Gleich zu Beginn des Abends, um 18 Uhr, weigert sich der Empfang in Halle 3 der Frankfurter Buchmesse, ein gewöhnlicher Buchmesse-Empfang zu sein: Da hängt ein Öl-auf-Aluminium-Gemälde von Albert Oehlen, den viele für den wichtigsten lebenden abstrakten Maler halten. Die Möbel am Stand – Antiquitäten der Belle Époque aus den 1920er-Jahren – stammen aus dem Nachlass des bis vor zwei Jahren renovierten Hôtel Ritz an der Pariser Place Vendôme. Zwischen den mit Büchern bepackten Regalen und Tischen wird als eine der wichtigen Neuerscheinungen im Programm der Bildband Murals of Tibet präsentiert: Die Art-Edition, limitiert auf 40 Exemplare, wird mit einer Reproduktion eines tibetischen Wandbildes geliefert (25.000 Euro, schon vor Erscheinen war die Edition ausverkauft), vom hier ausgestellten Band im übergroßen Format erscheinen 898 Stück zum Preis von je 10.000 Euro, die Edition ist von Seiner Heiligkeit, dem 14. Dalai Lama, signiert. Mit diesem Buch, so wird ebenso unbescheiden wie sachlich nachvollziehbar behauptet, habe der Verlag ein Stück kulturhistorisch wertvolle Konservierungsarbeit geleistet: Die Wandteppiche, in den Klöstern im tibetischen Hochland dem Anblick weniger Mönche vorbehalten, zerfallen – der Bildband soll diesen Kunstschatz der Weltöffentlichkeit zugänglich machen und ihn für kommende Generationen erhalten.

Über die Bar werden nun in hohem Tempo Wein und Champagner ins Gedränge gereicht, der Betriebsleiter des Kölner Verlags legt den Disco-Klassiker Le Freak auf. Vom benachbarten Stand, dem verdienstvollen Ravensburger-Verlag für Spiele, Puzzles und Kinderbücher, schauen sie ein wenig ratlos und erschrocken herüber: Die haben schon verdammt gute Laune beim Kölner Taschen Verlag, dem seit vielen Jahren größten und umsatzstärksten deutschen Verlag für Bücher zu Kunst, Fotografie, Design und Architektur – oft gepriesen und gefeiert, von vielen aber irgendwie auch als Zumutung empfunden, eben wegen der Größe, Lautstärke, Kraft und Opulenz des Programms dieser fast immer sorgfältig edierten Bildbände.

Marlene Taschen, 33 Jahre alt, die Frau mitten im Gedränge – Tochter des Verlagsgründers und langjährigen Chefs Benedikt Taschen, seit Januar letzten Jahres leitet sie den Verlag als Geschäftsführerin –, sie entschuldigt sich jetzt (da will der alte Kölner Verlegerklüngel um Helge Malchow und Walther König Guten Abend sagen) und verweist auf den langjährigen Herstellungsleiter beim Taschen Verlag, der einen anderen Hit des Programms, den großen Bildband über Ferrari, vorstellen möchte. Schon wieder so ein Monsterbuch: Die Collector’s Edition von 1947 Stück (die Auflagenzahl verweist auf das Gründungsjahr von Ferrari), signiert von Piero Ferrari, John Elkann und Sergio Marchionne, wird in einem Metallkoffer im Design eines Motorblocks geliefert, die Art-Edition von 250 Stück gibt es mit einem Metallständer, von der Firma Moto Guzzi in Form von Auspuffrohren produziert. Ein Buch als Skulptur: Der Ferrari-Bildband darf nur mit weißen Handschuhen angefasst werden, wie ein Kunstwerk.

Schon wieder ein Superlativ – und man kann, auch wenn einem teure Autos wenig bedeuten mögen, nicht anders als beeindruckt sein von dieser fast manisch akribischen und perfektionistischen Verlegerkunst. Gestartet einst, 1980, vor bald vier Jahrzehnten, mit der "Demokratisierung des Kunstbuchmarktes" (Kunst-Monografien in extrem hohen Auflagen zu sehr erschwinglichen Preisen), folgt Taschen mit seinem Tibet- und Ferrari-Bildband dem zunächst als Spleen und Spielerei, mittlerweile als hochrentables Standbein des Verlags aufgefassten Konzept, sich auch im Markt der Sammlerauflagen und Kunsteditionen zu etablieren: Damals, 1999, erschien der erste sogenannte Sumo-Band im Überformat über Helmut Newton; Sammlerausgaben gab es seither unter anderem zu Muhammad Ali (GOAT, 2003), den Rolling Stones, Ai Wei Wei, zuletzt zu David Hockney (A Bigger Book, 2016). Eben weil der Verlag aus seiner Geschichte heraus das Erreichen eines Massenpublikums als Teil seiner Identität begreift, erscheinen fast alle Sammlerausgaben noch einmal im kleineren Format und zu erschwinglichem Preis. Taschenbücher zu 10 Euro, früher die Kleine Reihe, heißen heute Basic Art, vor einigen Jahren wurde die Reihe Bibliotheca Universalis in Leben gerufen (ein maximal breites Spektrum von Caravaggio und Salvador Dalí bis zu dem Bestseller 1000 Chairs und dem Schwulen-Comic Tom of Finland).

Die neue Verlegerin: ihre schmale, lange und elegante Gestalt. Das Schwere-Bücher-in-den-Händen-Halten steht ihr gut. Ihr leichter rheinischer Singsang: Sie macht es ihren Gesprächspartnern einfach – sofort gewinnt man den Eindruck, man könne sich mit ihr leicht und schwungvoll und wahrscheinlich auch ganz lustig unterhalten. Weil sich das im Gewühl am Buchmesse-Stand gut macht, erzählt sie vom weltweit 14. Taschen-Store, den sie jüngst in Hongkong eröffnet habe. Natürlich, der Buchmarkt in China und in Asien sei einer der wenigen noch ausbaufähigen.

Mit der neuen Verlegerin, noch keine zwei Jahre im Amt, müssten ein paar Dinge doch ganz interessant zu besprechen sein, etwa: Wie leitet man den größten Kunstbuchverlag auf Erden, worauf kommt es da an? Bestimmt sie das Programm, oder liegt das weiter in den Händen ihres Vaters Benedikt? Ihr Vater, der Patriarch, Gründer und Selfmademan, nach wie vor Inhaber des Verlags, der Sammler, der sich längst auf Augenhöhe wähnt mit den Künstlern, über die er Bücher macht, ein in vieler Hinsicht grandios altmodischer und autokratischer Verlegertypus und mit 57 Jahren ja längst noch nicht in dem Alter, in dem große Männer für gewöhnlich zurücktreten: Kann so einer loslassen? Eine delikate Frage: Müsste der manchmal doch etwas saturiert und geheimnislos wirkenden Popularität des Programms nicht innerhalb des Programms widersprochen werden? Konkret: Wann bringt der Taschen Verlag, wie 1991 mit dem Fotografen Wolfgang Tillmans, mal wieder eine Monografie über einen jungen, wilden, noch nicht etablierten Künstler heraus? Bisher hat Marlene Taschen noch kein Interview gegeben. Nun, sagt sie, sei sie so weit.

Gut eine Woche vor der Buchmesse, nach einem Empfang des Taschen Verlags in London – der Kurator Hans Ulrich Obrist hat zu einem VIP-Breakfast anlässlich der Eröffnung der Kunstmesse Frieze geladen –, gibt es in einem Café im Hydepark Gelegenheit, ein wenig ausführlicher zu reden. Marlene Taschens Biografie in Stichpunkten: 1985 als ältestes von drei Kindern geboren (ihr Bruder Benedikt junior leitet heute eine Galerie in Köln, ihre Schwester Charlotte lebt als Schauspielerin in Los Angeles). Ihre Mutter, gelernte Schreinerin, seit drei Jahrzehnten neu verheiratet, war in den Augen ihrer Tochter immer eine starke, warmherzige und eigenwillige Frau. Schön ist, dass Marlene als Kind und Jugendliche – ihr Vater gründet als 19-Jähriger seinen Verlag, lebt damals in einer Einzimmerwohnung in Köln – praktisch den gesamten Aufstieg vom Verleger von Comicbüchern bis zum globalen Player im Buchmarkt erlebt und mitmacht. Es ist eine freie und fordernde Erziehung, die Kunst und das Büchermachen gehören zum Alltag, der Vater breitet Layouts auf dem Wohnzimmerboden aus und hält seine Kinder dazu an, eine Meinung zu äußern, auf Partys werden Bettlaken über Jeff-Koons-Skulpturen gelegt ("Nicht anfassen!"). "Wollt ihr lieber jetzt Taschengeld haben oder später ein Martin-Kippenberger-Bild?", fragt Benedikt Taschen seine Kinder, und sie entscheiden sich für das Taschengeld: "Der Kippenberger, das wussten wir, würde später eh dazukommen." Marlene studiert Psychologie und BWL an der London School of Economics. Vor einem Jahr zieht sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, dem Geschäftsführer des Mode-Labels Vivienne Westwood, und der dreijährigen Tochter von Mailand nach London.