Gute Nachrichten für Kulturpessimisten: Inhabergeführte Buchläden, von denen viele doch eigentlich dachten, dass es sie kaum noch gebe, entfalten derzeit wieder eine Kraft, als wäre Amazon noch nicht erfunden. War es letzte Woche die Münchner Buchhandlung Lehmkuhl, derentwegen Journalisten und andere Menschen mit Twitter-Account diskutierten, ob eine linke Autorin wie Margarete Stokowski selber entscheiden dürfe, wo sie ihre Lesungen abhalte (die einen sagen so, die anderen so), droht nun das Dresdner BuchHaus Loschwitz etwas anzustoßen, das man mittlerweile eigentlich nur noch mit spitzen Fingern anfassen mag: eine Debatte.

Geführt wird jenes BuchHaus von Susanne Dagen, die man kennt, weil sie in der Vergangenheit diverse Auszeichnungen erhielt, etwa den Preis des Deutschen Buchhandels. Aber man kennt sie eben auch, weil sie sich seit einiger Zeit politisch engagiert, und das heißt in Dresden nun mal nicht selten: in gedanklicher und personeller Nähe zu Pegida. In einem offenen Brief wenden sich deshalb jetzt der Publizist Hans-Peter Lühr und der Kulturwissenschaftler Paul Kaiser an die "liebe Susanne", mit der sie seit Langem gut bekannt sind: "Unser großes Unbehagen ist deine offene Solidarisierung mit dem rechten Spektrum der Gesellschaft." Erschienen ist der Brief im regionalen Kulturblättchen Elbhang-Kurier auf den Leserbriefseiten. Trotzdem aber, so ist zu befürchten oder halt zu hoffen (die einen sagen so, die anderen so), dürfte er in den nächsten Tagen eine enorme Reichweite erzielen. Denn der Schriftsteller Uwe Tellkamp, der mit Dagen ebenfalls gut bekannt ist, fühlte sich von Lührs und Kaisers Wortmeldung derart herausgefordert, dass er seinerseits zum Stift griff. Bemerkenswert ist das, weil sich Tellkamp lange Zeit beharrlich ausschwieg, seit er im März bei einer Podiumsdiskussion einen "Meinungskorridor" beklagt hatte, in dem seine Kritik an der Flüchtlingspolitik keinen Platz erhielte. Überschüttet wurde Tellkamp anschließend mit Presseanfragen, die er, womit er seine These immerhin irgendwie bestätigte, allesamt ausschlug.

Nun jedenfalls beendet er sein Schweigen mit einem J’accuse: Der Brief von Kaiser und Kühn erinnere ihn an das ostdeutsche Meinungsklima vor 1989. Schlüssig ist seine Nutzung der DDR-Keule nicht wirklich: Endet Lührs und Kaisers Brief, der alles andere ist als Boykottaufruf oder ideologisches Pamphlet, doch mit den Worten "Bleiben wir im Gespräch". Die Buchhändlerin Dagen könne gerne sagen, was sie wolle, aber man würde gerne mit ihr darüber diskutieren dürfen. Das Wort "Lügenpresse" vermeidet Tellkamp zwar, und doch sieht er die Medien am Werk, wenn es darum gehe, Widerspruch von rechts konzertiert niederzuschreiben.

Bereits während der Podiumsdiskussion äußerte Tellkamp: "Meine Meinung ist geduldet, erwünscht ist sie nicht." Stattdessen würde er "in die rechte Ecke" gestellt. Nicht nur hier irrt Tellkamp, denn es sind nicht die Medien, die ihn in die rechte Ecke stellen. Er ist es selber: Seinen Brief veröffentlichte er am Dienstag auf dem Blog des Verlegers Götz Kubitschek. Der kann nun wirklich nur jenen nicht als stramm rechtsradikal gelten, denen Angela Merkel eine Linksextremistin ist.