Der schönste Ort von Tunis steht in keinem Reiseführer. Kaum ein Tourist findet den versteckten Eingang im Gassenlabyrinth der Medina. Vorbei an alten Möbeln und muffigen Teppichstapeln steige ich über verwinkelte Treppen nach oben ... und stehe plötzlich im letzten Abendlicht über den Dächern der Altstadt. Andalusische Fliesen, arabische Cafétische, junge Tunesierinnen und Tunesier plaudern beim Minztee. Die Große Moschee aus dem 7. Jahrhundert ist zum Greifen nah. Ich bin gerade noch rechtzeitig gekommen; gleich beginnt das Konzert. Der Muezzin ruft zum Abendgebet, und von all den anderen Minaretten, die aus dem Häusergeflecht ragen, erklingt der gleiche Gesang, aber zeitversetzt; jeder Sänger scheint eine andere Uhr zu tragen. Ein feierlicher Ton schwebt über dem Häusermeer, während die Hitze des Tages nachlässt. Die blaue Stunde von Tunis. Nicht mehr Tag und noch nicht Nacht. Ich schließe die Augen und lausche. Doch dann schleicht sich eine Dissonanz in den Zauber. Allahu Akbar! Der Gebetsruf, unter Arabern eine so alltägliche Redewendung wie "Grüß Gott!" für die Bayern, löst in mir eine Assoziationskette aus, die mit Cat Stevens beginnt und beim "Islamischen Staat" noch nicht haltmacht. Ich öffne verstört die Augen, und der freundliche Kellner reicht mir einen Minztee. Ich ärgere mich über meine Gedanken. Wer hat die Magie der arabischen Welt entführt? Wie konnte eine Minderheit die Köpfe der Mehrheit besetzen?

Ich habe diese weiße Stadt am Meer immer geliebt. Die Schönheit des Orients, nur zwei Flugstunden von Deutschland entfernt. Aber war unsere Faszination über 1001 Nacht am Ende nicht auch ein orientalistisches Klischee? Maghreb bedeutet: "der Westen".

Ich kenne beide Seiten des Zerrbilds. Wenn man als eher dunkelhäutiger Jugendlicher in Bayern aufwächst, kann es schon mal passieren, dass man entweder als "Neger" gedisst oder für seine "feurigen Glutaugen" angeschmachtet wird. Beides ist, auf gut Bayerisch, ein rechter Schmarrn. Vor allem, wenn man seinen tunesischen Vater kaum gekannt hat. Ich habe schöne Erinnerungen an die Besuche in Tunesien bei meinen Freunden und Verwandten – an ihren Humor, ihre Herzlichkeit und Gastfreundschaft. Religion war nie ein Thema, Terror auch nicht. Aber das war vor dem Arabischen Frühling 2011. Erst zur Recherche für meinen Roman Piccola Sicilia, der im deutsch besetzten Tunis der Vierzigerjahre spielt, kam ich vor zwei Jahren erneut zurück nach Nordafrika. Und jetzt, im siebten Jahr nach der Revolution, begegne ich, jenseits aller orientalistischen Stereotype, einem Land auf der Suche nach sich selbst.

Alles hat sich verändert, seit die Menschen ihren Diktator in die Wüste gejagt haben. Während der Arabische Frühling andere Staaten ins Chaos stürzte, gelang dem kleinen Tunesien, wo der Aufstand begann, die Transformation zur Demokratie. Die Zivilgesellschaft wurde mit dem Friedensnobelpreis belohnt. Allerdings stottert die Wirtschaft. Ihre wichtigste Einnahmequelle, der Tourismus, kam mit den zwei Terroranschlägen von 2015 fast zum Erliegen. Und ein Selbstmordattentat wie jenes vor zwei Wochen in Tunis wird erneut viele Menschen abschrecken, auch wenn es dabei keine Toten gab. Steigt die Jugendarbeitslosigkeit, dann werden perspektivlose junge Männer und Frauen leicht zur Beute für radikale Islamisten. Ein Teufelskreis.

Tunesien hat aber auch eine engagierte Zivilgesellschaft, die dagegen angeht, mit Orten der Begegnung, kulturellen Projekten und Mikrounternehmen, die Jugendliche unterstützen. Und im Schatten der politischen Ereignisse entstand in Tunis ein Gegenentwurf zu den Bettenburgen der Pauschalurlauber: ein neuer Kulturtourismus für Individualreisende. "Früher saßen die Touristen am Strand, mit dem Rücken zu unserem Land", erzählt die Unternehmerin Leila Ben Gacem. "Jetzt kommen Leute, die sich für uns, unser Leben und unsere Kultur interessieren. Und wir für sie." Leila, eine energische Frau von Ende vierzig, hat während der Revolution ein altes Haus in der Medina restauriert und dann ein kleines Hotel daraus gemacht. Die Möbel und Lampen für das Haus ließ sie von Kooperativen aus Künstlern, Handwerkern und Jugendlichen herstellen. Und sie ist nicht die Einzige: Überall in der Altstadt entdecken die Tunesier ihr architektonisches Erbe. Intellektuelle renovieren Altbauten, Künstler eröffnen Cafés und Restaurants, und Privatleute bauen ihren Familienbesitz zum Gästehaus um. Mit Erfolg. Die Touristen aus Europa kehren zurück. Marrakesch mag längst gentrifiziert sein, aber Tunis ist noch eine Entdeckung.

Ich habe den Eindruck, die Tunesier sind wie ihre Häuser: Wenn du als Fremder an ihnen vorbeigehst, wirken sie zurückhaltend, verschlossen fast, tatsächlich schüchtern. Suchst du aber das persönliche Gespräch, öffnet sich eine unscheinbare Tür zu einem großzügigen Innenhof, und der Gast wird aufs Herzlichste bewirtet. Im Gegensatz zum europäischen Haus trägt das orientalische Haus seine Fassade nach innen: Das Dar Ben Gacem, Leilas Hotel, hat außen nur schlichte gelbe Mauern, aber der Innenhof ist zauberhaft schön. Andalusische Bögen mit schwarz-weißen Streifen, sizilianische Fliesen an den Wänden, arabische Holzschnitzereien an den Zimmerdecken, und die Säulenkapitelle sind Relikte aus dem alten Karthago. Leila, die auch in den Arabischen Emiraten gearbeitet hat, erzählt: "Am Golf sind sie stolz auf ihr reines Blut. Möglichst noch mit Abstammung vom Propheten. Wir Tunesier dagegen sind ein Mittelmeervolk: Hier haben alle etwas hinterlassen, die Phönizier, Berber und Juden, die Römer, Franzosen und Italiener ... ja, und ein bisschen arabisches Blut haben wir auch." Sizilien liegt hundertfünfzig Kilometer entfernt, Mekka viereinhalbtausend.

Und Frankreich, geliebt und gehasst für sein koloniales Erbe, beginnt nur ein paar Straßen weiter, im Centre Ville. Denn Tunis hat gleich zwei Altstädte: Vor den Mauern der Medina errichteten die Franzosen im 19. Jahrhundert ein kleines Paris, mit Boulevards, weißen klassizistischen Fassaden, einem Grandhotel und einem Opernhaus. So entstand eine Stadt mit zwei Gesichtern, die wie ihre Bewohner mühelos mit verschiedenen Sprachen jongliert. Auf der Straße hört man eine Mischung aus Arabisch und Französisch, die Kinder wachsen mit italienischem Fernsehen auf, wer im Tourismus arbeitet, spricht Englisch, und manch ein Taxifahrer begrüßt mich auf Deutsch, weil er mal Koch in Wuppertal war.

"Der Tunesier ist ein bisschen schizophren, er hat mehrere Identitäten", sagt Rafram Haddad, ein jüdischer Künstler von Anfang vierzig mit tunesischem und israelischem Pass, der in europäischen Galerien ausstellt und als Untermieter einen alten sizilianischen Palazzo in der Medina bewohnt. Ich treffe den entspannten Lockenkopf im Hafenviertel Petite Sicile, wo auch mein Roman spielt. In dem ehemaligen italienischen Einwandererviertel reihen sich Cafés und Fischrestaurants aneinander, hier gibt es eine katholische Kirche und eine Synagoge, hier wurde Claudia Cardinale geboren. Es ist Samstag, und wir können die geplanten Fotos mit Rafram nur zwischen 11 und 12 Uhr machen. "Mein Freund, der Rabbi, betet dann in der Synagoge und sieht mich nicht bei der verbotenen Sabbatarbeit", sagt er und lacht. Bis zum frühen Morgen hat Rafram noch am Strand auf einer Electro-Party gefeiert. Er zeigt mir die blaue Tür des Rathauses, die ihn zu der Installation Burned Door für die Kunsthalle Düsseldorf inspiriert hat: elftausend schwarze Nägel im Holz, die verschiedene Symbole darstellen, unter anderem einen Halbmond, einen Davidstern und ein Kreuz. Rafram hat diese Tür detailgetreu nachgebaut, aber statt Nägeln hat er Streichhölzer verwandt, um zu zeigen, wie fragil und entzündlich das traditionelle Miteinander der Religionen geworden ist.