Es ist der 9. Juli 2018, als sich ein Mann in einem schweizerischen Gefängnis an seinen Computer setzt und die Sätze schreibt, die ihm den Tod bringen sollen. Zelle 415. Häufig sitzt Peter Vogt hier und tippt Briefe. An seine Anwälte, Freunde, die Familie. Doch dieser ist vielleicht sein wichtigster. Unter seinen dicken Fingern klappert die Tastatur, auf dem Bildschirm ziehen sich die Zeilen in die Länge.

Obschon ich zugegebenermaßen in der schweizweit optimalsten Vollzugsinstitution für Verwahrte untergebracht bin, ist für mich dieses Leben unter den bestehenden Voraussetzungen nicht mehr lebenswert.

(Brief von Peter Vogt, 2018)

Als er fertig ist, unterschreibt er und schickt den Brief an die Sterbehilfeorganisation Exit.

Sollten der Vorstand und die Ethikkommission von Exit in seinem Sinne entscheiden, könnte es bald vorbei sein mit seinem Leben. Ein Arzt würde ihm das Rezept ausstellen. Natrium-Pentobarbital stünde drauf. Exit würde es für ihn einlösen, das Mittel sicher verwahren. Peter Vogt, 68 Jahre alt, dürfte dann selbst entscheiden, wann es so weit ist. Am Tag seines Todes käme eine Freitodbegleiterin mit dem Mittel zu ihm.

Normalerweise sterben Menschen, die die Dienste von Exit in Anspruch nehmen, zu Hause. Peter Vogt weiß noch nicht, wo er sterben wird. Das Gefängnis ist sein Zuhause, seit 24 Jahren. Vielleicht wird es hier enden, vielleicht richten sie ihm einen Raum her, seine Tochter wird da sein, seine Ex-Frau, Freunde. Sie werden ihm beistehen, haben sie ihm gesagt, doch den letzten Schritt muss er selbst gehen. Das ist die Voraussetzung. Aktive Sterbehilfe ist in der Schweiz verboten. Niemand darf ihm das tödliche Mittel einflößen, er selbst müsste das Wasser mit dem Natrium-Pentobarbital trinken. Die Freitodbegleiterin würde überprüfen, ob er weiß, was er tut, ob er aus freiem Willen stirbt. Dann würde er das Glas ansetzen. Ihm blieben einige Minuten. Ein letzter Abschied, eine letzte Berührung. Die Müdigkeit käme über ihn. Er würde, so sein Plan, friedlich einschlafen.

Peter Vogt weiß, dass sein Vorhaben Aufsehen erregen wird. Dass sein Fall Streit auslösen wird, Unsicherheit. Peter Vogt ist ein Serienvergewaltiger. Jahrzehntelang hat er Mädchen und Frauen sexuell missbraucht. Hat sie gequält, gewürgt, einmal fast umgebracht. Sein jüngstes Opfer war erst zehn Jahre alt. "Ich habe in der Schweiz eine gewisse Berühmtheit erlangt", sagt er über sich selbst. Nun steht er wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit, vielleicht zum letzten Mal.

Seit 1918 wird die Beihilfe zum Suizid in der Schweiz toleriert, solange sie nicht aus "selbstsüchtigen Motiven" geschieht. Genau 100 Jahre später stellt Peter Vogt dieses Konzept auf die Probe: Darf ein Mann wie er, der zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt wurde – darf der sich die größte Freiheit nehmen und seinem Leben selbstbestimmt ein Ende setzen?

Peter Paul Vogt wurde zwischen 1974 und 1990 mehrfach wegen Gewalt- und Sexualdelikten zum Nachteil von mehr als zehn Mädchen und Frauen zu mehrmonatigen bis mehrjährigen Freiheitsstrafen, teils unter Anordnung der Verwahrung, verurteilt. Seine Opfer waren – soweit aktenkundig – zwischen zehn und 56 Jahren alt. Am 02. September 1996 wurde Peter Paul Vogt letztmals verurteilt.

(Entscheid der Polizei- und Militärdirektion des Kantons Bern, 2017)

An diesem Morgen, es ist Anfang Oktober, liegt Menzingen im Kanton Zug über einer Nebeldecke. Die Sonne bahnt sich ihren Weg hindurch. Die Interkantonale Strafanstalt Bostadel ist leicht zu finden. Ein braungrauer Klotz, hohe Zäune, auf der einen Seite eine Landstraße, auf der anderen ein Waldstück.

Peter Vogt sitzt im Besucherraum und spielt mit dem Ring an seinem Finger. Chromstahl. Er hat ihn selbst hergestellt. Seit 16 Jahren arbeitet er in der Metallwerkstatt des Gefängnisses. Seine massige Gestalt flößt Respekt ein – 156 Kilogramm wiegt er und weiß, dass das zu viel ist. Seine breite Nase wird eingerahmt von einer eckigen Brille und einem Schnurrbart. Seine fahle Haut ist die eines kranken Mannes. Das Fenster ist offen, kalte Luft strömt herein. Es riecht nach Herbst.

Peter Paul Vogt leidet an einer kombinierten Persönlichkeitsstörung / Psychopathie mit narzisstischen, dissozialen und impulsiven Anteilen, welche sehr schwer behandelbar ist.

(Verfügung der Polizei- und Militärdirektion des Kantons Bern, 2011)