe, seine Promotion abzuschließen.

Dann aber überlebte er alle Prognosen und erreichte das respektable Alter von 76 Jahren. Und als er im März 2018 starb, wurde der gelähmte Kosmologe für eine Weltkarriere gerühmt, die selbst für kerngesunde Forscher märchenhaft gewesen wäre: bekanntester Physiker seiner Zeit, erfolgreicher Bestsellerautor und mehrfacher Vater und Großvater. Unwillkürlich fragt man sich da: Welche Zuversicht gab ihm Kraft, woraus schöpfte Hawking seinen erstaunlichen Lebensmut? Und was lässt sich daraus lernen für unseren eigenen Umgang mit Krisensituationen?

Üblicherweise sind angesichts solcher Fragen schnell ein paar typische Empfehlungen zur Hand: Man dürfe die Hoffnung nicht verlieren, dass am Ende doch alles gut ausgehe, müsse sich in positivem Denken üben und zum Beispiel darauf vertrauen, dass auch bei unheilbaren Krankheiten noch Spontan- oder Wunderheilungen möglich seien; oder man solle sich der Religion zuwenden und seinen Glauben wiederentdecken.